Mach kaputt, was dich kaputt macht

8. Februar 2011, 17:20
8 Postings

Edward Abbeys Öko-Sabotage-Roman "Monkey Wrench Gang" wurde zur rechten Zeit wieder aufgelegt

Wien - Auf den ersten Blick sind es vier mehr oder weniger normale Personen, die sich da treffen. Auf den zweiten Blick aber bleibt von der Normalität nicht viel übrig. Nehmen wir George Washington Hayduke III.: Vietnam-Veteran, begeisterter Biertrinker und Waffennarr. Am zweitliebsten übernachtet er im Freien. Am liebsten fährt er mit seinem Jeep durch die Gegend. In diesem befinden sich unter anderem ein Magnum Revolver, eine Stahlarmbrust mit Jagdspitzen und ein AK-47-Sturmgewehr. Dann gibt es noch Doc Sarvis und dessen Freundin Bonnie Abbzug. Zusammen gehen sie in der Nacht ihrer geheimen Leidenschaft nach und fackeln Reklametafeln ab. Der Vierte im Bunde ist Seldom Seen Smith: Seinen Namen verdankt er der Tatsache, dass er von seinen drei Frauen nur sehr selten gesehen wird.

Alle vier lieben sie die Wildnis. Die typisch amerikanische Freiheit, die da heißt: draußen sein, ganz auf sich allein gestellt sein. Niemand weit und breit, der einen stört. Doch diese Idylle ist massiv bedroht: durch neue Brücken, neue Staudämme und neue Straßen. "Einst hat die Wildnis dem Menschen eine recht praktikable Lebensweise geboten", sagt Doc Sarvis. "Jetzt dient sie als psychiatrische Zufluchtsstätte."

"Bald wird es keinen Ort mehr geben, wohin man gehen kann", meint er und kommt zum Schluss: "Dann wird der Wahnsinn weltumspannend." Wie aber diesen immer schneller um sich greifenden technischen Wahnsinn aufhalten? Mit der guten alten Sabotagetechnik. Zuerst noch legen die vier bloß ein paar Planierraupen lahm. Nach und nach aber werden ihre Aktionen radikaler. Sie sprengen Brücken, und ihr letztes und größtes Ziel ist der riesige Staudamm.

So wie die Aktionisten selbst, hat auch der Leser nie das Gefühl, die Öko-Saboteure würden etwas Falsches machen. Auch, weil sie das, was sie tun, mit sichtbarem Spaß tun. Zünden sie Plakatwände an oder lassen sie Planierraupen mit lautem Krach in den Abgrund stürzen, dann freuen sie sich wie kleine Kinder.

Wut ohne Verbissenheit

Mit den theorieschwangeren Terroristen der 1970er-Jahren haben die Mitglieder der Monkey Wrench Gang ebenso wenig gemein wie mit verbissenen Umweltschützern. Fahren sie doch riesige Autos und werfen die leeren Bierdosen einfach aus dem Fenster. Und dem Waffennarren Hayduke, der sich heute wohl für die Tea-Party-Bewegung engagieren und Sarah Palin unterstützen würde, würde kein politisch-korrekter Grüner auch nur die Hand reichen.

Als das Buch 1975 erschien, löste es eine Gründungswelle von Umweltschutzorganisationen aus. Die radikale Umweltgruppe Earth First hat sich überhaupt gleich den verstellbaren Schraubenschlüssel - der im Englischen "monkey wrench" heißt - als Symbol genommen. Der Roman ist heute so aktuell wie zur Zeit seiner Erstveröffentlichung; bleibt doch die Frage, ob es wirklich der Weisheit letzter Schluss ist, dem Wohlstand alles unterzuordnen, virulenter als jemals zuvor. Und auch die Überzeugung, dass, wenn einem keiner mehr hilft, man sich selbst helfen muss, wird von immer mehr Menschen geteilt.

Falls also die "Wutbürger", von denen aktuell so viel die Rede ist, literarische Vorbilder bräuchten, dann wären sie mit diesem 35 Jahre alten Roman, der von Robert Crumb kongenial illustriert wurde, bestens bedient. (Gerhard Pretting, DER STANDARD - Printausgabe, 9. Februar 2011)

  • Edward Abbey: "Die Monkey Wrench Gang". Illustriert von Robert Crumb, 
aus dem Amerikanischen von Sabine Hedinger. Verlag Walde+Graf: Zürich 
2010
    foto: verlag walde + graf

    Edward Abbey: "Die Monkey Wrench Gang". Illustriert von Robert Crumb, aus dem Amerikanischen von Sabine Hedinger. Verlag Walde+Graf: Zürich 2010

Share if you care.