Die arabische Jugend hat die Angst vor Repression und Tod verloren

8. Februar 2011, 20:54
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S'bah el Hayr: Erste Gedanken - Auslandskorrespondent Reiner Wandler bloggt, um über die Schranken von Religion, Sprachen und Kultur hinweg Gemeinsamkeiten aufzuzeigen

Seit sich der 26-jährige Mohammed Bouazizi am 17. Dezember im zentraltunesischen Sidi Bouzid selbst verbrannt hat, sind sie wieder da, diese schrecklichen Bilder. Es war der Fronleichnamstag 1982. Wir, rund eine Million Menschen, hatten uns im Bonner Hofgarten und auf den anliegenden Rheinwiesen versammelt. Es ging gegen den Nato-Doppelbeschluss, wie das westliche Bündnis die Stationierung von Cruise Missiles und Pershing-2-Raketen in Deutschland nannte. Mit ihnen sollte der kontrollierte Atomkrieg möglich werden.

Es war ein sonniger Tag. Die Stimmung war festlich. Luftballons, Kindergeschrei, Friedenslieder ... doch plötzlich ein Aufschreien aus Dutzenden von Kehlen. Unweit von mir stand ein Mann in Flammen. Wie ich später erfuhr, war es der 35-jährige Hamburger Dietrich Stumpf. "Ich halte es nicht mehr aus", stand in seinem Abschiedsbrief. Er habe gegen den "Rüstungswahnsinn" und die "Atomtechnologie, die auf einen Schlag Europa auslöschen kann", demonstriert. Die Ohnmacht vor einem omnipotenten System hatte den Ingenieursstudent zu seiner Aktion getrieben.

Der Hubschrauber kam viel zu spät. Stumpf verstarb elendig. Wir waren geschockt. Doch nur wenige hat das damals aufgerüttelt. Sein Abschiedsbrief fand kaum Erwähnung. Wer im Internet nach dem schrecklichen Akt des Protestes sucht, hat es nicht leicht, wenn er den genauen Namen des Toten nicht kennt.

Stumpf steht damit in einer langen Reihe von vergessenen Selbstverbrennungen. Wer weiß heute noch, wie der Mönch hieß, der sich aus Protest gegen die Unterdrückung der Buddhisten in Vietnam anzündete, oder die vier, die in den USA mit diesem schrecklichen Tod gegen den Vietnamkrieg protestierten, ihre Leidensgenossen in Ungarn, Polen oder der DDR, die an ihrer Ohnmacht gegenüber dem realexistierenden Sozialismus verzweifelten ...?

Ohnmacht war es auch in Sidi Bouzid. Der arbeitslose 26-jährige Akademiker Mohammed Bouazizi, der sich seinen Lebensunterhalt mühselig mit Gemüseverkauf verdiente, war immer wieder von den Behörden gegängelt worden. Polizisten beschlagnahmten seinen Handkarren, forderten Schutzgeld von ihm. Was er nicht ahnen konnte, seine Verzweiflungstat war der Beginn einer Revolution. Nur einen Monat später, am 14. Januar 2011 floh Diktator Zine El Abidine Ben Ali nach Saudi Arabien. Der Proteste in Tunesien haben mittlerweile die Jugend in der arabischen Welt als Vorbild gedient.

"Es ist eine Rebellion gegen das Eingeschlossensein. Und im Laufe der Rebellion entdeckt man dann die Möglichkeiten, die man tatsächlich hat. Es taucht die Frage auf, was man machen kann. Erst dann kommt die Politik ins Spiel und es geht plötzlich gegen Ben Ali, gegen Mubarak, für die Demokratie ... Aber am Anfang ist es nichts weiter als eine biologische Reaktion, ein Schrei nach Leben und gegen die Mauer, die alles umgibt", erklärte mir kürzlich der algerische Schriftsteller Boualem Sansal, wie er die Dynamik analysiert, die ausgehend von Sidi Bouzid die gesamte arabische Welt ergriffen hat.

In meinen Jahren als Berichterstatter aus dem Maghreb habe auch ich diese Mauer oft gespürt. Nach den schwarzen Jahren in Algerien, in denen 200.000 Menschen in einem blutigen Machtkampf zwischen Islamisten und Armee ihr Leben verloren, während breite Teile der Weltöffentlichkeit wegschauten, hatte auch ich meine Hoffnung auf einen Wandel im Maghreb verloren. Und ich habe gelernt, dass auch wir hier in Europa ein Teil dieser Mauer sind, die Menschen wie Mohammed Bouazizi in die Verzweiflung treiben. Europa und die USA haben die Despoten auf der anderen Seite des Mittelmeeres unterstützt, versprachen sie doch Stabilität statt Islamismus. Wer ausbrechen will und sein Glück in der illegalen Immigration nach Europa sucht, stößt an eine Mauer aus Ausländergesetzen und Grenzüberwachung. Unzählige sterben jährlich auf dem Weg in vermeintliche El Dorado, auch darüber muss ich leider immer wieder berichten.

Als ich zwei Tage vor dem Sturz Ben Alis in Tunis ankam, war ich überrascht zu sehen, mit welcher Energie und mit welchem Mut der Aufstand in Tunesien geführt wurde. Es war ihr Mai '68. Und für mich sollte es der Beginn der zehn wichtigsten Tage in meiner Laufbahn als Auslandskorrespondent sein. Was ich erlebt habe, hat auch mir den Optimismus zurückgegeben. Plötzlich ist der Wandel greifbar nahe. Doch nach all den Jahren im Maghreb weiß ich auch, dass das was jetzt geschieht, vermutlich die letzte Chance für viele Jahrzehnte sein wird.

Die arabische Jugend hat die Angst vor Repression und Tod verloren. Und das nicht im Sinne von Al Qaida, deren Kommandos die tiefe Verzweiflung jahrelang für das Heranziehen von Selbstmordattentätern genutzt haben. Die Jugend fürchte den Tod nicht, erklärt Al Qaida immer wieder. In Tunesien und jetzt in Ägypten haben sie das tatsächlich bewiesen. Doch was Al Qaida nicht ahnen konnte, die neue arabische Generation hat auch die Freude am Leben, an der Debatte und an der Freiheit zurückgewonnen. Wir dürfen sie mit ihren Hoffnungen nicht alleine lassen.

Dieser Blog soll dazu beitragen. Deshalb werde ich künftig über große und über kleine Ereignisse, über Hauptsächliches und Nebensächliches berichten. "C'est kif kif" will versuchen über die Schranken von Religion, Sprachen und Kultur hinweg Gemeinsamkeiten aufzuzeigen.

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    Wandler: "Doch was Al Qaida nicht ahnen konnte, die neue arabische Generation hat auch die Freude am Leben, an der Debatte und an der Freiheit zurückgewonnen. Wir dürfen sie mit ihren Hoffnungen nicht alleine lassen."

  • Reiner Wandler besucht seit Mitte der 1990er Jahre mit Notizblock und Kamera regelmäßig den Maghreb.
    foto: wandler

    Reiner Wandler besucht seit Mitte der 1990er Jahre mit Notizblock und Kamera regelmäßig den Maghreb.

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