Zum Einkaufen in die Röhre

9. Februar 2011, 11:29
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Wintergarten, Milchbar, Fahrrad-Drive-in: Was angehenden Archi­tekten zum Thema Supermarkt eingefallen ist, zeigte ein Wettbe­werb von TU Wien und Spar AG

Nichts weniger als ein "visionärer Ausblick über die Grenzen des Bauwesens hinaus" war von den Teilnehmern des Studentenideenwettbewerbs "Smart Market" gefordert. Ausgeschrieben wurde dieser 2010 von der Fakultät für Architektur und Raumplanung der Technischen Universität Wien und der Spar AG.

Diese ist auf der Suche nach einem "frischen Konzept mit Wiedererkennungswert und hohen Kundennutzen" für den künftigen Markt mit Standort Karl-Lueger-Platz in der Wiener Innenstadt. Dort soll ein Flagship-Store mit 200 Quadratmetern ebenerdiger Verkaufsfläche entstehen. "Wir wollen keine Läden von der Stange", sagte Spar-Vorstandsdirektor Hans K. Reisch, "sondern individuell auf die jeweilige Umgebung abgestimmte Gebäude mit neuen Ideen." Dies inkludiere neben einer maximalen Verkaufsflächenausnutzung auch optisch ansprechende Architektur.

Die angehenden Architekten und Raumplaner hatten vier Monate Zeit, sich diesen Herausforderungen zu stellen. Ende Jänner tagte eine Jury mit Experten der TU, der Stadt Wien und Vertretern der Spar AG und kürte die Top-Drei-Entwürfe. Die Goldmedaille ging an das Projekt Spar Experience, erdacht und präsentiert von Johann Szebeni. Seinem futuristisch angehauchten Entwurf folgend wird aus dem Supermarkt am Ende der Wollzeile ein futuristischer Wintergarten mit Barbereich und einem automatisierten 24-Stunden-Selbstbedienungsmarkt (siehe Renderings).

Kubrick lässt grüßen

Letzterer ist eine Art Röhre, die entfernt an die Raumstation in Kubricks 2001 - Odyssee im Weltraum erinnert: Hier drehen sich runde Regale auf Magnetschwebebahnen um einen Gang, durch den der Konsument durch das Geschäft wandert. Auf diese Weise wird die gewünschte Ware in Griffweite des Einkäufers bewegt. Außerdem, rechnete Szebeni vor, werde durch die Kreisform der Regale das Verkaufsvolumen pro Meter deutlich erhöht. Befüllt werden sie quasi in der Drehbewegung aus dem Lager, das sich im Keller darunter befindet.

Obst und Gemüse - beides zu empfindlich für bewegliche Regale - kann sich der Kunde wie gewohnt in der Obstabteilung holen. Bezahlt wird mittels einer Chipkarte, schließlich sind auch innovative Bezahlsysteme Teil eines "Smart Market". Der Wintergarten soll zum Verweilen und Konsumieren der an der Feinkosttheke erworbenen Speisen und Getränke einladen. Alle drei Gebäudeteile können über separate Eingänge betreten werden. Außerdem dient die Theke abends als Bar.

Besonders gefallen hat der Jury, dass es sich "um ein sehr platzsparendes, erlebnisorientiertes Konzept handelt und der Prozess, wie die Waren zum Kunden gelangen, veranschaulicht wird". Jury-Mitglied Reisch lobt die "visionäre Idee, die trotz vieler neuer Überlegungen auf dem Boden der Tatsachen geblieben ist". Eine dieser Tatsachen ist, dass aufgrund der relativ kleinen Verkaufsfläche nur ein eingeschränktes Produktsortiment verkauft werden kann.

Dem trägt auch der Entwurf der beiden zweitplatzierten Studentinnen Carina Mundt und Elisabeth Hauser Rechnung: Sie reduzieren das Angebot von vornherein auf Milch und Milchprodukte. Milch Spar ist dementsprechend auch der Name des Projekts, der auch als Label Wiedererkennungswert schaffen soll.

Drive-in-Laden für Radfahrer

Konsequenterweise ist Weiß die dominierende Farbe, bevorzugter Werkstoff ist Corian, ein Verbundwerkstoff, mit dem sich weiche, fließende Formen gestalten lassen. Der Kunde bedient sich selbst, scannt die gewünschten Produkte, bezahlt am Automaten und bekommt die Ware per Rohrpostsystem geliefert. "Mich überrascht, wie mit einer sehr geringen Produktauswahl ein derart hoher Kundennutzen generiert werden kann", sagt Reisch.

Als Dritter aufs Podest schaffte es Spar in Motion, das Projekt von Eva Pirnat. Es bindet den Standort gleichsam in ein nachhaltiges Mobilitätskonzept ein: Mit dem Fahrrad einkaufen (fahren). Durch den Laden führen zwei Spuren, eine für Fußgänger und eine für Radfahrer, die Regale sind dementsprechend adaptiert. Spezielle Shopping-Bikes können von Kunden entlehnt und auch als Einkaufswagerl verwendet werden.

"Eine hundertprozentige Umsetzung eines der Projekte wird es so nicht geben", erklärt Reisch. "Allerdings werden wir überlegen, welche Details und Bestandteile sich für unsere Standorte verwenden lassen." Er nennt ein Beispiel: Vor einigen Jahren habe man an der TU Innsbruck einen ähnlichen Wettbewerb abgehalten: "Eines der eingereichten Projekte wird nun in Zusammenarbeit mit dem mittlerweile in der Privatwirtschaft stehenden Architekten in Tirol realisiert." (Markus Böhm, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6.2.2011)

Hinweis

Die Projekte sind noch bis zum 12. Februar im Q19 Einkaufsquartier Döbling, Grinzinger Straße 112, 1190 Wien, öffentlich zugänglich.

  • Die neue Spar-Filiale am Ende der Wollzeile in der Wiener Innenstadt 
soll nicht nur Visionen bieten, sondern auch Wiedererkennungswert.
    rendering: johann szebeni

    Die neue Spar-Filiale am Ende der Wollzeile in der Wiener Innenstadt soll nicht nur Visionen bieten, sondern auch Wiedererkennungswert.

  • Der Schlauch als Einkaufserlebnis: "Spar Experience" heißt der 
futuristisch angehauchte Entwurf von Johann Szebeni, der von der Jury 
zum Sieger nominiert wurde.
(Renderings: Johann Szebeni)
    rendering: johann szebeni

    Der Schlauch als Einkaufserlebnis: "Spar Experience" heißt der futuristisch angehauchte Entwurf von Johann Szebeni, der von der Jury zum Sieger nominiert wurde.

    (Renderings: Johann Szebeni)

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