Vier tote Kinder nach Brand in Roma-Lager

7. Februar 2011, 17:41
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Ein Feuer mit vier Toten sorgt für eine neue Debatte um die Situation der Roma in Italien. Reste der Siedlung wurden am Montag abgerissen

Wie dutzende Lager zuvor. Versprochene Ersatzunterbringungen fehlen.

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Karton, alte Pressspanplatten und Lkw-Planen schützten die rund 14 Bewohner einer illegalen Roma-Siedlung notdürftig vor Regen und Nässe. Am Montag wurden ihre Baracken abgerissen. Als Heizung hatten den Menschen kleine Feuer in Blechkanistern gedient. Ein solches, so vermuten Feuerwehrleute, brannte am Sonntag auch in der ärmlichen Baracke der Familie M. - und verursachte eine Tragödie.

Die vier Kinder des Ehepaars M. - Eldeban (3), Raoul (7), Patrizia (8) und Sebastian (11) - schliefen, als gegen 20.30 Uhr das Feuer in ihrer elenden Behausung ausbrach. Sie hatten keine Chance. Ihre Eltern waren gerade dabei, Essbares aufzutreiben. Die größere Schwester war auf dem Weg zum Brunnen.

Empörung und Polemiken

Der Tod der Kinder in unmittelbarer Nähe des exklusiven Golfclubs Acquasanta an der Via Appia nahe Rom sorgt für Empörung und lässt die Polemiken um die Diskriminierung der Roma in Italien erneut aufflammen. "Diese Kinder sind Opfer der Gleichgültigkeit", empört sich Daniela Pompei von der katholischen Laienorganisation Comunità di Sant'Egidio. "Sie sind Opfer von Armut und Diskriminierung."

Ihr Kollege Mario Marazziti findet noch deutlichere Worte: "Das Durchschnittsalter der Roma in Italien liegt unter 50 Jahren. Sie sind Opfer rassistischer Vorurteile, die den Antisemitismus in den Schatten stellen."

Schlagabtausch

Noch am Ort der Tragödie kommt es zum Schlagabtausch zwischen Roms Bürgermeister Gianni Alemanno und der Vorsteherin des 19. Bezirks, Susi Fantino, die ihm "blanken Populismus" vorhält. Der Tod der Kinder bringt den durch mehrere Skandale abgeschlagenen Bürgermeister in Bedrängnis. Wie tausende anderer Roma war auch die Familie Mircea aus einem illegalen Lager vertrieben worden. 45 dieser Ansiedlungen hat die Stadt mit Polizeigewalt geräumt. Doch von den versprochenen vier offiziellen Wohnsiedlungen hat sie keine einzige verwirklicht.

"Bürokratische Hemmnisse" klagt Alemanno, "haben die Realisierung unseres Plans verhindert". Für das Versagen macht er Einsprüche des Denkmalamtes und anderer Behörden verantwortlich.

Eltern der Opfer zum Staatspräsidenten

"Schauen Sie, wie wir hier leben", sagt eine Roma-Frau im Lager an der Via Appia und öffnet den Vorhang der Baracke. "Wir haben kein Wasser, keinen Strom, keine Heizung und Mühe, unsere Kinder gegen die Ratten schützen." Nach der jüngsten Tragödie will Staatspräsident Giorgio Napolitano die Eltern der Opfer empfangen, denen eine Anzeige wegen fahrlässiger Tötung droht.

Da will auch Alemanno nicht zurückstehen: Die Stadt Rom soll für die Überführung der vier Särge nach Rumänien aufkommen. (Gerhard Mumelter aus Rom, DER STANDARD-Printausgabe, 8.2.2011)

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    Feuerwehrleute inspizieren den Brandort. Sie vermuten, dass ein Feuer zum Wärmen der Baracke den Brand verursacht hat.

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