Ankara glaubt an die große Gestalterrolle

7. Februar 2011, 20:41
21 Postings

Türkische Führung drängt auf Mubaraks Rücktritt und will vermittelnde Kraft sein

Mittlerweile hat auch die Partei der Stimme des Volkes (HSP) zu den Solidaritätskundgebungen mit den Ägyptern gefunden, die seit Tagen überall in türkischen Großstädten stattfinden. In froher Erwartung einer Regierungsbeteiligung der Muslimbrüderschaft in Kairo haben Funktionäre der neuen kleinen islamischen Partei ein Kamel aufgetrieben und am Sonntag durch Istanbuls Istiklal Caddesi, der Flanierstraße im europä-ischen Teil, spazieren geführt. Obenauf saß ein Reiter mit Pharaomaske und Mubarak-Porträt.

Wenn die Muslimbrüderschaft an die Macht komme, dann habe der politische Islam mit dem Iran und der Türkei in drei Ländern des Mittleren Ostens den Sieg davongetragen, schrieb der Politikwissenschaft er Koray Caliskan in der liberalen Tageszeitung Radikal. Es wird in diesen Tagen viel verglichen und vermessen, und das Erfolgsmodell Türkei, so glauben die Türken, war, wenn nicht der Grund der Revolutionen in der arabischen Welt, dann doch mindestens einer ihrer Hauptfaktoren.

Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu wittert nun die Chance für die große gestaltende Rolle seines Landes in diesem weiter gefassten Mittleren Osten, der von Istanbul bis Sanaa und von Teheran bis Rabat reichen soll. Der Geschichtsprofessor im Ministeramt spricht von der "dritten demokratischen Welle" in der arabischen Welt; die ersten zwei Anläufe seien fehlgeschlagen, sagt er und meint damit die abgebrochenen Wahlen in Algerien 1990 und den Sieg der Hamas 2006, der vom Westen nicht akzeptiert worden war. Davutoglu versucht nun gemeinsam mit dem politisch ähnlich aufstrebenden Golfstaat Katar als Vermittler-Tandem in der Region zu wirken.

"Wir sind nicht unsterblich"

Der türkische Premier Tayyip Erdogan war dabei der erste Regierungschef, der Hosni Mubarak unverblümt den sofortigen Rücktritt nahelegte. "Vergiss nicht, wir sind nicht unsterblich" , richtete Erdogan dem ägyptischen Staatschef in einer Rede vor den Parlaments-abgeordneten seiner konservativ-muslimischen AKP aus.

"Der Großteil der Araber sieht in der AKP eine Partei, deren Führer in der Vergangenheit gelitten haben, die ausgegrenzt wurden, nun aber eine Wahl nach der anderen gewinnen und in der Tat in der Lage sind, politisch etwas zu bewegen" , sagt Ümit Cizre, die den Lehrstuhl für Politikwissenschaften an der neuen Istanbul-Sehir- Universität führt.

"Erdogan wird in der arabischen Welt seit dem ,Ein-Minuten-Auftritt‘ in Davos idealisiert" , sagt Cizre im Gespräch mit dem Standard, "er ist über die rote Linie gegangen" . Bei dem Weltwirtschaftsforum in Davos 2009 war es zu einem Eklat gekommen, als Erdogan sich bei einer Paneldiskussion mit dem israelischen Präsidenten Shimon Peres lautstark mehrmals "nur eine Minute" mehr Redezeit ausbedungen hat, um seine Empörung über die Bombardierung des Gazastreifens auszudrücken; Erdogan verließ dann verärgert die Diskussionsrunde. "Seither gilt er in der arabischen Welt als ehrlich, offen, als einer, der es mit Israel aufzunehmen wagt" , stellt Cizre fest.  (Markus Bernath aus Istanbul/DER STANDARD, Printausgabe, 8.2.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Obama-Persiflage in Istanbul: Türkische Demonstranten fordern Mubaraks Rücktritt.

Share if you care.