"Muslimbrüder nicht in den Untergrund treiben"

9. Februar 2011, 13:12
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Der ägyptische Politologe Adel El Sayed geht auf die Bedeutung der Muslimbruderschaft in Ägypten ein

Die Muslimbrüder haben sich in den 70er Jahren von ihren radikalen Mitgliedern getrennt. Seitdem verfolgt die Bruderschaft in Ägypten einen gemäßigten Weg. Dennoch werden ihre politischen Aktivitäten mit Argwohn betrachtet. Adel El Sayed, ägyptischer Politologe, erklärt in einem derStandard.at-Interview mit Bernhard Oesterreicher, warum die Muslimbrüder nicht weiter aus der Politik ausgeschlossen werden sollten.

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derStandard.at: In Ägypten zählt die Muslimbruderschaft seit den 70ern zu den gemäßigten islamistischen Organisation in Ägypten. Was heißt das?

El Sayed: Das heißt, unter Muhammad Anwar as-Sadat (Anm.: ehemaliger Staatspräsident) begannen die Muslimbrüder in Ägypten wieder aktiv zu werden. Sie kooperierten mit dem damaligen System, um vom Staat die Legitimation zu erhalten. Das spaltete die Bewegung. Der Mainstream wollte die Anerkennung durch den Staat. Die radikalen Gruppierungen Takfir wa'l-Higra und Islamischer Dschihad, die mit dieser Politik nicht einverstanden waren, spalteten sich ab und sie setzten ihre Politik mit Terror fort. Das brachte den Muslimbrüdern den Ruf einer aggressiven Bewegung ein. Der Mainstream strebt aber ohne Gewalt nach einem politischen und gesellschaftlichen Ordnungsprinzip das auf den Islam aufbaut.

derStandard.at: Welches Verhältnis haben die Muslimbrüder zu den ägyptischen Christen? Fürchten sich die Kopten vor einer Beteiligung der Muslimbruderschaft an einer künftigen Regierung?

El Sayed: Am Sonntag gab es am Tahrir-Platz eine symbolische Geste zwischen den koptischen Christen und den Muslimen. Nach einer koptischen Messe trug einer der Muslimbrüder das Kreuz für den koptischen Pfarrer und in einer Ansprache verkündete er, die Ägypter seien sich einig über ein Ende des ägyptischen Regimes. Die Muslimbrüder haben viel Einfluss in der Gesellschaft, aber sie arbeiten auch mit den Liberalen und Kommunisten zusammen. Viele Organisationen bestehen nicht nur aus Muslimen, sondern auch aus Kopten bzw. aus Laizisten. Es wird zu einer Pluralität in der ägyptischen Gesellschaft kommen. Da können die Muslimbrüder nicht die Parole der Gotte-Souveränität in den Vordergrund stellen. 

derStandard.at: Ist das islamische Ordnungsprinzip, das die Muslimbruderschaft anstrebt, mit einem pluralistischen System vereinbar?

El Sayed: Ägypten hat derzeit ein pluralistisches Modell, das noch von Sadat stammt. Bei dessen Einführung 1976, wurden religiösen Parteien, Arbeiterparteien und regionalen Parteien verboten. Auch die Muslimbruderschaft wurde damals verboten. Demnächst werden die Muslimbrüder Teil der politischen Landschaft sein und sie werden auch als eine Partei oder als legitimierte Organisation frei und ungezwungen ihre Forderungen auf den Tisch bringen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob sie ihre Forderung, aus Ägypten einen islamischen Staat zu machen, durchbringen können.
Wir sollten die Muslimbrüder nicht in den Untergrund treiben. Sie sollten am politischen System partizipieren können. Das würde die Härte ihrer Forderungen entschärfen. Sie könnten gefährlich werden, wenn sie wieder in den Untergrund gehen. Wenn sie ihre Hauptschriften in den Gefängnissen des Landes verfassen müssen, kann dabei nur Hass heraus kommen. Wir sollten keine Angst haben, sondern sie als Partner anerkennen.

derStandard.at: Gibt es Zahlen, wie viele Mitglieder oder Anhänger die Muslimbruderschaft hat?

