Außenposten der Wahrheit

7. Februar 2011, 18:54
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Am Beispiel des Umbruchs in der arabischen Welt sehen wir, was es heißt, einen Beobachter vor Ort zu haben

Die Tage des Aufstands in Ägypten waren und sind auch die Tage des Karim El-Gawhary. Der ORF-Korrespondent, Sohn eines ägyptischen Vaters und einer deutschen Mutter, ist für die Österreicher die wichtigste Verbindung zu einem der Zentren des Weltgeschehens. Und er zeigt, wie wichtig solche Außenposten sind, um in einer globalisierten Welt die Menschen mit den Informationen zu versorgen, die sie brauchen.

Es gibt immer mehr Globalisierung - aber immer weniger Auslandskorrespondenten. Der ständige Korrespondent, der an einem Ort lebt, die Sprache spricht und das Land kennt, ist eine vom Aussterben bedrohte Spezies. Selbst die großen Medien sparen in dieser Hinsicht. Sie schicken lieber, wenn irgendwo wirklich etwas los ist, einen Mann oder eine Frau aus der Zentrale an den Ort des Geschehens. Und manche begnügen sich von vornherein mit Agenturmaterial. So kommt es, dass die Information für große Teile der Weltbevölkerung immer gleichförmiger wird und dass es immer wieder vorkommt, dass wichtige Entwicklungen überhaupt verschlafen werden.

Eine Studie der Harvard-Universität hat vor kurzem festgestellt, dass sich in den Vereinigten Staaten die Zahl der Korrespondenten, die ständig aus dem Ausland berichten, in den letzten sieben Jahren halbiert hat. Das Riesenland mit seiner mehr als einer Viertelmilliarde Einwohner und seinem gewaltigen Einfluss in der Welt wird von ganzen 141 Korrespondenten (ohne die Cable-Networks wie CNN) mit Berichten versorgt. Und von diesen sind wiederum die meisten nicht in der Welt verstreut, sondern sie sitzen in London und bearbeiten von dort aus die Nachrichten, die aus anderen Quellen hereinkommen.

"Das widerspiegelt einen katastrophalen Rückgang der Auslandsbüros", schreiben die Studienautoren. "Die Medien haben eine simple Geschäftsrechnung aufgestellt: Auslandsberichte kosten viel und bringen wenig. Warum viel Geld investieren, um über die Welt zu informieren, wenn die Verbraucher mit heimischen Geschichten ganz zufrieden sind?" Provinzialismus lohnt sich - scheinbar. Er erhöht die Rendite und senkt die Kosten. Aber er macht auf Dauer die Medienlandschaft, die Weltsicht der Bürger und auch den Beruf des Journalisten kaputt.

Am Beispiel des Umbruchs in der arabischen Welt sehen wir in diesen Tagen, was es heißt, einen Beobachter vor Ort zu haben, der mehr ist als ein bloßer Zuschauer. Wer wie Karim El-Gawhary (und die STANDARD-Korrespondentin Astrid Frefel) dort lebt, wo eine Revolution ausbricht, hat Freunde und Bekannte unter den Beteiligten, er zittert mit ihnen und hofft mit ihnen und kann seinem Publikum erzählen, wie es sich "von innen" anfühlt, wenn Altes zusammenbricht und Neues entsteht.

Und der Mehrwert für die Gesellschaft? Unter anderem die Einsicht, dass das kleine Österreich mit seinen Problemen und Problemchen nicht der Nabel der Welt ist. Dass die Weltgeschichte nicht an unserer Staatsgrenze aufhört. Und dass, was anderswo geschieht, auch uns angeht. Und nicht nur die österreichischen Touristen in den ägyptischen Urlauberhotels. (Barbara Coudenhove-Kalergi/DER STANDARD, Printausgabe, 8.2.2011)

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