"Können uns 2011 keine schlechte Ernte leisten"

8. Februar 2011, 21:37
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Weltweite Wetterkapriolen könnten die Lebensmittelpreise weiter steigen lassen. Die Uno ist vor allem besorgt, weil die Lager leer sind

Wien - Schwere Unwetter in wichtigen Lebensmittelanbaugebieten haben die Uno-Welternährungsorganisation FAO alarmiert. Von einer Krise will zwar noch niemand sprechen, doch vor dem Hintergrund ohnehin hoher Lebensmittelpreise könnte ein nachhaltiger Schock auf der Angebotsseite fatale Folgen haben, heißt es bei der Agentur in Rom.

Betroffen von den Unwettern waren in den vergangenen Tagen völlig unterschiedliche Regionen: Die USA werden von einer Kältewelle heimgesucht, Sri Lanka und Südafrika von schweren Regenfällen. Bereits davor haben Überschwemmungen Teile Australiens hart getroffen.

In den USA trifft die Kältewelle ausgerechnet den Mittleren Westen des Landes, einen der wichtigsten Mais- und Weizenanbaugebiete der Welt. Im Bundestaat Kansas ist beispielsweise bis zu 30 Zentimeter Schnee gefallen. Es wird befürchtet, dass ein Teil des gelagerten Weizens der extremen Kälte nicht standhalten wird. Bereits in Australien haben Überflutungen milliardenhohe Schäden in der Landwirtschaft angerichtet, was den Weizenpreis nach oben getrieben hat.

In Sri Lanka sollen Überflutungen, in deren Folge rund eine Million Menschen ihre Häuser verlassen mussten, rund die Hälfte der Reisanbaugebiete des Landes getroffen haben.

Knappes Angebot

Doch Probleme bereiten nicht nur Niederschläge. Am Dienstag gab die FAO eine Warnung wegen der extremen Trockenheit inNordchina heraus. Es ist die erste Warnung dieser Art im heurigen Jahr. China ist der weltgrößte Weizenproduzent, mehr als ein Drittel der Weizenanbaugebiete sollen betroffen sein. In der Anbauprovinz Shandong berichtet die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua von der schlimmsten Trockenperiode seit 200 Jahren. Sollten die Ernten tatsächlich schlecht ausfallen, könnte China Rohstoffe dank seiner Devisenreserven zwar problemlos einkaufen. Das würde allerdings eine weitere Verknappung an den Weltmärkten herbeiführen. Außerdem wird auch Wasser für 2,5 Millionen Menschen knapp. Neben China leidet auch Argentinien, einer der fünf größten Soja- und Maisexporteure der Welt, unter einerDürre.

Die FAO beunruhigen weniger die kurzfristigen Preisschwankungen. Eine gute Ernte in den Regionen, die jetzt von Unwettern heimgesucht werden, sei noch möglich, meint FAO-Experte Abdolreza Abbassian. Bis zur Erntesaison dauert es auf der Nordhalbkugel noch einige Zeit. Aber: "Das Problem ist, dass sich die Wetterkapriolen von 2010 fortsetzen. Die Engpässe im vergangenen Jahr haben sich nicht zu stark bemerkbar gemacht, weil die Lager gut aufgefüllt waren. Aber das ist jetzt anders. 2011 können wir uns keine schlechte Ernte leisten."

2010 hatte Russland wegen einer Hitzewelle große Einbrüche bei der Weizenernte, die Exporte des Landes wurden drastisch zurückgefahren. Hinzu kommt, dass die Unruhen in Ägypten die Preise weiter antreiben. Der FAO-Lebensmittelpreisindex liegt höher als bei der Hungerkrise 2008.

Auch der US-Ökonom Paul Krugman warnt in der New York Times vor einer Überwertung von Faktoren wie Spekulation beim Anstieg der Lebensmittelpreise. Primärer Preistreiber seien die Wetterkapriolen, so Krugman.

Das Wetterargument will Michael Brüntrup vom deutschen Institut für Entwicklungspolitik allerdings nicht alleine gelten lassen. Die Vernachlässigung landwirtschaftlicher Entwicklung in der sogenannten Dritten Welt habe mit beigetragen, dass sich viele Staaten insbesondere in Afrika heute nur mehr schwer versorgen können. (András Szigetvari, DER STANDARD, Printausgabe, 9.2.2011)

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    Die Rechte der Landbevölkerung und die Furcht vor steigenden Lebensmittelpreisen ist auch eines der zentralen Themen beim Weltsozialforum in Dakar, Senegal.

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