"Es fehlt der breite Glaube"

11. August 2003, 19:40
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Schlechte und gute Nachrichten halten sich derzeit die Waage, meint M&G-Analysechef John Hatherly, früher Berater von Tony Blair

DER STANDARD: Wir zählen mittlerweile die fünfte Rallye an den Aktienmärkten in den USA und in Europa seit dem Beginn der Baisse im Jahr 2000. Immer wieder sind die Märkte aber zurückgekommen. Sind Sie jetzt überzeugt, dass das Schlimmste überstanden ist?
Hatherly: Ein positiver Trend ist derzeit die abnehmende Risikoscheu - Geld fließt aus defensiven Elementen wie Geldmarktfonds, Staatsanleihen und Gold in High-Yield-Bonds und selektiv in Aktien. Die Überzeugung, dass wir das Schlimmste überstanden haben, beginnt sich durchzusetzen. Allerdings fehlt der breite Glaube.

DER STANDARD: Es fehlt der Katalysator?
Hatherly: Ja, bevor sich ein breiter, nachhaltiger Aufschwung entwickeln kann, warten Investoren auf Konjunktur- und Unternehmensmeldungen. Da halten schlechte und gute Nachrichten einander derzeit die Waage, da ist eine Richtung noch nicht entschieden. Ein gutes Zeichen ist allerdings, dass bei den Abwärtsbewegungen zuletzt die Volumen geringer, bei den Aufwärtsbewegungen höher waren.

DER STANDARD: Sehen Sie unterschiedliche Ausgangspositionen für europäische und US-Aktien?
Hatherly: Es bestehen globale Muster. Die Richtung wird aber von den USA vorgegeben - die US-Notenbank ist ja auch viel proaktiver; in Aussicht gestellte Steuerbefreiungen für Dividenden und die Dollarschwäche geben mir diesbezüglich Hoffnung. Aber: Die Bewertung europäischer Aktien ist viel günstiger als in den USA. Europas Aktienmärkte haben in den letzten drei Jahren wesentlich mehr Enttäuschung reflektiert.

DER STANDARD: Was bedeutet das für Ihre Prognosen?
Hatherly: Es ist eine Testzeit. Es kann noch immer in beide Richtungen gehen - selbst wenn sich die Nachrichtenlage zugunsten der guten News aufhellt. Es wird dauern, bis Privatanleger an den Aktienbörsen wieder zugreifen. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 12.5.2003)

  • "Europas Aktienmärkte haben in den letzten drei Jahren wesentlich mehr Enttäuschung reflektiert"
    foto: der standard

    "Europas Aktienmärkte haben in den letzten drei Jahren wesentlich mehr Enttäuschung reflektiert"

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