Chronische Schmerzen

Mit dem richtigen Sound gegen Schmerzen

Regina Philipp, 8. Februar 2011, 12:17
  • Artikelbild
    foto: apa/jens meyer

    Rücken- und Kopfschmerzen zählen zu den Favoriten unter den chronischen Schmerzensyndromen.

Interdisziplinäres Schmerzmanagement macht Schmerzpatienten heute zu Gewinnern - Die richtige Musik trägt dazu bei

Der chronische Schmerzpatient ist ein Verlierer. Er funktioniert nicht, ist anstrengend, ängstlich und unglücklich. Heldenhaft erduldet er jedoch oft stillschweigend seine Qualen. Nicht nur, weil permanenter Schmerz in der Gesellschaft wenig Anerkennung findet, sondern auch, weil ihn die Hoffnung auf ein größeres Ganzes trägt. Die großen Weltreligionen bieten dafür ausgezeichnete Argumente. Alles Leiden endet im Nirwana, glauben die Buddhisten, während die Christen Schmerzen als Weg zur Erlösung betrachten. 

Neben diesem religiösen Zugang stellt sich aber die Frage: Ist ein geschundener Körper vielleicht doch für etwas gut? Tatsächlich ist Schmerz per se nicht nur schlecht. Insbesondere in seiner akuten Form schützt er den menschlichen Organismus, egal ob er mit bloßen Füssen auf einen Nagel tritt oder aber heißes Wasser berührt. Er zeigt uns eine drohende oder bereits eingetretene Schädigung. Und das Beste daran: In der Regel klingt akuter Schmerz ab, sobald die Ursache beseitigt wird.

Ausschalten statt aushalten

Ganz anders der chronische Schmerz. Er hat seine Signalfunktion und damit seinen Nutzen verloren. Zwar besitzt er längst den Status einer eigenen Erkrankung, medizinisch betrachtet gilt er jedoch als vollkommen sinnlos. Ausschalten statt aushalten, lautet daher heute das Credo der Schmerzmediziner. 

Wenn es so einfach nur wäre. Obwohl die Schmerzforschung mehr denn je boomt und Schmerzambulanzen allerorts aus dem Boden sprießen, ist der chronische Schmerz eine medizinische Herausforderung geblieben. Das Problem: Schmerz ist nicht nur ein physisches, sondern vielmehr ein psychosoziales Phänomen. Nozizeptive Nervenimpulse werden im Gehirn sehr individuell interpretiert. Emotionen, Einstellungen, Erfahrungen spielen in der Schmerzwahrnehmung eine entscheidende Rolle. Wird der Schmerz zum Mittelpunkt des Lebens, dann sind die Folgen für die Betroffenen zweifelsohne fatal.

Akzeptanz und Zeit

Das Krankheitsbild Schmerz ist komplex und verlangt dringend nach mehr Akzeptanz und viel Zeit für seine Bewältigung. Zeit, die es häufig nicht gibt, weil die Krankenkassen unter anderem nicht fürs Reden bezahlen. Die Dauer eines durchschnittlichen Arzt-Patienten-Gespräches liegt nicht zuletzt deshalb auch hierzulande unter zehn Minuten. Mehraufwand an Zeit ist teuer und macht die Schmerztherapie zu einer unbezahlbaren Dienstleistung. Keine adäquate Schmerztherapie, kommt den Staat aber keineswegs billiger. Denn die Häufigkeit von Spitalsaufenthalten und Krankenstandtagen ist in der schmerzgeplagten Bevölkerungsgruppe - die in Österreich immerhin 23 Prozent ausmacht - extrem hoch.

Damit hat interdisziplinäres Schmerzmanagement längst seine Berechtigung als eigener postgradualer Universitätslehrgang erworben. Moderne Schmerztherapeuten schneidern heute nach Maß. Neben gängigen medikamentösen Behandlungsmethoden bieten sie ihren Patienten Gesprächstherapien, Schmerzbewältigungsstrategien und verschiedene Entspannungstechniken an.

Musik lindert Schmerzen

Die Kombination Entspannung, Ablenkung und Stimmungsverbesserung soll auch unter der Musiktherapie zur Schmerzlinderung führen. Die Anwendung von Musik zu Heilzwecken ist nicht ganz neu, sondern besitzt eine bis in antike Hochkulturen reichende Geschichte. Relativ neu aber noch nicht restlos erforscht, ist aber die Erkenntnis, wie das Hören bestimmter Musik eine Schmerzhemmung erzeugt. Mit Hilfe bildgebender Verfahren wurde sichtbar gemacht, dass Musik auf subcorticalen Areale, insbesondere auf das limbische System, im Gehirn starken Einfluss besitzt. In diesem Zentrum wird unter anderem der Grad psychischer Zustände reguliert und - davon gehen Experten aus - auch die emotionale Lust beim Hören von Musik ermöglicht. 

„Mit Hilfe von Musik finden Schmerzpatienten zu einer positiv hoffnungsvollen Haltung", bringt es Günther Bernatzky, Neurobiologe und Präsident elect der Österreichischen Schmerzgesellschaft ganz unwissenschaftlich auf den Punkt. Die Verschaltung neuronaler Strukturen im Detail zu erklären, führt hier zu weit. Davon abgesehen bringt die Komplexität des Gehirns auch Neurowissenschaftler noch immer ins Grübeln und den Schmerzpatienten vermutlich nicht viel.

