Migranten geben "Wasser marsch"

9. Februar 2011, 07:03
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Ein gebürtiger Pakistani und zwei Bosnier beweisen sich bei der Feuerwehr und nehmen die Integration selbst in die Hand

Sie werden durch Werbekampagnen gezielt angesprochen und so aus der Masse der Bevölkerung herausgezogen: MigrantInnen in Einsatzorganisationen. Bei der Wiener Polizei sucht man nach ihren Sprachkenntnissen und richtet eigene Beschwerdekommissionen ein. Auch bei den Freiwilligen Feuerwehren will man sie in Zukunft gezielt ansprechen. Im Alltag der niederösterreichischen Feuerwehren sind sie aber längst nicht mehr aus der Masse ausgenommen und werden nicht als "die MigrantInnen", sondern als KameradInnen gesehen.

Usman Farooq aus Pakistan

Mit zehn Jahren kam Usman Farooq mit seinem Bruder Umar von Pakistan nach Österreich. Sein Vater hatte schon einige Jahre im Land gelebt und holte die Söhne nach dem Tod der leiblichen Mutter zu sich. Zu Hause wird seit damals nur noch Deutsch gesprochen, denn bereits drei Tage nach der Ankunft begannen die beiden Buben die Schule zu besuchen. Zur Feuerwehr Göpfritz an der Wild in Niederösterreich stieß Farooq im Jahr 2003 - mit 16 Jahren und gleich in den aktiven Dienst, bei dem man im Unterschied zur Feuerwehrjugend auf Einsätze ausrückt.

Farooq absolvierte Zusatzkurse und trägt nun den Dienstgrad Oberfeuerwehrmann. Auch heute fährt er trotz seines stressigen Berufs als selbstständiger Transportunternehmer noch immer zu Einsätzen. Regelmäßig besucht Farooq mit seiner Familie auch die Moschee in Horn. Er ist Moslem. "Keiner meiner Freunde war bei der Feuerwehr. Ich bin beigetreten, weil ich mich noch besser integrieren und helfen wollte", erzählt der 23-Jährige.

Lana Sehic: "Kriegskind"

Anders war es bei der 28-jährigen Lana Sehic. Sie haben Freunde beim gemeinsamen Grillen im Sommer angesprochen, ob sie nicht auch Lust hätte zur Feuerwehr Korneuburg zu gehen. Sie hatte. "Ich war zwar nicht die erste Frau bei der Feuerwehr, aber die erste Migrantin", sagt Sehic. 

Die junge Frau war 1992 mit zehn Jahren vor dem Bosnienkrieg nach Österreich geflohen. Obwohl sie schon alt genug für die Hauptschule war, besuchte sie noch einmal die vierte Klasse Volksschule, "um die Sprache besser zu lernen". Danach studierte sie Wissensmanagement an der Fachhochschule Wien und absolviert im Moment eine Ausbildung zur Polizistin in der Bundeshauptstadt. 

Anfeindungen oder dummen Sprüchen sei Lana bei der Feuerwehr nie ausgesetzt gewesen: "Die Leute waren eher interessiert und haben Fragen gestellt", erzählt sie. "Vor allem, ob ich mich bei Einsätzen durch den Lärm und die Aufregung an den Krieg erinnert fühle. Aber das ist zum Glück nicht der Fall."

Haris Cehaic: Ex-Kommandant-Stv

Dass man auch als Nicht-Österreicher die Karriereleiter bei der Freiwilligen Feuerwehr hochsteigen kann, bewies Haris Cehaic. Der 26-jährige Bosnier wurde vor einem Jahr interimsmäßig zum Kommandant-Stellvertreter im niederösterreichischen Heiligenkreuz gewählt, nachdem das vorige Kommando zurückgetreten war.

Cehaic war noch vor dem Krieg mit seiner Familie aus Bosnien geflohen. Mit 16 Jahren ging er zur Feuerwehr, "weil es mich hingezogen hat". Inzwischen hat er bei der kleinen Wehr viele Funktionen inne: Sachbearbeiter Atemschutz, Verantwortlicher für Getränke und Bekleidung. 

