Und was würde Ronald Reagan heute zu Ägypten sagen?

7. Februar 2011, 19:02
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Erinnerung an den "Marcos-Moment" des einstigen US-Präsidenten – von Hannes Stein

Ronald Reagan war als Politiker vor allem eins: pragmatisch. Deswegen können sich heute Linke und Rechte in Amerika problemlos auf ihn einigen. Reagan fand nichts dabei, die Steuern erst rabiat zu senken und sie dann - als das nicht zum erhofften Wirtschaftswachstum führte - genauso drastisch wieder anzuheben. Er machte den evangelikalen Christen den Hof und ging doch so gut wie nie in die Kirche. Er bestand darauf, dass man nicht mit Terroristen verhandeln dürfe und ließ den (ganz und gar illegalen) "Iran-Contra-Deal" einfädeln: Damit bezahlte die "Islamische Republik Iran" indirekt den bewaffneten Kampf gegen das Sandinistenregime in Nicaragua. Reagan faselte von Laserbatterien im Weltraum, die Atomraketen im Weltraum abschießen sollten - eine Science-Fiction-Vision, an die außer ihm eigentlich nur die Herrschaften im Kreml glaubten -, und führte gleichzeitig mit Gorbatschow erfolgreich Abrüstungsgespräche.

Welches Erbe hinterlässt er? Seine posthumen Kritiker vergessen leicht, dass Amerika, als er 1981 sein Amt antrat, eigentlich als unregierbar galt: Es war zutiefst pleite und versank im Chaos. Als Reagan das Weiße Haus acht Jahre später verließ, war das Chaos gebannt. Ob der Boom der Neunziger letztlich ihm zu verdanken ist - darüber streiten bis heute die Wirtschaftsfachleute. Bleiben wird aber ganz gewiss, dass er die Sowjetunion, deren Regime Millionen und Abermillionen der eigenen Bürger ermorden ließ, ohne Rücksicht auf diplomatische Gepflogenheiten als "Reich des Bösen" bezeichnet hat. Bleiben wird, dass er vor dem Brandenburger Tor ausrief: "Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer ein!" Ronald Reagan glaubte an die Freiheit, ohne Wenn und Aber. Linksliberale Friedensfreunde fanden diese Weltsicht schlicht, eben typisch Hollywood - aber hat sie sich nicht letztlich als realistisch erwiesen? Und damit zur Frage aller Fragen: Was würde Reagan heute wohl zu dem Volksaufstand in Ägypten sagen?

Hier mag es nützlich sein, sich an den "Marcos-Moment" seiner Präsidentschaft zu erinnern. Ferdinand Marcos war ein widerlicher Kleindiktator, dessen Herrschaft allerdings amerikanischen Interessen diente: Er hielt auf den Philippinen mit harter Hand einen kommunistischen Aufstand nieder. Wenn er stürzte, das stand zu befürchten, würden die Amerikaner ihre Militärstützpunkte dort verlieren - sehr zur Freude der Sowjetunion. Reagan ließ sich schließlich von den "Neokonservativen" rund um Paul Wolfowitz raten, den korrupten Marcos im Februar 1986 fallen zu lassen. Und siehe da: Die Philippinen wurden nicht etwa kommunistisch, sondern verwandelten sich in eine chronisch krisengeplagte Durchwurstel-Demokratie. Wahrscheinlich würde Ronald Reagan also sagen: Ein Flugzeug her! Ein Flugzeug für Mubarak, das ihn nebst Gattin in ein komfortables Exil fliegt. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.2.2011)

Hannes Stein, Jg. 1955, deutscher Journalist und Buchautor, lebt zurzeit in Brooklyn und schreibt regelmäßig für die Tageszeitung "Die Welt", der dieser Beitrag in Kurzfassung entnommen ist; Buchveröffentlichungen u. a.: "Enzyklopädie der Alltagsqualen" (Eichborn) und "Tschüß, Deutschland! Aufzeichnungen eines Ausgewanderten".

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