Die Frau, die Bärenbabys wachhält

7. Februar 2011, 17:49
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Wenn Winterschlaf in Kanada lebensgefährlich ist

So viele verwaiste und halbverhungerte Bärenbabys hat man auf Vancouver Island in der kanadischen Provinz British Columbia noch nie gesehen. Acht davon sind an Julie Mackeys Arbeitsort gelandet, dem North Island Wildlife Recovery Centre in Errington, einem Refugium für verletzte wilde Tiere. Die 29-jährige Biologin muss die hungrigen Bärenbabys den Winter durch wachhalten. "Die Bärenjungen würden verhungern, wenn ich sie sechs Monate ohne Nahrung schlafen ließe", sagt sie. Im Winterschlaf nehmen die Bären keine Nahrung zu sich und verlieren bis zu 50 Prozent ihres Körpergewichts.

Die acht Schwarzbär-Jungen wurden total abgemagert ins Refugium gebracht und müssen unbedingt jeden Tag fressen. Um sie vom Winterschlaf abzuhalten, der für Bären auf Vancouver Island von November bis April dauert, herrscht helles Licht in ihren Räumen. Außerdem steht immer Futter bereit. Sie bekommen Fisch, Beeren, Früchte und manchmal auch Elchfleisch oder Wildbret.

CD für Babys

"Und wir spielen ihnen per CD Vogelgezwitscher, Froschquaken und andere Geräusche aus dem Regenwald vor", sagt Julie Mackey. Die Bärenbabys schlafen trotzdem - aber nur in der Nacht.

Weshalb plötzlich so viele abgemagerte und verwaiste Bärenbabys auf Vancouver Island gefunden werden, wissen die Experten noch nicht genau. Möglich wäre, dass auf eine futterreiches Jahr mit vielen Nachwuchs ein nahrungsschwaches Jahr folgte, in dem die Mütter nicht mehr alle Jungen durchfüttern konnten.

Kein Menschenkontakt

Das Durchfüttern übernimmt nun Julie Mackey. Aber sie darf die knuddeligen Felltiere nicht auf den Schoß nehmen und nicht einmal mit ihnen sprechen. Die Bärenjungen sollen sich nicht an Menschen gewöhnen. "Sie sehen mich auch nicht die Futterschalen hinstellen", sagt die Biologin. "Die Bärenbabys sollen eine natürliche Angst vor mir haben." Bevor Mackey das Gehege säubert, schlägt sie mit der Schaufel an die Metalltüre. Dann fliehen die Bären vor dem Lärm in den hintersten der vier Räume und riechen und sehen sie nicht.

Die Bärenwaisen werden im kommenden Sommer wieder in der Wildnis ausgesetzt, weit weg von Menschen. "Um diese Jahreszeit finden sie viel zu fressen in der Natur", sagt Mackey, "und die Überlebenschancen stehen gut." (Bernadette Calonego aus Vancouver, DER STANDARD-Printausgabe, 8.2.2011)

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    Helles Licht und ständiges Futter soll den Babys helfen nicht einzuschlafen.

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