Die Leichtigkeit der Effekte

Gustavo Dudamel und das Los Angeles Philharmonic im Wiener Musikverein

Wien - Als hochexplosiver Lockenkopf, als eine Art Rattle reloaded an der Spitze des die Welt begeisternden Simón Bolívar Youth Orchestra zu frühem Ruhm gelangt, suchte Gustavo Dudamel in den letzten Jahren den Kontakt zu traditionsschweren Klangkörpern, so wie sie zu ihm. Eine Win-win-Situation: Profitierte der Venezolaner vom Renommee, vom Erfahrungsschatz und der Spielkultur etwa der Wiener oder der Berliner Philharmoniker, so hofften diese auf Dudamels mediale Strahlkraft vor allem in pensionsferneren Publikumsschichten.

Seit der vergangenen Spielzeit ist Dudamel (neben seiner Chefdirigentenposition in Göteborg) Musikdirektor des 1919 gegründeten Los Angeles Philharmonic; der 30-Jährige steht damit in einer Reihe mit Otto Klemperer, Zubin Mehta, Carlo Maria Giulini und Esa-Pekka Salonen.

Ironischerweise war am zweiten Abend des kalifornischen Musikverein-Gastspiels die erste - die "amerikanische"- Hälfte die eher enttäuschende: Gut organisiert, kernig, mit kompakter Kunstturnerinnen-Sportlichkeit wurde John Adams Slonimsky's Earbox gegeben; in Leonard Bernsteins Jeremiah-Symphonie folgte das flexiblere Holz (im Scherzo-artigen Mittelsatz) der bewegten Ansprache Dudamels, wohingegen die Streicher vor allem in den Tutti-Blöcken (noch) beim hölzernen Musizieren blieben.

Eine tänzerische Siebente

Nicht so bei Beethoven: Die Siebente Symphonie war eine einzige Freude, tänzerisch, elastisch- leicht, feinfühlig, klug und präzise gearbeitet die ersten drei Sätze; lediglich im Finalsatz mutierten die Westküstenkünstler fallweise zur zackigen Militärmusik, was dem Werkteil aber erstaunlich gut zu Gefühl stand. Der frenetische, lang anhaltende Applaus zeitigte zwei Zugaben.

Am ersten Abend des Gastspiels im Musikverein wiederum das umgekehrte Bild - im Vergleich zu Beethoven: Hier musste man bis zum vierten Satz von Gustav Mahlers Neunter Symphonie ausharren, bis sich etwa zeigte, zu welch glutvoller Intensität die Orchesterstreicher aus L. A. eigentlich befähigt sind. Zuvor erstrahlte das Werk im Licht der analytischen Dudamel-Sonne als eher kühles und straffes Gebilde, dem fast jegliche Fragilität und Ambivalenz fehlten.

Mit einer etwas vordergründigen Vitalität, aber zweifellos virtuos, wurde Mahler buchstabiert, ohne dass irgendeine wirkliche Ausdrucksintention erkennbar wurde. Das hatte im 1. Satz etwas Maschinelles, etwas Scharfkantiges im Zweiten. Und im Dritten wurde natürlich die Fähigkeit des Orchesters demonstriert, schnittige Linearität effektvoll auszuführen. Immerhin, wie gesagt: im Finalsatz etwas musikalische Wärme, durch die hindurch der Satz Richtung Entmaterialisierung dahinschwebte.

Sinnvoll in jedem Fall die von Dudamel körpersprachlich eingeforderte längere Stille nach dem Werk, bevor der Applaus losbrach. Sie hatte mehr Tiefe als manche zuvor. (end, tos, DER STANDARD - Printausgabe, 8. Februar 2011)

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