"Wegen einer Krone bin ich noch lange kein König"

8. Februar 2011, 17:27
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Als alternder Schauspieler mit Königskrone ehrt Gert Voss den Dramatiker Thomas Bernhard zu dessen 80er im Wiener Akademietheater

"Einfach kompliziert" ist das Motto seines Berufs, wie er Ronald Pohl im Gespräch erklärt.

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STANDARD: "Einfach kompliziert" erzählt über das Wohl und Wehe eines vereinsamten Schauspielers, der vor geraumer Zeit Richard III. gegeben hat. Ist es für Sie wichtig, die Premiere dieser Koproduktion mit dem Berliner Ensemble in Wien zu feiern? Bedeuten Ihnen Premieren überhaupt etwas?

Voss: Premierentermine sind wie das Kürlaufen beim Eiskunstlauf: Die Weltmeister fallen alle hin, obwohl sie es in Wahrheit alle können. Das ist eine mentale Sache. Ich bin kein so wahnsinniger Freund von Premieren: Da wirkt immer eine Anspannung, die, wenn es losgeht, Gott sei Dank nachlässt. Aber man bleibt doch immer überempfindlich. Das Wichtigste: Was macht das Publikum? Schläft es? Döst es vor sich hin, oder schweigt es, weil es, wie Peter Brook sagt, so aufmerksam zuhört? Ein unangenehmer Abschnitt im Beruf. Mein Traum wäre: Dass man spielt, dann wieder probiert, um neue Einsichten in das Spiel einfließen zu lassen ... Aber dagegen wehrt sich das Theater als Institution, dafür ist es letztlich zu unbeweglich.

STANDARD: "Einfach kompliziert" ist ein vernachlässigtes Werk aus Bernhards Spätzeit. Woran liegt das? An der Tatsache, dass Bernhard Minetti mit 80 Jahren Widmungsträger war, niemand in seine Fußstapfen treten wollte?

Voss: Lustigerweise spielen wir es jetzt zu Thomas Bernhards 80. Geburtstag! Und Peymann hat mir gesagt: Wenn du 80 bist, spielen wir es wieder. Dann bin nur ich nicht mehr da! So leichtfertig würde ich das mit Blick auf Peymann aber gar nicht sagen. Ich habe einmal eine Fernsehaufzeichnung der Uraufführungsinszenierung gesehen. Ohne mich in allen Einzelheiten an sie zu erinnern, entsinne ich mich doch des folgenden Eindrucks: Na ja, ein typisches Bernhard-Stück, aber da gibt es bessere. Was ich jetzt in der Arbeit mit Peymann entdecke, ist ein unendlich reiches, dabei finsteres Stück. Es ist der vielleicht "einsamste" seiner Theatertexte.

STANDARD: Obwohl eine Liebesgeschichte erzählt wird: Ein zehnjähriges Mädchen besucht den einsamen Schauspieler, um ihm Milch zu bringen. Er nimmt die Gabe dankbar an, obwohl er Milch nicht ausstehen kann.

Voss: Aber diese Beziehung ist fast außerplanetarisch.

STANDARD: Enthält das Stück nicht ein Echo auf Becketts "Das letzte Band"?

Voss: Wenn man so will, kann man in allen Bernhard-Stücken Beckett-Anklänge feststellen. Er muss ihn wohl sehr geschätzt haben. Aber die Bernhard-Figuren zeichnet eine andere Zähigkeit und Überlebenskraft aus. Auch wenn man, wie meine Figur, vollkommen allein ist.

STANDARD: Wobei der Schauspieler in "Einfach kompliziert" alle seine Nächsten überlebt hat, unter anderem seine Frau. Er ist doch der eigentliche Gewinner, oder?

Voss: Das bedeutet für einen Menschen, der so gerne redet und denkt wie dieser Schauspieler, einen permanenten Dialog mit sich selbst führen zu müssen. Weil er die Stille nicht aushalten kann. Also geht er ans Fenster. Und Bernhard lässt das grandios offen: Er schaut auf die Uhr. Wartet er auf das Mädchen? Fragt er sich, warum sie nicht kommt? Ist sie verspätet? "Ich bin doch immer pünktlich gewesen / Verlässlichkeitsfanatiker ...", wie er bekennt.

STANDARD: Überwiegt die lebenslange Maskerade des Schauspielers, der in Duisburg, Osnabrück und Bochum auf der Bühne stand? Oder ist es das Leben selbst, das hier auf dem Prüfstand steht?

