Bernharddämmerung

7. Februar 2011, 18:17
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Wie ein angeblicher "Übertreibungskünstler" in einem ganz und gar sinn- und geschmacklosen Gedenkspektakel missbraucht und vereinnahmt wird - von Franzobel

Keine Festschrift zum 80. Geburtstag von Thomas Bernhard.

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Sie glauben jetzt vielleicht, dass es hier irgendeinen Grund zum Feiern gäbe. Sie glauben jetzt womöglich, sich einen beliebigen, im Grunde aber nichtigen Anlass aneignen zu dürfen, um ihn als Ihnen genehmes, aber ganz und gar sinnloses Gedenkspektakel zu missbrauchen. Sie lesen von rundem Geburtstag und schon wollen Sie einen auf Ihre niederträchtig geschichtsträchtige Seite ziehen, mit Ihren furchtbaren Glückwünschen vereinnahmen und wie eine scheußliche Gipsbüste in Ihr mit Geschmacklosigkeiten voll geräumtes Wohnzimmer stellen - wie einen ausgestopften Tanzbären.

Aber das lasse ich nicht zu, da spiele ich nicht mit. Ich lasse mich nicht zur Trophäe degradieren. Und schon gar nicht von Ihnen. Oder denken Sie, ich hätte mich jahrzehntelang abgemüht mit meinen Marksteinen des Scheiterns, meinen Österreichdämmerungstexten, hochmusikalischen Hymnen auf die menschliche Erbärmlichkeit, damit dann Sie mit ihrer oberflächlichen Originalitätsbedürftigkeit sich darin zuhause fühlen können, damit Sie in meine Textfelder einfallen können wie die Heuschrecken, um alles kahl zu fressen. Oder denken Sie, ich hätte mich ein Leben lang in meine Wörter und Sätze verbissen, damit Sie mich jetzt einspeicheln und mundgerecht zerbeißen können? Nicht mit mir. Da spiele ich nicht mit und bleibe unverdaulich.

Naturgemäß ist das Schreiben nichts anderes als ein verzweifelter Kampf gegen die eigene Vergänglichkeit, ein beharrlicher, aber vollkommen kindischer Versuch, den Tod zu überlisten, um etwas Ewigkeit zu erlangen. Aber im Angesicht der Ewigkeit, von der wir erziehungsgeschädigten Kleingeister uns nicht die geringste Vorstellung machen können, ist all unser Streben und Mühen lächerlich und unbedeutend. Das Universum, sagen die Physiker, existiere seit 13,7 Milliarden Jahren. Und der Mensch? Aufgeteilt in eine 137teilige Fernsehserie zu je hundert Minuten, komme die sich selbst als Mensch bezeichnende Kreatur, die sich in einem Anflug maßloser Selbstüberschätzung für ein Ebenbild Gottes hält, in dieser Universums-Sitcom gerade einmal in der allerletzten Sekunde vor, sagen die Physiker. Verglichen mit der Sonne sei unsere Erde ein unbedeutender Fingernageldreck. Nun gäbe es aber Millionen solcher Sonnen in unvorstellbar vielen Galaxien, ja, womöglich sogar in gigantisch vielen Universen, sagen die Physiker.

Eine Ungeheuerlichkeit, die sich allenfalls mit der unendlichen durch nichts zu überbietenden Dummheit des Fernsehens vergleichen lässt, das uns beständig vorführt, zu welchen Idiotien sich der beschädigte, nach Aufmerksamkeit gierende Mensch hinreißen lässt. Da misshandeln abgehalfterte Sänger ihnen vorgeworfene Dummköpfe, machen sich untalentierte Halbtrottel unausgesetzt selbst zum Narren, finden laufend untergriffige Beleidigungen ungeahnten Ausmaßes statt, wird beharrlich jegliche aufkeimende Intelligenz mit Füßen getreten, dass man sich am liebsten pausenlos übergeben möchte. Während die diesen Schwachsinn zu verantwortende Politik diese Verblödung nicht nur nicht unterbindet, sondern auch noch befördert. Die die Geistlosigkeit vorantreibenden Politiker, diese völlig kulturlosen Kretins, skrupellose Sparkassenfilialleiter des so genannten Gemeinwohls, die ihr soziales Defizit auszugleichen vermeinen, indem sie sich selbst ständig vor die Kameras und in die gehaltlosen Zeitungen drängen, haben von nichts auch nur die geringste Ahnung. Alles, was sie können, ist gewissenhaft dafür zu sorgen, dass auch ihre Freunderl und Verwandten an die Futtertröge kommen.

Und da kommen Sie und wollen ein Fest für Thomas Bernhard veranstalten? Habe ich nicht unmissverständlich dargelegt, dass ich mit diesem Land, in dem alles mit einem Verbrechen verkettet ist, diesem Land, das mir unausgesetzt physisches Unwohlsein bereitet, diesem Land, dessen Bevölkerung sich nur aus Misshandelten und Misshandlern zusammensetzt, nicht mehr das Geringste zu tun haben will? Gibt es nicht in meinem Testament die ausdrückliche Verfügung: "Weder aus dem von mir selbst bei Lebzeiten veröffentlichten noch aus dem nach meinem Tod gleich wo immer noch vorhandenen Nachlass darf auf die Dauer des gesetzlichen Urheberrechtes innerhalb der Grenzen des österreichischen Staates, wie immer dieser Staat sich kennzeichnet, etwas in welcher Form immer von mir verfasstes Geschriebenes aufgeführt, gedruckt oder auch nur vorgetragen werden. Nach meinem Tod darf aus meinem eventuell gleich wo noch vorhandenen literarischen Nachlass, worunter auch Briefe und Zettel zu verstehen sind, kein Wort mehr veröffentlicht werden.

