"Chemie ist das Weltnächste, das es gibt"

8. Februar 2011, 17:32
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Forschung erfordert fanatische Entschlossenheit, sagt der gelernte Chemiker Christian Mähr, der beim Schreiben geblieben ist.

Karin Krichmayr sprach mit dem Preisträger für eines des Wissenschaftsbücher des Jahres über schwierigen Stoff und einflussreiche Substanzen.

STANDARD: Sie haben Chemie studiert, sind aber bisher vor allem als Autor von Science-Fiction- und Kriminalromanen in Erscheinung getreten. Jetzt haben Sie für das Sachbuch "Von Zucker bis Alkohol. Zwölf Substanzen, die die Welt veränderten" , einen Preis für das Wissenschaftsbuch des Jahres 2011 erhalten. Wie leicht fällt der Wechsel vom Fantastischen zum Sachlich- Wissenschaftlichen?

Mähr: Das ist gar kein Problem. Ich habe das auch nie als Gegensatz empfunden. Vor 20 Jahren habe ich Science-Fiction geschrieben, jetzt schreibe ich Kriminalromane, zuletzt ein Sachbuch und einen fantastisch-historischen Roman.

STANDARD: War das naturwissenschaftliche Studium nützlich für Ihre literarische Tätigkeit?

Mähr: Wenn die wissenschaftliche Ausbildung zu was gut war, dann dazu (lacht). Ich habe den Beruf Chemiker schließlich nie ausgeübt.

STANDARD: Haben Sie nie mit der Forschung geliebäugelt?

Mähr: Ich habe nach der Promotion zum Chemiker eine Auszeit gebraucht, und da bin ich beim Rundfunk gelandet. Dort bin ich bis vor einem Jahr hängengeblieben. Die Forschung ist noch einmal etwas ganz anderes. Das wird meistens unterschätzt, welche fanatische Entschlossenheit dazu erforderlich ist. Viele Naturwissenschafter reden auch nicht gerne darüber, sie sind meiner Erfahrung nach eher zurückhaltend.

STANDARD: Sind Wissenschafter zu zurückhaltend, was die Vermittlung an die Öffentlichkeit betrifft?

Mähr: Ich glaube, dass das ein Problem der Herangehensweise ist. Dinge erzählen zu können ist eine bestimmte Gabe, die hat man oder nicht. Es gibt Wissenschafter, die das können, aber das sind oft nicht jene, die bis zum Hals in der Forschung stecken. Beides zu verbinden ist oft zeitlich und arbeitstechnisch gar nicht möglich.

STANDARD: Sie verbinden in Ihrem Buch wissenschaftliche Fakten mit launigen Anekdoten und historischen Details. Was war die Motivation, dieses Buch zu schreiben?

Mähr: Die Motivation ist letztlich das Geldverdienen. Ich glaube schon, dass diese Art des Erzählens eine Nische ist: Wissenschaft mit einer gewissen Lockerheit zu beschreiben, die harten Knochen mit Fleisch zu umgeben, sodass man reinkippt – das wollte ich erreichen. Die meisten Menschen sind gegenüber der Chemie kritisch eingestellt und von schlechten Erfahrungen aus der Mittelschule geprägt. Offenbar ist das ein Stoff, den man den Schülern im Unterricht sehr schwer nahebringen kann. Ich habe in meinem Buch versucht, das Naturwissenschaftliche über die Kulturgeschichte der Substanzen zu vermitteln.

STANDARD: Ist es der Unterricht, der zum schlechten Image von Chemie führt?

Mähr: Ich sehe da keinen anderen Grund. Es ist ja keine weltfremde Sache, die Chemie ist das Weltnächste, das es gibt. Alles, was uns umgibt, hat eine chemische Formel und eine Zusammensetzung – so wie wir selbst: Fleisch und Blut sind Dinge, die die Chemie behandelt. Was könnte denn interessanter sein, als das, woraus wir selbst bestehen? Meiner Erfahrung nach sind in jeder Klasse ein oder zwei Schüler, die sich wirklich dafür interessieren. Warum es die anderen nicht interessiert, entzieht sich meiner Kenntnis.

STANDARD: Was waren die Kriterien für die Auswahl der Substanzen, die die Welt veränderten?

Mähr: Ich glaube, sie haben alle großen Einfluss auf die heutige Welt. Es ist eine subjektive Auswahl, die ist natürlich angreifbar.

STANDARD: Welche Substanz finden Sie am interessantesten?

Mähr: Zucker! Zucker esse ich gerne – und ich bin ja nicht allein damit. Die Zuckerproduktion ist seit 500 Jahren ununterbrochen gewachsen, mit einem einzigen Einbruch durch den Sklavenaufstand in Haiti zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Wir könnten Zucker essen, bis wir alle draufgehen. Da muss man sich wirklich zurückhalten.

STANDARD: Die Bedeutung von Chemie wird in der breiten Öffentlichkeit oft nur bei Katastrophen oder Unfällen wie zuletzt in Ungarn thematisiert ...

Mähr: Mich stört bei diesen Katastrophenmeldungen, dass es dann oft heißt: Ein Damm ist gebrochen, und eine Art roter Schlamm verwüstet alles. Keiner weiß, um welche chemische Flüssigkeit es sich handelt, warum sie dort aufbewahrt wird. Das wäre genauso, als wenn Zeitungen schreiben würden: "Ein Mann ist verunglückt." Und das wäre dann die ganze Nachricht. Es sollten öfter Chemie-Experten gefragt werden.

STANDARD: Was kann eine Aktion wie das heuer von den Vereinten Nationen ausgerufene Internationale Jahr der Chemie bringen?

Mähr: Jede Art von Öffentlichkeitsarbeit kann das Image der Chemie noch weiter verbessern. Ich glaube, dass es im Moment so miserabel ist, so tief eingebacken in die Hirne, dass es in einem Jahr wahrscheinlich schwer aufzulösen ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 09.02.2011)


Christian Mähr, geboren 1952 in Nofels bei Feldkirch in Vorarlberg, studierte Chemie an der Universität Innsbruck. Anschließend arbeitete er als Wissenschaftsredakteur für den ORF. Er lebt heute als Schriftsteller und Publizist in Dornbirn. 1992 gewann er mit seinem Roman "Fatous Staub" zwei bedeutende deutsche Science-Fiction-Preise, 1999 nahm er am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb teil. Er veröffentlichte zahlreiche Romane, u.a. "Semmlers Deal" (Deuticke 2008), "Alles Fleisch ist Gras" (Deuticke 2010) und zuletzt "Karlitos Reich" (Limbus 2010) sowie Sachbücher, etwa "Vergessene Erfindungen. Warum fährt die Natronlok nicht mehr?" (Dumont 2002).

  • Von der Chemie zu Science-Fiction und Krimi und wieder zurück: der Autor Christian Mähr.
    foto: standard/corn

    Von der Chemie zu Science-Fiction und Krimi und wieder zurück: der Autor Christian Mähr.

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