El Sayed: Sie sind in allen Institutionen vertreten, auch in den Gewerkschaften. Bei Künstlern, Schriftstellern und Journalisten sind sie in der Minderheit. Bei Ingenieur-Syndikaten, bei Rechtsanwälten und Ärzten bilden sie die Mehrheit. Ich würde ihre Anhängerschaft in der Gesellschaft auf 20-25 Prozent bzw. auf 2-3 Millionen schätzen.

derStandard.at: Und auf wie hoch schätzen Sie die Anhängerschaft jenseits der ägyptischen Grenze ein?

El Sayed: Versuchen wir jetzt nicht eine Verschwörungtheorie herauszubilden. Die Muslimbruderschaft ist im jeweiligen Land, in dem sie aktiv ist für sich zu betrachten. Man kann die Muslimbruderschaft in Ägypten z.B. nicht mit der in Jordanien vergleichen. Erinnern wir uns an die Panarabischen Parteien und Ideologen. Siehe Irak mit Saddam Hussein oder Syrien mit Hafiz al-Assad (Anm.: ehemaliger Staatspräsident). Sie waren beide Baathisten, aber sie hatten unterschiedliche Ideale und Ziele. So vergleiche ich die "internationale Organisation" der Muslimbruderschaft. Es gibt keinen Plan, die Welt zu erobern. Das ist Quatsch. Jede Organisation verfolgt in jedem Land eine eigene Agenda. Vielleicht gibt es eine Art Grundlinie, wie damals beim Panarabismus. Die Details weichen aber voneinander ab. 

derStandard.at: Welche offiziellen politischen Ziele verfolgt die Muslimbruderschaft jetzt in Ägypten?

El Sayed: Momentan ist es die Beteiligung am politischen Prozess. Die Muslimbrüder stehen in Koalition mit 12 anderen Parteien aber auch mit außerparlamentarischen Kräften, wie die Kifaya-Jugendbewegung, die 2004 gegründet wurde, das April 6 Youth Movement, das 2008 gegründet wurde, oder das National Assembly for Change von Mohammed ElBaradei (Anm.: ehemaliger Generaldirektor der IAEO), das 2010 gegründet wurde. Sie haben alle dieselben Forderungen: Abgang des Regimes, Abgang Husni Mubaraks, Auflösung des bestehenden Zwei-Kammer-Parlaments und eine neue Verfassung mit Beteiligung aller politischen Kräfte am politischen Prozess. Die Muslimbrüder wollen sich am politischen Prozess und bei einem demokratischen Wandel Ägyptens beteiligen.

derStandard.at: Wissen Sie mit welchen Vertretern der Muslimbruderschaft der amtierende Vizepräsident Omar Suleiman verhandelt hat?

El Sayed: Mit einem gewissen Essam El Eryan, der in den letzten 30 Jahren mehr Zeit im Gefängnis verbrachte als zuhause. Es waren auch Akteure der Muslimbruderschaft aus Alexandria, Suez und Port Said dabei.

derStandard.at: Wie geht es weiter, wenn Mubarak nicht mehr an der Macht ist?

El Sayed: Es ist eine Übergangszeit nötig, damit sich alle politischen Kräfte, außer der Nationaldemokratischen Partei Mubaraks, gemeinsam mit der Basis reorganisieren- und ihre Programme vorstellen können. Die letzten Entwicklungen haben alle Parteien überrascht. Die Muslimbruderschaft hat eigentlich kein Programm für die nächste Zeit. Meiner Meinung nach können sie sich als politische Partei jetzt präsentieren. Ich glaube sie werden lange brauchen, bis sie ihr politisches Programm der Öffentlichkeit vorstellen. Sie haben demokratische Forderungen, von einem politischen Programm haben wir eigentlich bis jetzt noch nichts gesehen.

derStandard.at: Wie könnte sich eine Beteiligung der Muslimbruderschaft an einer künftigen Regierung auf den Palästinenserkonflikt auswirken? Essam El Eryan, einer der führenden Muslimbrüder hat in einem israelischen Fernsehinterview gesagt, dass er die Verträge Ägyptens mit Israel nicht antasten würde.

