Wieviel Seiten hat die Medaille?

11. Mai 2003, 21:09
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An den Börsen geht es aufwärts - Die erfreuliche Entwicklung kann man so, aber auch anders sehen - Gastkommentar von Michael Margules

Sagt der Optimist im Angesicht der jüngsten Kursavancen zum Pessimisten: „Habe ich Dir nicht immer schon gesagt: die Aktienkurse können und werden wieder steigen!“ Antwortet der Pessimist: „Ja, aber wenn wir so weitermachen wie heuer, dann erreichen wir in ungefähr 10 Jahren wieder das Niveau vom Jahr 2000 ...“

Wie immer, gibt es zwei Seiten, Dinge zu betrachten. Unabhängig davon dürfte es allen Anlegern, noch dazu nach drei Jahren Baisse, nicht schwer fallen, sich mit steigenden Aktienkursen anzufreunden. Derzeit kämpfen die Börsenindizes um die Stabilisierung des Aufwärtstrends. Der größte Teil der zum wesentlichen Teil liquiditätsbedingten Erholungs-Rally, das begann, als sich das rasche Ende des Irak-Krieges abzeichnete, dürfte indessen vorüber sein. Und nimmt man die wesentlichsten Aussagen der abgelaufenen Woche als Maßstab, wäre die Einmündung der Börsen in einen Seitwärtstrend noch das höchste aller Investoren-Gefühle.

Warnzeichen Nummer 1: FED

Am Dienstag hat Altmeister Greenspan und seine Konsorten, im Fachjargon auch unter FED bekannnt, in der für ihn typischen verschlüsselt-krytischen Weise – „es sei mit einem unwillkommenen substanziellen Rückgang der Inflation in absehbarer Zukunft zu rechnen“ – nicht nur die Leitzinsen unverändert und damit auf dem tiefsten Stand seit 41 Jahren belassen, sondern vehementer denn jemals zuvor auf die Gefahr von Deflation und parallel dazu die anhaltenden Konjunkturrisiken der amerikanischen Wirtschaft hingewiesen.

Der nicht ganz un-, zur Zeit aber trotzdem eher ohnmächtigen FED ist es damit „gelungen“, gleich zwei vermeintlich hoffnungsvolle Fliegen mit einem Aussage-Schlag auf den Boden der Tatsachen herunter zu holen:

Zum einen wurde jegliches Erholungspotential des Dollars, der mittlerweile innerhalb der letzten 52 Wochen die „Kleinigkeit“ von über 30 Prozent gegenüber der europäischen Leitwährung an Wert einbüsste, vorderhand zunichte gemacht;

Zum anderen kamen die Aussagen vom Dienstag einem Eingeständnis gleich, wie ratlos die Notenbank der gegenwärtigen Konjunkturflaute gegenüber steht, mit der noch dazu alles andere als verheißungsvollen Aussicht unter Umständen wegen der amerikanischen Zwillings(budget)defizite zu unfreiwilligen Zinserhöhungen gezwungen zu werden, die wohl endgültig jegliches wirtschaftliches Aufwärtspotential im Keim ersticken würden

Warnzeichen Nummer 2: EZB

Am Donnerstag führte die nunmehr bekräftigte und „geklärte“ Strategie zu einem Festhalten an den zuletzt Anfang März gesenkten Leitzinsen mit einem zentralen Satz von 3,50 Prozent. Selbst zurückhaltendste Medien liessen sich zuletzt dazu hinreissen, von EZB-Chef Wim Duisenberg die ultimative Zinsreduktion zu fordern, mit der die Konjunktur Eurolands wieder in Schwung gebracht werden könne.

Was dabei vergessen wurde: An der Stagnation in der Währungsunion – und hier vor allem in den größten Mitgliedländern – ist das von der Zentralbank gesteuerte Zinsniveau am wenigsten schuld. Überkapazitäten, schlechte Nachfrageaussichten und wirtschaftspolitische Versäumnisse (von der Überregulierung der Arbeitsmärkte bis zur hohen Abgabenlast) drücken auf die Investitions- und die Konsumlust. Die Zentralbank vermag in diesem Umfeld nur wenig zu stimulieren und muss sich vor allem darum kümmern, die Voraussetzung für langfristig stabile Preise zu schaffen. EZB-Vorsitzender Wim Duisenberg liess aber kaum Zweifel daran, dass eine weitere Zinssenkung zu erwarten ist.

Warnzeichen Nummer 3: Insider-Käufe

Zu einer gewissen Vorsicht mahnt auch das zurückhaltende Vorgehen der amerikanischen Konzernchefs und -vorstände. Diese so genannten Insider haben im April mit 90,8 Millionen Dollar weniger unternehmenseigene Aktien gekauft als in irgend einem Monat in den vergangenen acht Jahren. Nicht nur Experten werten diese Beobachtung deshalb als so negativ, weil die Unternehmenschefs selbst am besten wissen, wie gut die Geschäfte laufen und ob die Aktien ihrer Unternehmen unterbewertet sind oder nicht.

Das Resümee aus der Geschicht‘:

Man darf und soll bekanntlich die Hoffnung nie aufgeben, noch dazu wo Aktienmärkte gerne und öfters vor allem dann ansteigen, wenn niemand mehr damit rechnet. Ob dieser Zeitpunkt allerdings gerade nach der im DAX stärksten monatlichen Aufwärtsbewegung seit 50 Jahren gekommen ist? Sagt der Optimist zum Pessimisten ....

Nachlese

--> Wo geht's hier zum Wachstum?
--> "Sell in May and go away ..."
--> Börsen vor der Trendwende
--> Drei Jahre Baisse reichen
--> Einer wird gewinnen
--> Schweigen in der Folterkammer
--> Politik beeinflußt die Börsen wenig
--> Die Baisse kann bis 2018 andauern...
--> 1:0 für Anleihen
--> Arme Rentner
--> Kanonendonner oder Kursfeuerwerk?
--> Gratis-Kredit für den Chef
--> Aktien-Lotto
--> Quo vadis, Greenback?
--> 100 minus Lebensalter = Börsenerfolg
--> Haben „Bob the builder“ und US-Präsident Bush etwas gemein?
--> Aktien oder Anleihen: The winner is ...
--> Dow Jones in Richtung 120.000
--> "Baissemarkt bis 2018"
--> Eine schöne Bescherung
--> Von Analys(t)en und Abhängigkeiten
--> Börsen vor "Happy Wende"
--> Wenn der Zauber nicht wirkt
--> Contrariens unter der Lupe
--> Börsencrash revisited
--> Jim Rogers küsst wieder in Wien
--> Bush, Greenspan, Bin Laden ...
--> Zum Verkaufen zu spät, zum Kaufen zu früh
--> Japan ist einen Börsenblick wert
--> Wie sicher sind Versicherungsaktien?
--> Droht ein neuer Ölpreisschock?

Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich - jeden Montag - auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.

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    montage: derstandard.at
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