Hart wie ein kleiner Ziegelstein

4. Juni 2003, 10:21
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Richard Ford erzählt in "Eine Vielzahl von Sünden" nur von einer einzigen: dem Seitensprung

Sie war unwiderstehlich. Attraktiver als irgendwer sonst." - "Er mochte sie wirklich sehr." - "Der Liebesakt war ereignisreich." - "Ich schaute zu Sallie hinüber und sah eine glasklare Träne aus ihrem Auge schlüpfen und über ihre weiche, gerundete, hübsche Wange gleiten." Wir befinden uns nicht etwa einer Barbara-Cartland-Schmonzette, sondern im neuen Erzählband eines Autors, der laut New York Times derzeit das größte Potenzial hat, zu einem amerikanischen Klassiker zu werden: Richard Ford. Eine Vielzahl von Sünden, geschrieben natürlich im viel gerühmten amerikanischen Realismus, handelt ausschließlich von dessen jahrzehntelanger Hauptobsession: dem Seitensprung.

Sie gehören dem arrivierten Mittelstand an, sind Anwälte, Makler oder Künstler, glücklich verheiratet, Karriere, Haus, schicker Wagen - und finden sich plötzlich in einem anderen Bett wieder. Sie waren vorher nicht unglücklich und sind nun nicht glücklich. Ford scheinen die Kipppunkte zu interessieren, Momente, in denen ein Gefühl, eine Hoffnung, ein Arrangement sich unaufhaltsam aufzulösen beginnen. Aber dann lässt er seine Figuren im Leeren stehen, und die Geschichte ist aus.

Die "Vielzahl von Sünden" manifestiert sich in diesen zehn Erzählungen bloß als Einzahl des immer selben Vergehens, das beileibe nicht in der existenziellen Dimension einer Sünde abgehandelt wird, sondern eher als Unfall in einem Leben, wo letztendlich nichts von Bedeutung ist. Das "gesamte Konzept, einen anderen Menschen zu kennen - das Konzept des Vertrauens, der Nähe, der Ehe selbst" - "typisch für eine andere Zeit und jetzt leider hinfällig". Die Liebe - "eine langwierige Serie belangloser Fragen, ohne deren Antworten man unmöglich leben konnte". Die Ehe - "Alleinsein mit jemandem, den man kannte und liebte". In dieser Welt gibt es keine ungelösten Rätsel und keine uneingelösten Bedürfnisse (außer dem, sexy und erfolgreich, eben perfekt zu sein).

So banal die Gedanken und Gefühle der Figuren, so nachlässig die Schreibe des Autors, der mit seinem flapsigen, aber keinesfalls ironischen Stil bisweilen unfreiwillig ins Komische abgleitet (wobei so manche Stilblüte allerdings auf das Konto des Übersetzers geht). "Sie war die einzige Tochter eines polnischstämmigen Witwers aus Bridgeport, hatte beim High-School-Turnen den Waagebalken gezeigt und war so hart wie ein kleiner Ziegelstein", heißt es über Frances in "Abgrund". Ihr Lover Howard, wie Frances soeben zum "Immobilienmakler des Jahres" gekürt, hat "plumpe, pizzatellergroße Hände", mit denen er ahnungslos die Kamera festhält, als Frances rückwärts in das "große leere Loch", den Grand Canyon, stürzt.

Ist das der viel gerühmte Realismus? Minutiös werden Physiognomien, Interieurs und sonstiges Vorhandenes beschrieben, aber trotzdem sieht man nichts und niemanden vor sich. Kaum hat jemand einen Satz gesagt, teilt einem der Autor ausführlich mit, welche Farbe dessen T-Shirt oder welche Marke das Auto hat, das gerade vorbeifährt - dabei will man doch nur wissen, was sein Gegenüber antwortet und worum es diesen Menschen überhaupt geht. Aber bald schon will man gar nichts mehr wissen. Denn mit der Bereitstellung von Realien lässt sich eben nicht automatisch atmosphärische Dichte herstellen und mit dem Abspulen eines Handlungsfadens noch lange keine Welt. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 19./20.4.2003)

Von
Kirstin Breitenfellner
  • Richard FordEine Vielzahl von Sünden. Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert. € 20,50/ 381 Seiten.Berlin-Verlag, Berlin 2002.
    foto: buchcover

    Richard Ford
    Eine Vielzahl von Sünden.

    Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert.
    € 20,50/ 381 Seiten.
    Berlin-Verlag, Berlin 2002.

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