Europapolitik ist urcool

Thomas Mayer, DER STANDARD, 7. Februar 2011, 17:01
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    foto: apa/epa/pietruska

Wer sagt da, dass "die EU" im fernen Brüssel niemand interessiert? Dass die Politik auf der europäischen Ebene völlig abgehoben ist, Steuergeld unnötig verprasst wird und mit uns, mit dem Alltag der Menschen, nichts zu tun hat? Das sind nur einige gängige Vorurteile, mit denen man als Europakorrespondent oft konfrontiert wird. Die Kritik hat oft einen wahren Kern, wird verstärkt, weil ein großer Teil der Bürger die politischen Zusammenhänge in einer Union von 500 Millionen Menschen naturgemäß immer schwerer nachvollziehen kann. Und weil es unbestreitbare Probleme bei der Vermittlung auf dem Weg von Brüssel in die Hauptstädte und weiter in die Landeshauptstädte und in die Gemeinden gibt.

In dieser Ausgangslage gibt es - grob gesprochen - zwei völlig konträre Arten, mit denen Menschen reagieren: mit Frust/Ignoranz/Aggression oder mit Neugierde/Nachfragen/Hinwendung. In den rund 25 Jahren, in denen ich mich nun als Journalist intensiver mit Europafragen beschäftige, hat sich das oft bestätigt. Verglichen mit anderen Ländern lässt sich sogar sagen, dass die Umstrittenheit der EU in Österreich besonders groß ist.

Das ist übrigens keineswegs neu. So war das immer. Auch im Jahr 1994, als es erst um die Beitrittsverhandlungen mit der Union und dann im Juni um die Volksabstimmung ging, da war das Land regelrecht gespalten. Ich habe erlebt, wie der damalige Außenminister Alois Mock und seine Staatssekretärin Brigitte Gitti Ederer (heue Personalvorstand von Siemens) in den Bundesländern herumgefahren sind, sich der Debatte gestellt haben und zuweilen äußerst aggressiv - fast körperlich - angegangen worden sind. Oder wie sie von ihren eigenen Anhängern - wie auch einer europabegeisterten Jugend - umjubelt wurden. Mit einem Wort: Die Emotionen gingen in Zusammenhang mit Europafragen traditionell immer schon hoch. Nicht erst seit den sogenannten "Sanktionen" gegen Schwarz-Blau. Nicht erst seit der Wirtschafts-, Banken- und Finanzkrise im Jahr 2008.

Eine Personengruppe, die dieser explosiven Mischung aus Emotion und Wissensdefiziten besonders arg ausgesetzt ist, sind die EU-Abgeordneten. Erst seit 30 Jahren (1979) direkt gewählt, führten sie bis in die 1990er Jahre eher ein Mauerblümchendasein. Die "Musik" spielte in den Ministerräten der Regierungen der EU-Länder oder in der EU-Kommission. Das EU-Parlament hatte nicht so viel mitzureden bzw. zu entscheiden. Das hat sich dann zwar mit dem EU-Vertrag von Maastricht, mit der Währungsunion, und später bei der Aufdeckung von politischen Skandalen der EU-Kommission (BSE, Korruption) stark verändert. Aber dennoch wird das EU-Parlament bis heute den Vorwurf nicht los, wofür es überhaupt gut sei.

Erstaunlich eigentlich: Denn mit dem seit 1. Dezember 2009 gültigen EU-Vertrag von Lissabon geht in Europa ohne die Abgeordneten praktisch nichts mehr. Sie sind mit wenigen Ausnahmen in alle Entscheidungen eingebunden, gestalten die Gesetze mit, wie auf nationalen Ebenen auch.

Für den einzelnen EU-Abgeordneten ist es dennoch schwieriger. Per definitionem sollte sie/er ja europäische Gesetzgebung machen. Dafür muss er sich zu Hause dann den Vorwurf gefallen lassen, dass er weit weg sei und für sein Heimatland (zu) wenig tue. Konzentriert er sich ganz auf die Heimatfront, tut so, gibt vor, als würde er für sein Land die ganze Union aus den Angeln heben, ist ihm der Spott auf der internationalen Ebene gewiss, die Frage, ob er sich seiner Rolle als Europaabgeordneter eigentlich bewusst sei.

Dabei wird den Europaabgeordneten unrecht getan. Denn aus Erfahrung kann man sagen, dass sie - mehrjährige Praxis und Fleiß vorausgesetzt - inhaltlich zu echten Schwergewichten werden können. Es ist kein Zufall, dass etwa deutsche oder französische EU-Abgeordnete aus langer Tradition heraus durchaus das Ohr ihrer Regierungschefs und Minister in den Hauptstädten haben. Nicht zufällig wimmelt es in Straßburg umgekehrt auch von ehemaligen Ministern und Premiers. Manche haben ihre Spitzenkarriere im EU-Parlament gestartet. Die Parteien in Österreich haben das noch nicht wirklich begriffen.

Kaum jemand weiß soviel über den EU-Betrieb und die Zusammenhänge der europäischen Länder und Regierungen wie die Abgeordneten, die dieses Wissen in den Fraktionen im Europäischen Parlament auch noch ideal bündeln können. Auch für uns Journalisten sind sie ganz wichtige Auskunftgeber, wenn sie sachpolitisch firm sind und nicht nur mit dem Handelsvertreterschmäh daherkommen. Mit langjährigen EU-Abgeordneten kann man hervorragende politische Gespräche über Europa führen, denn sie haben im wahrsten Sinne des Wortes viel von der Welt gesehen.

