Wie gut, dass es Spekulanten gibt

8. Februar 2011, 18:49
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Bisherige Diskussionen über kommende Lebensmittelkrisen weisen in die falsche Richtung

Die Spekulanten haben in den vergangenen Wochen kräftig zugeschlagen. An der Chicago Board of Trade, der wichtigsten Agrarrohstoffbörse, haben die Wetten auf steigende Weizen-, Mais- und Sojapreise ein Zwei-Jahres-Hoch erreicht. Zeitgleich vermeldete die Uno ein Allzeithoch bei ihrem Lebensmittelpreisindex. Was bedeutet das?

Die Verlockung für die Politik war zu groß, um nicht zuzuschlagen. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hat den Kampf gegen Spekulation am Lebensmittelmarkt ins Zentrum seiner G-20-Präsidentschaft gestellt. Etwas widerwillig folgen ihm EU-Kommission und Deutschland.

Doch der Verdacht drängt sich auf, dass aus diesen Initiativen primär politisches Kleingeld geschlagen werden soll: Wie gut, dass es die Spekulanten gibt, dann müssen wir uns über tiefer greifende Ursachen keine großen Gedanken machen. Denn inzwischen kommen alle namhaften Studien über die Hungerkrise 2007/08 zu dem Schluss, dass es kaum einen belegbaren Konnex zwischen Spekulation und Lebensmittelpreisen gibt.

Bei manchen Rohstoffen wie Reis gibt es gar keine großen, internationalen Börsen, an denen gewettet wird. Der Reispreis verdoppelte sich 2008 trotzdem. Finanzinvestoren können zudem auf künftige Preisentwicklungen spekulieren, so viel sie wollen. Dass sie damit die Preise anfachen, ist nicht gesagt. Investoren wetten meist mit anderen Investoren - an tatsächlichen Lieferungen von Weizen und Co, mit denen sie eine Angebotsverknappung herbeiführen können, sind sie nicht interessiert. Dort, wo es schließlich Eingriffe in den Markt gab, verpuffte die Wirkung. Indien untersagte 2007 Weizenspekulation. Die Preise stiegen dennoch.

Die tatsächlichen Ursachen für Hungerkrisen liegen tiefer und bergen unbequemere Wahrheiten. Europa und die USA haben in den vergangenen 20 Jahren ihre Unterstützung für die Landwirtschaft in Afrika und Lateinamerika stark reduziert. Die einst üppigen Agrarsubventionen haben zudem mit verhindert, dass in der Dritten Welt starke kleinbäuerliche Strukturen entstehen konnten.

Aber selbst diese Weisheiten aus der Entwicklungspolitik sind nur die halbe Wahrheit. Größter Preistreiber bei der vergangenen Hungerkrise war die Verteuerung von Öl, gepaart mit Exportbeschränkungen vieler Staaten. Hinzu kommt, dass es global nur sechs große Weizenexporteure gibt. Fällt die Ernte in einem Land schlecht aus, bekommt das die halbe Welt zu spüren.

Bleibt also nur Däumchen drehen und abwarten? Nein. Ideen gäbe es viele: Politischer Druck könnte helfen, Exportbeschränkungskaskaden zu verhindern. Auch die weniger beachtete Idee Sarkozys, mehr Transparenz in die globalen Lagerbestände zu bekommen und dafür eine neue Agentur zu schaffen, klingt vielversprechend. Angesichts der sich zuspitzenden Lage müsste das allerdings rasch passieren. Sinnvoll wäre schließlich die Schaffung eines Krisenfonds durch EU und USA, in dem genug Geld geparkt wird, um im Notfall unter Druck geratenen Staaten bei der Versorgung ihrer Bevölkerung zu helfen. EU-Kommissionspräsident José Barroso hat die Schaffung eines solchen Fonds vor zwei Jahren vorgeschlagen. Er wollte Gelder aus Agrarsubventionstöpfen der EU nehmen. Der Plan scheiterte am Widerstand mehrerer Staaten, darunter auch Österreich und Deutschland. Geld umzuverteilen ist eben schwieriger, als über Spekulanten zu jammern. (András Szigetvari, DER STANDARD, Printausgabe, 9.2.2011)

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