El Sayed: Realpolitisch können sie die internationalen Verträge Ägyptens nicht antasten. Die anderen Kräfte des Landes würden das auch nicht unterstützen. Ich glaube nicht, dass es da drastische Maßnahmen geben wird. Aber die Unterstützung der Hamas wird von allen Seiten proklamiert. Die Muslimbrüder werden die Hamas natürlich verbal, aber auch am Feld unterstützen. Außerdem sind sie sehr an einer Versöhnung zwischen Hamas und Fatah interessiert. Vergessen wir nicht, dass die Hamas seit ihrer demokratischen Wahl boykottiert wird. Diesen Fehler hat eigentlich der Westen zu verantworten. Israel macht jetzt einen Riesenfehler, indem es sich auf die Seite Mubaraks stellt. Meiner Meinung nach, haben sie sich ein bisschen zu viel eingemischt. Als stiller Beobachter wären sie die Gewinner dieser Auseinandersetzung gewesen. Sie haben versucht die Welt vor einem neuen bedrohlichen islamischen Regime in Ägypten zu warnen. Das missbilligten alle Lager in Ägypten.

derStandard.at: Die Hamas ging aus der Muslimbruderschaft hervor?

El Sayed: Wir können nicht sagen, dass die Moslembrüder in Jordanien aus den Reihen der Muslimbrüder Ägyptens herausgegangen sind. Aber während der 70er Jahre sind viele Menschen nach Ägypten gekommen, um in der größten sunnitischen Universität des Nahen Ostens eine theologische Ausbildung zu machen. Viele haben während ihres Aufenthalts in Ägypten die Muslimbruderschaft kennen gelernt. Dass die Hamas aus den Reihen der Muslimbruderschaft hervorgegangen ist, ist eine Fehlinformation. Sie ließen sich beeinflussen und haben das dann in Palästina im Kleinformat kopiert.

derStandard.at: Der iranische geistliche Führer Ali Chamene'i hat die Proteste in Tunesien und Ägypten als islamische Befreiungsbewegung bezeichnet. Am 14. Februar will die iranische Opposition aus Solidarität auf die Straße gehen. Was erwarten Sie?

El Sayed: Ich halte das für die typische Rhetorik des iranischen Regimes. Sie brauchen eine Legitimation. Aber es gibt keine islamische Revolution in Ägypten. Hier hat die Jugend Ägyptens und auch die Jugend der Moslembrüder eine Revolte auf den Weg gebracht. Ihr Ziel ist kein islamischer Staat. Die Mullahs im Iran können die Sache formulieren wie sie wollen, aber es gibt keinen gemeinsamen Nenner zwischen der Revolution in Ägypten und dem Mullah-Regime im Iran.

derStandard.at: Glauben sie, dass sich bei der Solidaritätsdemonstration vielleicht die Proteste wieder gegen das Regime von Mahmud Ahmadinedschad richten könnten?

El Sayed: Die Menschen brauchen dieselben Grundelemente der Demokratie wie sie derzeit die Ägypter einfordern. Es ist ein Grundbedürfnis, die Meinung frei in der Öffentlichkeit zu sagen, auch im Internet. Das findet im Iran derzeit nicht statt und deshalb besteht die Möglichkeit, dass die Iraner dasselbe wie die Ägypter oder Tunesier machen könnten. (Bernhard Oesterreicher, derStandard.at, 9.2.2011)

 

  • Adel El Sayed, ägyptischer Politologe und Lektor am Institut für 
Sprachwissenschaft an der Universität Innsbruck: "Muslimbrüder gibt es 
zwar auch über die ägyptischen Grenzen hinaus, sie verfolgen aber im 
jeweiligen Land unterschiedliche Agenden. Eine gemeinsame Ideologie gibt
 es nicht, ebensowenig wie einen Plan, die Welt zu erobern. Das ist 
Quatsch."
    foto: uni innbruck

    Adel El Sayed, ägyptischer Politologe und Lektor am Institut für Sprachwissenschaft an der Universität Innsbruck: "Muslimbrüder gibt es zwar auch über die ägyptischen Grenzen hinaus, sie verfolgen aber im jeweiligen Land unterschiedliche Agenden. Eine gemeinsame Ideologie gibt es nicht, ebensowenig wie einen Plan, die Welt zu erobern. Das ist Quatsch."

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