Wie man es zum "Super-Nahrungsmittel" bringt

7. Februar 2011, 19:02
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Für sich genommen ist Kakaopulver gesundheitsfördernd - es kommt aber auf das weitere Umfeld an

Hershey (Pennsylvania) - Auf eine äußerst verkürzte Formel gebracht, würde das Ergebnis einer gerade veröffentlichten Studie so lauten: Schokolade ist gesund. Also: mehr essen!

Im Detail sind die Befunde des Teams der Ernährungswissenschafterin Debra Miller nüchterner. Sie verglich die antioxidative Wirkung, den Polyphenolgehalt (TP in mg/g) und den Flavanolgehalt (TF in mg/g) von Kakaopulver mit den entsprechenden Werten bestimmter Früchte und kam zum Schluss, dass das Pulver in diesen Hinsichten den Säften oder Extrakten von Heidelbeeren, Moosbeeren (Cranberrys) und anderen Früchten, die wegen ihrer gesundheitsfördernden Eigenschaften gerne als "super fruits" bezeichnet werden, überlegen ist. Lediglich Granatapfelsaft konnte der Studie zufolge mit der Wirkung der Bohne mithalten.

Die Resultate, nachzulesen in der Open-Access-Fachzeitschrift Chemistry Central Journal, sind signifikant, Wiederholungen erhärteten die Werte. Auch legen die Autoren Wert auf die Unterscheidung zwischen Kakaosamen und dem Fruchtfleisch, das sie umgibt. Während üblicherweise dieses "Fleisch" gegessen und die Samen bzw. Kerne vermieden werden, sind bei der Kakaofrucht gerade die Kerne das Rohmaterial, aus dem das Pulver gewonnen wird, das wiederum zur Erzeugung von Schokolade etc. dient. Es kam daher zu einem fairen Vergleich: Essbares mit Essbarem.

Wenn nun die Werte der als gesund bekannten Ingredienzien in Kakaopulver und dunkler Schokolade signifikant höher sind als bei den Superfrüchten, sollte man, so steht es in den Schlussfolgerungen, von "super foods" sprechen.

Bitterer Nachgeschmack

Hier allerdings beginnt das Problem. Es hängt zum Teil damit zusammen, dass die Studie vom Hershey Center for Health & Nutrition mitgefördert wurde (gemeinsam mit der American Dietetic Association). Das Center ist Teil der Hershey Company in Hershey (Pennsylvania) dem größten Schokoladenerzeuger der Vereinigten Staaten.

Das Unternehmen produziert, gemessen am amerikanischen Durchschnitt, tatsächlich relativ viel dunkle Schokolade. Es ist auch, nicht nur über das Hershey Center, an Lebensmittelforschung interessiert, lässt "mood food" untersuchen und ruft sogar indirekt - Alkoholerzeugern vergleichbar - in einer eleganten Formulierung zum mäßigen Verzehr auf: "Moderation Nation".

Was jedoch außer Acht gelassen wird, ist das Problem, dass hier Nahrungsmittelbestandteile bzw. Nährstoffe getrennt für sich betrachtet werden, ohne Hinblick auf die tatsächlichen Umstände des Verzehrs. Für sich genommen aber hat fast jeder Essensbestandteil irgendeinen gesundheitlichen Nutzen. Der Titel "Schokolade ist eine ,Superfrucht'" lässt unerwähnt, dass die meisten Schokoriegel, auch die "zartbitteren", eine relativ hohen Zucker- und Fettgehalt aufweisen.

Während also Miller et alii die Studie methodisch und ethisch sauber durchgeführt haben ("This work was funded by The Hershey Company"), bleibt sozusagen der bittere Nachgeschmack, dass die Endprodukte und deren Vermarktung ignoriert werden. Es ist eben auch bei der Schokolade so, dass die Menge den Unterschied zwischen gesund, akzeptabel und schädlich ausmacht

Weiter noch geht die Kritik von Autoren wie der Nahrungsexpertin Marion Nestle oder dem Autor Michael Pollan. Ihnen zufolge vernachlässigt die Konzentration auf Nahrungsbestandteile und deren prozentuelle Anteile ("nutritionism") die konkrete Konsumsituation. Sie sehen sie als eine komplexe Interaktion zwischen der Nahrung selbst, den sozialen Umständen des Verzehrs (gesellig und in Muße oder gehetzt am Schreibtisch?) und dem Bezug, den die Esser und Trinker zum Angebot haben. Wer sich zudem ständig Sorgen um das richtige "Superessen" macht, so schließt Pollan, der hat bereits ein Ernährungsproblem. (mf, APA/DER STANDARD, Printausgabe, 08.02.2011)

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    "Superfrucht" Schokolade: aber mit welchen Zusätzen,
    in welchen Mengen?

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