"Da muss man das Herz in die Hand nehmen"

8. Februar 2011, 17:17
110 Postings

Die Weltmeisterschaft lässt sich gut an für die österreichische Skifahrt. Die Steirerin Elisabeth Görgl gewinnt Gold im Super-G vor Julia Mancuso (USA) und Maria Riesch (Garmisch)

Garmisch-Partenkirchen - Einerseits war es wie in Whistler, andererseits nicht. Wie beim Olympischen Super-G anlässlich der Spiele 2010 von Vancouver hatte ÖSV-Trainer Jürgen Kriechbaum die Kurssetzung besorgt. Wie in British Columbia gewann auch in Bayern eine, der er zwecks Training unzählige Tore vorzusetzen pflegt. Doch Andrea Fischbacher, der Olympiasiegerin, war ein Tor im Weg, sie fädelte ein und rutschte den Eishang namens Hölle hinab bis ins Fangnetz.

Es sollte der große Tag von Elisabeth Görgl werden, die schon am Montag einen vielbeachteten Auftritt gehabt hatte, als sie bei der Eröffnung die WM-Hymne "You're the Hero between Heaven and Hell" gesungen hatte. Quasi ein Selbstgespräch. "Das habe ich sehr genossen." Zwischen Himmelreich und Hölle war sie besonders schneidig unterwegs.

Titelverteidigerin Lindsey Vonn, die aufgrund der eisigen Piste und eines Trainingssturzes samt Gehirnerschütterung einen Startverzicht erwogen hatte, spielte dann doch mit, sie wurde Siebente. US-Landsfrau Julia Mancuso, Riesentorlauf-Olympiasiegerin 2006 in Turin, war am entscheidenden Tag wieder voll da, holte Silber und damit ihre insgesamt siebente Medaille bei Großereignissen. Und Maria Riesch startete ihr Heimspiel, bei dem sich noch fünf Gelegenheiten hat inklusive Teambewerb, mit der Bronzenen. Die Salzburgerin Anna Fenninger wurde Fünfte.

"Das war sehr cool. Heute habe ich fast alles richtig gemacht. Da muss man das Herz einfach in die Hand nehmen. Ich mag diese schwierigen Verhältnisse, sie schränken den Favoritenkreis ein. Es gibt nicht viele, die das mögen. Da war nicht so sehr das Gefühl gefragt, sondern der Kampf, man musste die Ski richtig reindrücken. Und das ist mir heute ganz gut gelungen", sagte Görgl nach dem größten Sieg ihrer Karriere.

Langer Weg zu Gold

Die Kapfenbergerin, die im Skigymnasium Stams maturierte, in Tirol hängenblieb, seit zehn Jahren in Innsbruck lebt, staatlich geprüfte Skilehrerin ist, hat es bisher auf drei Weltcupsiege gebracht, zwei im Riesentorlauf, einen im Super-G. Von den Vancouver-Spielen nahm sie zwei Bronzene mit, verdient in der Abfahrt und im Super-G, bei der WM 2009 gewann sie Bronze in der Kombination.

"Aber wenn wir ehrlich sind", sagte sie gestern nach vollbrachtem Werk, "dann zählt nur eines, die Goldmedaille." Ihre Mutter Traudl Hecher-Görgl hatte bei den Olympischen Spielen 1960 und 1964 jeweils Bronze in der Abfahrt gewonnen. Bruder Stephan schmückt ebenfalls das ÖSV-Team in Garmisch-Partenkirchen, aber ob er auch zu einem Einsatz kommt, ist fraglich.

Am 20. Februar, dem Schlusstag der WM, wird Elisabeth Görgl 30 Jahre alt. Bis dahin wird sie jedenfalls noch in der Kombi, in der Abfahrt und im Riesenslalom arbeiten, der Teambewerb drängt sich auf, und der Slalom ist auch nicht ausgeschlossen. Jetzt wird sie ja wohl alles haben wollen? "Mit Erwartungen allein gewinnt man keine Rennen."

Es hat lang gedauert, bis ihr Traum, Anlass zum Abspielen der Bundeshymne zu sein, Gestalt annahm, auf dem Weg lagen auch drei Kreuzbandrisse, der letzte passierte vor zehn Jahren. "Es war nicht leicht, immer hat es geheißen, ich bin so gut, so talentiert. Ich hab mich angestrengt, die Erwartungen zu erfüllen, hab mit mir selber gekämpft und dadurch Probleme bekommen, ich hab das Skifahren gar nicht mehr gemocht."

Jetzt mag sie es. Was auch damit zu tun hat, dass sie sich mit Yoga, Tanzen, Singen und Thaiboxen vom beruflichen Alltag ablenkt. "Seit ein paar Tagen schon bin ich ruhig, geerdet, mittig. Ich nehme nun alles viel lockerer. Die WM wird noch interessant werden." Ihren größten Wunsch wird sich Görgl freilich in Garmisch-Partenkirchen nicht erfüllen können. "Das ist der Olympiasieg." Die nächste Gelegenheit bietet sich 2014 in Sotschi. (Benno Zelsacher, DER STANDARD Printausgabe, 9.2.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Elisabeth Görgl darf ruhig die Fäuste in ihren Fäustlingen ballen.

Share if you care.