Die vier Ws

Für die Betroffenen ist das gesundheitliche Ergebnis entscheidend. „Die Frage in der Musiktherapie muss lauten: Welche Musik hat auf welchen Menschen unter welchen Umständen welche Wirkung", erklärt Bernatzky, der sich seit Jahren intensiv mit der Wirkung von Musik auf den Menschen beschäftigt. Richtlinien zur korrekten Musikwahl müssen ganz individuell betrachtet werden. Wichtig ist die persönliche Vorliebe. Die Erfahrung hat aber gezeigt, dass auf viele Schmerzpatienten geringe Lautstärke, langsames Tempo, wenige Lautstärkeveränderungen und Tempowechsel eine beruhigende Wirkung zeigen. Wogegen Morbus Parkinson Patienten im Sinne einer Aktivierung eher mit größerer Lautstärke, schnellem Tempo und häufigen Lautstärkeveränderungen geholfen ist. 

Egal ob die Patienten einfach nur zuhören (rezeptive Musiktherapie) oder aber sich dazu entscheiden aktiv zu musizieren (aktive Musiktherapie), die Reduktion von Angst, Schmerz, Schlaflosigkeit und körperlicher Anspannung sprechen in den meisten Fällen für sich.
Ganz schmerzfrei werden chronische Schmerzpatienten unter dem Einfluss der Musiktherapie häufig nicht. Die Verbesserung ihrer Lebensqualität macht sie aber trotzdem zu Gewinnern. (derStandard.at, 08.02.2011)

Weiterlesen:

Anästhesie als Beruf - Herr über Bewusstsein und tiefen Schlaf

Kommentar posten
11 Postings
tablespace65
01
Es könnte ja auch noch eine andere quasi akustische Therapie geben...

Z.B.: http://www.tagesspiegel.de/weltspieg... 18442.html

er hat es schon wieder getan
01

„Oh Mensch lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel mit dir nichts anzufangen.“

Aurelius Augustinus

http://www.chaishop.com/image/5463.jpg

er hat es schon wieder getan
00

wie wäre es mit Tanzen

das lockert den Körper
stärkt die Muskulatur
reinigt die Blutgefäße
stärkt das Herz
und zu guterletzt hilft es den Lymphen bei der Reinigung
(hüpfende Bewegung bringt die Lymphen zu fließen)

Musik ab 138 Bits per Minutes empfehle ich

bei psychischen Problemen ist Bach oder Händl angesagt

Reblaus
00
20.2.2011, 07:44
Händel oder Hendl?

:-)

presumption of innocence
00
Alter Hut im Orient:

http://www.tumata.com/98deu_default.aspx

der Sufi lehrt in Europa und Übersee seit Jahren.

zhang sanfeng
01

klar - die trommel wird eines der ersten medizinischen werkzeuge gewesen sein.

das überlieferte wissen über die heilkraft der musik muss halt erst noch unter normierten studienbedingungen verifiziert werden, doppel-verblindung eingeschlossen (da hängt es im moment halt noch, weil die band placebo zu hohe gagenvorstellungen hat;)

jodaflo
 
21
dancen & bangen bis zur erschöpfung...das ist der einzige sound der einem den stock aus'm arsch zieht

M L3
01
Eh, aber manchmal ist der nächste Tag dann schlimm

zhang sanfeng
01

... ist für den typischen rückenschmerzgeplagten halt schwer machbar.

astemp79
02
Fortsetzung

Betrachtet man einen Vorgang, welchen auch immer, aus der Distanz, ohne regulierend einzugreifen, verändert sich der Zugang dazu. Beim Schmerz: er verändert sich, wird "weicher", flächiger, bekommt eine andere "Farbe", ebbt ab; zumindest die Intensität wird geringer.
Das ist der wirkliche Zugang zu Schmerz - und der Weg zur Heilung. Das Loslassen aller körperlich-seelischen Belange führt zu einer "erhöhten" Sichtweise, zu Distanz. Übt man das, wird Heilung eintreten (bei chronischen Schmerzen, wie im Artikel besprochen).

astemp79
02
"Entspannung"

So wie Entspannung heute verstanden wird, kann sie Schmerzpatienten nicht helfen. Diese wissen nämlich gar nicht, was Entspannung wirklich ist.
Der Grund dafür ist sehr einfach. Wer Schmerzen leidet, baut sich einen Schutz auf, um die Schmerzen nicht ganz so stark empfinden zu müssen. Wer sich aber entspannt, verliert den Schutz - d.h. die Schmerzen werden stärker. Die Folge: er kann sich nicht tief entspannen.

Es muss also ein Weg gefunden werden, diese Schmerz-Barriere zu überwinden, damit wirkliches Loslassen, der Weg zu Heilung, erfolgen kann.
Musiktherapie ist nicht dieser Weg; sie führt nicht zu echtem Loslassen.
Hier wäre der Weg, in die Distanz zu gehen und den Schmerz anzusehen, ihn zu beschreiben, das Problem dahinter zu sehen.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.