Voss: Manchmal bin ich ganz erstaunt, was Bernhard alles über die Befindlichkeit des Schauspielers gewusst hat. Ein Schauspieler braucht eigentlich ein Publikum. Dieser hier ist gezwungen, sich das Publikum selbst vorzuspielen. Aber irgendwann kann er sich nichts mehr vormachen. Er sagt von sich, dass er "an einer einzigen Szene" erkrankt sei. Wenn man in diesem Beruf etwas nicht findet, um eine Szene spielerisch zu bewältigen - darum sind Schauspieler ja auch so verrückt! -, kann man daran in der Tat erkranken. Warum kann er diese oder jene Szene nicht lösen? "Ich habe zu oft an Shakespeare gedacht / als ich Shakespeare spielte." Einerseits muss das, was man auf der Bühne macht, eine gewisse Wahrheit besitzen. Andererseits ist diese Wahrheit auch nur eine Illusion. Wenn ich einen König spiele, eine Krone auf dem Kopf trage, bin ich deswegen noch kein König! In dieser Diskrepanz bewegt sich mein Beruf. Darum kann man auch nie komplett glücklich sein. Man kann sich vom Applaus betäuben lassen. Aber das Ziel: so tief einzudringen, dass das Spiel eine eigene Wirklichkeit "wird", ist nicht eigentlich erzwingbar.

STANDARD: Sie würden Ihren Beruf aber nicht im Zeichen des Scheiterns sehen wollen?

Voss: Es gibt in keiner Rolle Dinge, die so geglückt sind, dass ich nicht denken würde, besser geht es nicht. Es gibt sehr, sehr viele Stellen, in jeder Arbeit, wo du einbekennen musst: Hieran bist du gescheitert! Dann beginnt in jeder Vorstellung der Kampf, mehr zu finden, mehr zu erreichen. Das kann dir kein Regisseur wegnehmen. Er kann nur Navigator sein.

STANDARD: Wie verständigen Sie sich mit Claus Peymann auf der Probe? Sie kennen einander doch in- und auswendig.

Voss: Erst einmal schicke ich voraus: Ich habe einen tollen Regisseur nach langer Zeit wiederentdeckt! Ich habe auch entdeckt, dass Peymann eine aussterbende Tugend besitzt: Er beobachtet den Text, den er liest und mich dann spielen lässt, unentwegt. Er hört ihn durch, indem er den Gedanken in ihm immer wieder sucht.

STANDARD: Sie meinen: Bernhard schrieb Partituren?

Voss: Das klingt immer so technisch. Peymann inszeniert nicht die Partitur, sondern den Inhalt, und findet über den Inhalt wieder in die Form. Nach Ritter Dene Voss (und dem Papagei in Immanuel Kant) ist das erst die zweite Bernhard-Arbeit, die ich mit ihm mache. Ein riesiges Erlebnis. Und ich maße mir einfach an zu sagen: Peymann weiß so viel über Bernhard wie kaum ein anderer. Es gibt heute durchaus diese Tendenz, zu sagen: Spielen wir Bernhard doch ganz anders! Nur: Worauf läuft das in aller Regel hinaus? Solche Aufführungen habe ich auch gesehen, und sie rutschten sehr rasch in ein Boulevardtheater hinunter. Dann aber ist das Blümchen wirklich weg. In Einfach kompliziert gibt es keine Witze, keine Bemerkungen über den Sozialismus, den Nationalsozialismus, den Katholizismus. Dieser Text bleibt ganz bei sich. Und darum ist es für mich das stillste, introvertierteste Stück, das Thomas Bernhard jemals geschrieben hat. (Ronald Pohl, DER STANDARD - Printausgabe, 9. Februar 2011)

Gert Voss (69), Ehrenmitglied des Wiener Burgtheaters, gilt als größter deutschsprachiger Bühnenschauspieler. "Einfach kompliziert" hat am Samstag im Akademietheater Premiere (19.30 Uhr).

  • Nach dem heutigen "Fest für Thomas Bernhard" im Wiener Burgtheater folgt
 am Samstag das Königsdrama: Ein Mime (Gert Voss) spielt für das letzte 
ihm verbliebene Publikum - ihn selbst.
    foto: monika rittershaus

    Nach dem heutigen "Fest für Thomas Bernhard" im Wiener Burgtheater folgt am Samstag das Königsdrama: Ein Mime (Gert Voss) spielt für das letzte ihm verbliebene Publikum - ihn selbst.

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