Das unentdeckte literarische Reich einer Fantastin

8. Februar 2011, 17:41
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Das Werk der österreichischen Kinder- und Jugendbuchautorin Erica Lillegg (1907-1988) war jahrelang vergessen

Ein neuer Sammelband würdigt jetzt die mit Paul Celan befreundete Schriftstellerin.

Wien - "Wenn man ein Stern ist, braucht man keine Taschenlampe." Wie wahr. Und wie schön ist die Vorstellung, erleuchtet über nächtliche Wiesen zu gleiten. Von solchen extraterrestrischen, nichtempirischen Zuständen konnte die Schriftstellerin Erica Lillegg die genauesten Beschreibungen geben. Ihre Bücher, die zu den Pionierwerken der deutschsprachigen fantastischen Kinder- und Jugendliteratur zählen, gerieten neben Werken von Vera Ferra-Mikura oder Mira Lobe ganz in Vergessenheit.

Das sollte sich ändern. Ernst Seibert und Vera Nowak haben Nachholarbeit geleistet und im Verlag Praesens einen Sammelband vorgelegt, der morgen, Donnerstag, in der Alten Schmiede (ab 16.30 Uhr) erstmals präsentiert wird: Erica Lillegg-Jené (1907-1988). Kinderliteratur auf dem Weg zur Moderne.

Erica Lilleggs Schreiben reicht in puncto Mundwerk an jenes von Christine Nöstlinger heran, es bringt genüsslich spießbürgerliche Werte zu Fall und hinterfragt festgefahrene Verhaltensnormen und Rollenbilder, die vor allem in der Nachkriegszeit eine Erhärtung erfuhren: Kleine Mädchen, die strickend daheim sitzen und Bücher lesen über kleine Mädchen, die ebenfalls strickend daheim sitzen - das war schon 1955 Lilleggs Sache nicht. In diesem Jahr erschien ihr Buch Vevi, eine fantastische Geschichte über die Persönlichkeitsteilung eines jungen Waisenmädchens, das sich auf eigene Faust nach Paris aufmacht, um Familienanschluss zu finden.

Waisenkind, Paris - darin liegen auch autobiografische Spuren: Erica Lillegg (eigentlich Maria Erika Paula) wurde als zweitjüngstes von sieben Kindern des Ehepaares Laura Maria Karolina und Alois von Lillegg in Graz geboren. Ihr Vater starb wenige Jahre später.

Die Gymnasialzeit verbrachte Lillegg in Wien, sie ließ sich hier zur Chemielaborantin ausbilden, nahm Anläufe, Bühnenkünstlerin zu werden (was sich in dem Buch Scarlet und die Eifersucht niedergeschlagen hat) und studierte Germanistik. Im Brotberuf war Lillegg Journalistin, eine Verdienstmöglichkeit, die sie auch in späteren Jahren stets nützen musste, als sie bereits mit dem Maler Edgar Jené verheiratet war und mit ihm in Paris lebte (ab 1953).

Noch in Wien, unmittelbar nach dem Krieg, führte das Ehepaar einen literarischen Salon in einer Dachgeschoßwohnung am Althanplatz, in dem Maler und Schriftsteller verkehrten. Hier haben sich Vertreter der Wiener Schule des Phantastischen Realismus zusammengefunden. Zu diesem Kreis zählte ab 1949 auch Paul Celan, der mit dem Ehepaar Lillegg-Jené eine jahrelange, brieflich belegte Freundschaft pflegte, die jedoch in die Brüche ging. Im Nachlass von Erica Lillegg, der derzeit von Ingrid Schramm im Literaturarchiv der Nationalbibliothek aufgearbeitet wird, fand sich neben Gedichten unklarer Provenienz auch ein Prosastück Paul Celans (Eine Lanze).

Erica Lillegg hat neben ihrem eigenen literarischen Schaffen Autoren aus dem Französischen übersetzt, darunter keine geringeren als André Breton, Julien Gracq oder Maurice Nadeau.

Warum Lillegg in ihrer Heimat ignoriert wurde, ist unklar. Österreichische Verlage lehnten ihre Bücher ab. Auf der Ehrenliste des Hans-Christian-Andersen-Preises 1958 scheint Lillegg schließlich als deutsche Autorin auf. Für die Abenteuergeschichte Feuerfreund bekam sie im gleichen Jahr den Deutschen Jugendbuchpreis. Das Buch Vevi wurde dann 1969 im Wiener Obelisk Verlag neu aufgelegt, allerdings mit fatalen Kürzungen von surrealistisch-fantastischen Elementen. Und diese sind in Lilleggs Werk ja elementar: Vevi, das Waisenkind, wird im gleichnamigen Buch auf einer zur Kanone geformten dicken Köchin names Berta nach Paris abgeschossen. "Morgen früh [...] wollen wir einen Schuss riskieren!" Mehr davon, bitte! (Margarete Affenzeller, DER STANADRD - Printausgabe, 9. Februar 2011)

Präsentation mit Peter Waterhouse, Renate Welsh u. a., Alte Schmiede, ab 16.30 Uhr

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