Schluss mit dem Piano

4. Juni 2003, 10:22
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William Gaddis' schmales literarisches Vermächtnis "Das mechanische Klavier"

Das Problem der Mechanisierung der Künste und die damit einhergehende Entwertung des Künstlersubjekts beschäftigte den amerikanischen Autor William Gaddis (1922-1998) über fünf Jahrzehnte hinweg. Nachdem er Ende der Vierzigerjahre als kleiner Reporter beim "New Yorker" über das mit vorgefertigten Lochkarten betriebene automatische Klavier auf die Thematik gestoßen war und 1951 im "Atlantic Monthly" einen größeren Artikel dazu unterbrachte, unternahm er mehrmals in seiner wechselhaften Karriere als Romancier den Versuch, ein literarisches Werk über den Niedergang der hohen Kunst durch ihre nunmehr mögliche Reproduzierbarkeit zu verfassen.

Nach seinem damals gefloppten, mittlerweile jedoch als Meisterwerk der Spätmoderne gefeierten Debütroman "Die Fälschung der Welt" (1955) machte er sich erstmals daran, musste aber die langwierigen Recherchen bald aufgeben und seine Familie als Public-Relations-Mann und Redenschreiber durchbringen. Fragmente des Textkorpus legte Gaddis dann einer Figur in seinem nächsten "Opus JR" (1975), das vor gescheiterten Autoren nur so wimmelt, in den Mund.

Auch in anderen Texten und Interviews berief sich der bekannt langsam arbeitende Autor immer wieder auf die monströse Materialsammlung zu einem kultursoziologischen Werk, das bald jedoch nur mehr als Running Gag in seinem Schaffen angesehen wurde. Doch die Thematik dürfte Gaddis wirklich nie losgelassen haben und so machte sich der Schwerkranke nach der Vollendung der Justizsatire "Letzte Instanz" (1994) noch einmal an die Niederschrift seines Problemkinds "Das mechanische Klavier".

"Mit unseren Notenbändern spielen Sie besser als viele andere, die eigenhändig in die Tasten greifen. Vor allem aber spielen Sie vom ersten Tag an das ganze Repertoire, während die anderen nur einzelne Stücke beherrschen. Keine Vorkenntnisse nötig." Ausgehend von dieser Zeitungsanzeige für Notenbänder aus dem Jahr 1925 und ähnlichen Dokumenten schwingt sich in dem kurz vor dessen Tod fertig gestellten schmalen Band eine unschwer als Gaddis erkennbare Stimme aus dem Krankenbett in herrlich manischem Tonfall zu einer weniger wehleidigen als beißenden Klage über die Degradierung der Kunst zur bloßen Unterhaltung und den Sieg des passiven Konsumierens über die aktive Kunstausübung auf. Wenn man mit dem mechanischen Klavier zufrieden ist, was passiert dann mit dem Pianisten? Richtig, man kann ihn ruhig erschießen.

Von der viel zitierten Altersmilde letzter Werke ist in Gaddis' "Mechanischem Klavier" wahrlich nichts zu bemerken und mit dem Stereotyp des Raunzens eines grantigen alten Mannes wird man dem vom Verlag unsinnigerweise als Roman verkauften furiosen Monolog ebenso wenig gerecht. Denn auch wenn der Protagonist bitter klingt, so ist er keineswegs verbittert - und an einigen Stellen blitzt aus der Düsternis eine irre Komik hervor.

Überhaupt fühlt man sich stilistisch schon nach wenigen Seiten an Thomas Bernhard erinnert, dessen "Untergeher Gaddis" dann auch immer wieder zitiert. Offenbar dürfte er in dem gesundheitlich ebenfalls gebeutelten Kollegen einen Bruder im Geiste gesehen haben. Letztlich kamen Bernhards Methode der Wiederholung, des zugespitzten Monologs und seine scheiternden elitären Künstlerfiguren Gaddis im Kampf mit seinem riesigen Archiv nur recht. Denn wenn man etwas aller Voraussicht nach nicht fertig bekommen wird ("Weil ich nicht weiß, weil wir ja überhaupt nie wissen, wie viel Zeit uns noch bleibt, verstehst du?"), dann sollte man es wenigstens in einer angemessenen Form transportieren.

Auch wenn das Ergebnis an einigen Stellen rätselhaft wirkt und sich Gaddis' eindringliches Plädoyer für eine Originalkunst manchmal ein wenig pathetisch liest - an einer elitären Reaktion auf die Demokratisierung der Künste war er nicht interessiert. Was er in dem Text anprangert, ist vielmehr der Sieg der Reproduktion über das "real thing" und jener Fließbandcharakter, der schließlich auch die Literatur erfasst und den Autor zur reinen Medienfigur degradiert hat. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 19./20.2003)

Von
Sebastian Fasthuber
  • 
William GaddisDas mechanische Klavier. Roman Aus dem Amerikanischen von Marcus Ingendaay € 16,50/124 Seiten Manhattan, München 2003.
    foto: buchcover

    William Gaddis
    Das mechanische Klavier. Roman

    Aus dem Amerikanischen von Marcus Ingendaay
    € 16,50/124 Seiten
    Manhattan, München 2003.

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