Und was geschieht? Wie die Hyänen stürzen sich die scheinheiligen, mit juristischen Spitzfindigkeiten bewaffneten Leichenfledderer auf meine Hinterlassenschaft und drucken, lesen, inszenieren. Kein Verleger, der nicht aus irgendwelchen Briefträgererinnerungen, verstreuten Marginalien oder Kritzeleien ein so genanntes Thomas Bernhard Werk zimmert. Keine Provinzbühne, die sich nicht sofort mit Thomas Bernhard Stücken schmückt. Kein Kulturverein, der nicht Bernhard-Abende ausrichtet, bei denen unbegabtes Schauspielergesindel meine Texte verunstaltet. Kein Kritiker, der zu meinen Lebzeiten bei Bernhard-Stücken nur die eine Angst hatte, der Abend könnte ihm gefallen, um mich nachher, bestärkt in seinem unbeweglichen Starrsinn, abzuwatschen, mich mit seiner als Kulturbeflissenheit getarnten erzreaktionären Geisteshaltung zu vernichten, der sich nun nicht bemüßigt fühlt, darzulegen, dass er mich schon immer für den Größten gehalten hat. Kein rückständiges Publikum, das mich nicht vor etwas mehr als zwanzig Jahren als untragbaren Nörgler, Nestbeschmutzer, Österreichverleugner und Landesverräter verunglimpft hat, das sich nun diese verlogenen Aufführen und unerträglichen Abende nicht entgehen lässt, um mich frenetisch abzuklatschen.

Dabei applaudiert es nur dem unverdienten Glück, selbst noch am Leben zu sein. Ein Glück, mit dem übrigens die wenigsten etwas anzufangen wissen.

Einem Geistesmenschen nimmt der Tod nämlich alles und gibt ihm nichts - nicht einmal den Triumph einer testamentarischen Verfügung -, während das Leben ununterbrochen gibt, man muss es nur sehen und naturgemäß fühlen. Aber die wenigsten sehen das und sie fühlen es auch nicht, wie sie überhaupt nichts anderes mehr fühlen als Neid und Boshaftigkeit, und so zieht es sie auf die abstoßend sentimentalste Weise in die Verdummungsfallen und Verblödungseinrichtungen, die Kinos, Theater, Opernhäuser, Gemeindesäle, Parlamente, Sportplätze, wo sie ihr geistiges Flachwurzlertum bestätig stehen oder, sofern sie von dieser Stammtischgesinnung noch verschont sein sollten, in kürzester Zeit ausgesaugt, ja ausgepumpt und endlich elendiglich zugrundegerichtet sind, um sofort daranzugehen, auch ihre Mitmenschen auszupumpen und zugrundezurichten.

Österreich ist eine einzige Dominosteinkette von Beschädigten, von lieblos Hassenden, wo jeder einzelne von diesen Zerstörten und Zugerichteten alles daran setzt, seine Nachbarn zuzurichten und umzufällen. Das geht so weit, dass man sich nicht mit der öffentlichen Verächtlichmachung begnügt, sondern sich mit aller zur Verfügung stehenden Gemeinheit auch auf das Private stürzt. Je weniger man weiß, desto mehr glaubt man zu wissen - und noch mehr erzählt man. Sogar die privatesten Lebensmenschen werden da mit hineingezogen, sogar die geheimsten Gräberplätze werden öffentlich hinausposaunt, damit man nicht einmal mehr im Grab seine Ruhe hat. - Habe ich mir nicht ständig Bauernhöfe zugelegt, Vierkantburgen, um gegen diese durch und durch verkommene und Welt, gegen diese Kulturverhinderungspolitiker und kunstsinnigen Kasperl, gegen diese geistlose, alles durchdringende Lebensmisere gewappnet zu sein? Habe ich mich nicht in sorgfältig edierten Büchern, herausgegeben von bis zur Gesundheitsgefährdung egomanischen Verlegern, verschanzt, um meine Ruhe zu haben? Und jetzt? Jetzt bin ich ausgesetzt, verloren, verkauft.

Wenn ich ehrlich bin, kann ich überhaupt nichts mehr tun, außer mich umzubringen. Da ich mich nun aber nicht umbringe, weil ich mich nicht mehr umbringen will und auch nicht kann, versuche ich es immer noch mit der Wahrheit, die mir unerbittlich als Übertreibung oder Ironie ausgelegt wird. Ist das nicht das Absurdeste und Verlogenste, was man sich denken kann? Man hört die Wahrheit und verniedlicht sie. Ein Hohn. Eine posthume Verspottung. Fehlt nur noch, dass man mir, um mich und mein Werk endgültig zu besudeln in diesem lächerlichen Provinzstaat ein Denkmal errichtet, das die Tauben zuscheißen und die Besoffenen zubrunzen können. Fehlt nur noch, dass man mich endgültig veräußert und zum Staatsdichter degradiert. Mehr brauche ich nicht.

So oder so ähnlich würde er vielleicht schreiben, der Thomas Bernhard, der, wenn es ihn noch gäbe, dieser Tage seinen 80. Geburtstag wohl nicht begehen und alle diesbezüglichen Veranstaltungen konsequent hintertreiben würde, denke ich. (Franzobel, DER STANDARD - Printausgabe, 8. Februar 2011)

 

Franzobel, Schriftsteller, Essayist und Dramatiker, lebt in Wien.

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    "Wie die Hyänen stürzen sich die scheinheiligen Leichenfledderer auf meine Hinterlassenschaft und drucken, lesen, inszenieren ..."

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    Franzobel: stellvertretendes Manifest der Verweigerung.

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