In den Gassen von Neapel

4. Juni 2003, 10:22
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Peppe Lanzetta entwirft ein grelles Porträt seiner Heimatstadt

Peppe Lanzetta ist der moderne Barde eines Neapel, wie es keiner kennt, der nicht dort geboren wurde. Er ist in den Arbeitervierteln zu Hause, in den Slums, wo Transvestiten, illegale Einwanderer, Huren, Drogendealer und Wucherer leben, wo die Gassen eng und finster sind und das Überleben manchmal Glückssache ist.

In harten Schnitten, mit ungeheurem Tempo und Furor liefert Lanzetta Momentaufnahmen von Leuten, die der Hoffnung hinterherjagen und das kann manchmal schon ein gedeckter Scheck sein oder der Traum von einem Ausflug nach Sorrent. Beeindruckend in seiner Dichte und Kompromisslosigkeit liefert Lanzetta Bilder, die mit populären neapolitanischen Liedern - neuen und alten - korrespondieren. Gassenhauer und Lieder, die melancholisch, sentimental, wütend und weise sind, eine Quintessenz einer Stadt, von verschiedenen Kulturen und Völkern erobert und geprägt und die auf jahrtausendealtem zivilisatorischem Fundament steht. In diese lokalen Traditionen mischt sich der Einfluss der amerikanischen Filme und Schlager, die von den Soldaten auf dem US-Stützpunkt mitgebracht werden. Amerika, das Land in das viele Italiener emigriert sind, ist immer noch ein Land der Träume, die in Form von Hollywoodfilmen und Popstars durch die Gemüter der einfachen Leute geistern.

Im letzten Drittel scheint der Roman das Genre wechseln zu wollen. Der Portier eines schäbigen Stundenhotels, der sich ein Extrageld mit der Vermittlung von Strichern verdient und Voyeure am Treiben in den Zimmern teilhaben lässt, wird vergiftet. Der fette Ispettore Catuogno, der seinen Auftritt erst auf Seite 143 hat, wittert Unrat. Und zwar nicht nur, was den Mord betrifft, sondern auch, was die Verwicklungen seiner eigenen Beamten in diverse Korruptionsnetze angeht.

Jetzt beginnt ein Kriminalroman, mag der Leser denken, aber nichts da. Das dauert nur ein paar Seiten, bevor dem allzu eifrigen Ispettore mitgeteilt wird, dass er nach Novara versetzt werden soll und es braucht nur ein paar Sätze, bis der Ispettore sein Entlassungsgesuch einreicht. Und nach wiederum einer Seite wird er auf offener Straße erschossen. Einfach so. Lakonisch, endgültig, erbarmungslos - bloß eine Episode unter vielen.

Lanzetta wurde 1956 in Neapel geboren. Er hat Songtexte und Theaterstücke geschrieben, Kabarett gemacht, war Filmschauspieler und Drehbuchautor: Seine Sicht der Welt ist finster, aber eine vitalere Hölle wird man selten finden. (Von Ingeborg Sperl/DER STANDARD; Printausgabe, 5.04.2003)

Peppe Lanzetta, Die Sehnsucht des Cattivotenente. Aus dem Italienischen von Kurt Lanthaler, € 17,90/192 Seiten. Haymon, Innsbruck 2003.
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