Geboren, um Geschwister zu retten

8. Februar 2011, 17:58
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In Frankreich wurde erstmals ein Baby geboren, das zur Rettung seiner kranken Geschwister durch künstliche Befruchtung gezeugt wurde

Die Eltern nennen ihr Neugeborenes "Umut", was auf Türkisch so viel wie "Hoffnung" heißt. Französische Medien sprechen nur von "bébé-médicament" - einem Baby, das als Arzneimittel dient. Und zwar seinen eigenen Geschwistern. Im Fall von Umut haben sie die schwere Erbkrankheit Beta-Thalassämie.

Der bei seiner Geburt 3,7 Kilo schwere Säugling ist nach Angaben des Spitals Antoine-Béclère in Clamart im Pariser Großraum "bei bester Gesundheit" - und vor allem in der Lage, einem Bruder mit seiner Blutspende das Leben zu retten.

Umut kam durch künstliche Befruchtung zustande. Bei der Auswahl der Embryonalzellen wurde darauf geachtet, dass sie frei waren von der Erbkrankheit seiner Geschwister, und dass die Zellspende mit dem Blut eines älteren Bruders verträglich ist.

Rettende Nabelschnurspende

Damit sind theoretisch die zwei Voraussetzungen erfüllt, damit Umut zur Heilung von mindestens einem älteren Bruder beitragen kann. Der leitende Arzt René Frydman zeigte sich optimistisch, dass die bereits erfolgte Nabelschnurspende für die Bekämpfung der Thalassämie in der Familie entscheidend sein werde.

Für Frankreich ist die am 26. Jänner erfolgte, aber erst jetzt bekannt gemachte Geburt des "Medikamenten-Babys" eine Premiere. Ähnlich gezielte In-vitro-Befruchtungen haben schon in den USA stattgefunden, in Europa erst dreimal: zwei in Belgien, eine in Spanien. In Frankreich will Frydman diese Praxis nun ausdehnen.

Gekreuzte Organspenden

Die gesetzlichen Grundlagen sind vorhanden, obwohl Frankreich die Genforschung streng regelt. Am Dienstag hat die Nationalversammlung in Paris die Beratung eines neuen Bioethikgesetzes aufgenommen. Es enthält einige Neuerungen, darunter etwa die Zulassung "gekreuzter Organspenden".

Da zum Beispiel Nierenspenden familienintern häufig unverträglich sind, schlägt die französische Regierung nun vor, dass zwei Familien sozusagen übers Kreuz Organe austauschen dürfen.

Keine Stammzellen- oder Embryonalforschung

Neu zugelassen werden soll auch, dass in Frankreich ein Embryo in den Mutterleib eingepflanzt werden kann, wenn der Vater verstorben ist. Voraussetzung ist, dass das Paar das Verfahren einer In-vitro-Befruchtung in die Wege geleitet hatte.

Abgesehen davon bewahrt Frankreich eines der restriktivsten Bioethikgesetze Europas. Stammzellen- oder Embryonalforschung bleiben grundsätzlich unmöglich.

Die in England oder Belgien erlaubte Leihmutterschaft dürfte aller Voraussicht nach auch verboten bleiben. Auch Eizellspenden werden nicht zulässig. Kritiker befürchten eine Zunahme des "Geburtstourismus" von Französinnen nach Belgien oder Spanien. Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD Printausgabe, 09.02.2011)

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