Eigentlich wollte der gelernte KFZ-Mechaniker zur Berufsfeuerwehr nach Wien gehen. Dafür bräuchte Cehaic aber die österreichische Staatsbürgerschaft, die er bis heute nicht besitzt: "Die Gebühren bei den Behörden würden über 2.500 Euro betragen - da weiß ich was Besseres damit anzufangen", sagt der 26-Jährige und fügt hinzu: "Zum Beispiel mich selbstständig zu machen."

Mitglied auch ohne Staatsbürgerschaft

Den Freiwilligen Feuerwehren dürfen alle Menschen, die in Österreich leben, beitreten, unabhängig von ihrer Staatsbürgerschaft: "Jeder Freiwillige ist willkommen", sagt der niederösterreichische Landesfeuerwehrkommandant und Präsident des Bundesfeuerwehrverbandes Josef Buchta. Deshalb würde man auch in der Feuerwehrfachzeitschrift "Brand Aus" aktiv Werbung für Migranten betreiben. Diese Bevölkerungsgruppe sei bis dato im Feuerwehrdienst noch unterrepräsentiert.

Die MigrantInnen seien seines Wissens noch keinen Anfeindungen ausgesetzt gewesen, sagt Buchta. Das liege vor allem daran, dass sich vor allem die Personen bei der Feuerwehr melden würden, die sich bereits im Ort gut integriert fühlen. So hatten auch die beschriebenen KameradInnen bis jetzt keinerlei Schwierigkeiten: "Zwar kommen immer wieder FPÖ-Sager im Feuerwehrhaus vor, doch ich weiß, dass nur über die allgemeine Ausländer-Problematik gesprochen wird und nicht über mich", erzählt Lana Sehic. Sollte es aber zu Problemen kommen, rät Buchta, sich zu allererst dem Kommandanten anzuvertrauen. Außerdem gebe es im Landesfeuerwehrkommando Ansprechpartner.

"Sicherheitsrisiko": Kopftuch

Laut Buchta dürften auch Kameradinnen mit Kopftuch Dienst versehen und müssten dieses nur im Übungs- und Einsatzfall abnehmen. "Da geht es um Sicherheit." Das Tuch könnte unter dem Helm Feuer fangen. In den Feuerwehren ist man aber auch der Meinung, dass ein Mädchen mit Kopftuch nicht so schnell akzeptiert werden würde. Für Farooq ist es selbstverständlich, dass man sich in Österreich an die Kulturen der Mehrheitsgesellschaft anzupassen habe: "Meine Freundin lebt in Pakistan, sollte sie eines Tages nach Österreich kommen, dann werde ich ihr auch sagen, dass sie kein Kopftuch tragen soll."

Auch der Alkoholkonsum bei der Feuerwehr, ein weit verbreitetes Klischee, ist für die beiden Moslems Haris Cehaic und Usman Farooq kein Problem: "Nach einem Einsatz trinken wir schon ein bis zwei Bier mit", erzählen die beiden und lachen.

Obwohl die Integration bei der Feuerwehr zu funktionieren scheint, wehrt sich Buchta gegen eine mögliche Verpflichtung von Migranten: "Ich bin ein Gegner von allem was verpflichtend ist." Und die Kameraden stimmen zu: "Integration muss von jedem Menschen selbst ausgehen, man darf nicht gezwungen werden", sagt Sehic, bevor Cehaic in lupenreinem Niederösterreichisch abschließt: "An ziagts und an ned." (Bianca Blei, derStandard.at, 8.2.2011)

  • Usman Farooq stammt aus Pakistan, heute lebt er in Göpfritz an der Wild.
    foto: zvg

    Usman Farooq stammt aus Pakistan, heute lebt er in Göpfritz an der Wild.

  • Lana Sehic floh vor dem Krieg in Bosnien und ist nun Feuerwehrfrau in Korneuburg.
    foto: derstandard.at/blei

    Lana Sehic floh vor dem Krieg in Bosnien und ist nun Feuerwehrfrau in Korneuburg.

  • Haris Cehaic stammt aus Bosnien und war ein Jahr lang Kommandant Stellvertreter in Heiligenkreuz.
    foto: derstandard.at/blei

    Haris Cehaic stammt aus Bosnien und war ein Jahr lang Kommandant Stellvertreter in Heiligenkreuz.

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