So ist es zumindest, wenn man die positive Seite dieses Jobs sieht, der aus ständiger Bewegung (also Reisen) besteht. Insofern lässt sich auch sagen, dass Europapolitik keineswegs so öd ist wie oft behauptet. Im Gegenteil: Europa ist sogar urcool, um es in der Sprache der Jugendlichen zu sagen. Ist ja auch kein Wunder. Wer glaubt wirklich, dass die Zukunft in den (relativ kleinen) Nationalstaaten Europas liegt?

Wenn man heute in eine Schulklasse mit 13-Jährigen geht und mit ihnen über Europa diskutiert, wird man erstaunt sein über diese riesige Neugierde und Aufgeschlossenheit gegenüber Europa. Es stellt sich bloß die Frage: Wann geht dieses Interesse eigentlich verloren und schlägt bei manchen in aggressive Abwehr um? Vielleicht gibt der EU-Sprechtag auf derStandard.at eine Antwort.

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Posting 1 bis 25 von 32
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Raptor Jesus
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Europapolitik ist uncool

Was ich gelesen hab

Warentester
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"Im Gegenteil: Europa ist sogar urcool,..."

Ja, fast so "urcool" wie Sie, Hr. Mayer...

Rainer Gschaftler
 
04

das bild würde besser zu folgendem artikel passen:

"Übergewicht von Europas Kindern und Jugendlichen, die unterschätzte Epidemie"

cannery row
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Wann geht dieses Interesse eigentlich verloren und schlägt bei manchen in aggressive Abwehr um?..

vielleicht, wenn sie dann später ordentlich reinhackeln und irgendwie den eindruck haben, verarscht zu werden?

die_eidechse
 
05
die mädchen schauen ein wenig übergewichtig aus.

aiuto
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haben wahrscheinlich noch den Babyspeck !?

styx12
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Das klingt nach EU Propagandaministerium. Wird sicher von der EU finanziell unterstützt, dass in Zeitungen so EU - euphorische Beiträge erscheinen.

Lustig nur, dass wir selbst als Steuerzahler für diese Propaganda zahlen dürfen.

skip it
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14.2.2011, 12:53
wieso? das ist mayers meinung...

...er hat sie auch begruendet.

Don Corleone1
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also wenn er noch mit einem geilomobil daher kommt, wirds wirklich kritisch

bin von der EU positiv überzeugt, wenn sie auch viele Mankos hat, aber wie Herr Mayer das beschreibt, rückt die EU dank ihm eher in ein schlechtes als gutes licht.

Pepi friß weniger
27
Lieber Herr Mayer,

Daß in Brüssel Steuergeld unnötig verprasst wird, ist also ein "gängiges Vorurteil" ... - aha - selten so gelacht ... na da malen wir lieber ein paar Gesichter an und schwupp schon sieht Europa freundlicher aus. Auch wenn's die Nationalflaggen sind, in den Gesichtern, also das, was "überwunden" werden soll.

Bzgl. der "rund 25 Jahre", in denen Sie sich "als Journalist intensiver mit Europafragen beschäftigen", waren Sie die ersten 10 Jahre Redakteur für Innenpolitik

Daher auch Ihr Herumreisen mit Mock durch die Bundesländer - "umjubelt" von einer "europabegeisterten Jugend" - ja, die ÖVP-nahe "Jugend für Europa", die von der Österr. Gesellschaft für Europapolitik dort hindirigiert wurde.

Herr Mayer, es ist echt zum Verzweifeln mit Ihnen.

120 Jahre Karl Schranz
00
natürlich gibt es auch in brüssel unnötige ausgaben

aber die gibt es in jeder behörde.

insgesamt sind die EU-institutionen für ihre aufgaben relativ schlank dimensioniert

imir
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Urcool sind die Vereinten Konzerne Europas ausschließlich für Reiche, Investoren, Finanzkapital und deren besoldete Politmarion.etten.

Christoph ************
11

Es gibt mehr als nur eine EU-Verordnung die den "Konzernen" ueberhaupt nicht schmeckt und trotzdem oder sogar gerade deswegen durchgedrueckt wurde.

Ihre Verschwörungstheorie hinkt wie sonst nur was.

imir
11

Auch ein paar Alibiaktionen lassen nicht vergessen, daß die EU ein Projekt für 10% der Bevölkerung der EU Staaten war, ist und bleiben wird.

Ergates faber
34
Vorurteile?

Es werden laufend Berichte gebracht, die die Sinnlosigkeit vieler EU-Gremien und deren Aktivitäten aufzeigen.
Aber klar - der kleine Mann ist zu dumm um es zu verstehen. Deswegen sind es nur Vorurteile. Weiters muß alles für den kleinen Mann entschieden werden - weil wie schon erwähnt - ist er viel zu dumm um zu entscheiden was für ihn gut oder schlecht ist.
*kotz*

120 Jahre Karl Schranz
00
"Es werden laufend Berichte gebracht, die die Sinnlosigkeit vieler EU-Gremien und deren Aktivitäten aufzeigen."

welche EU-gremien sind denn sinnlos?

Tintifax der ... Druide!
00

Sicher gibts auch sinnloses, aber das ist in jedem Unternehmen und eigentlich auch in jedem Haushalt so, oder? Wenn die EU etwas sinnloses macht springen nur halt die Krone/Heute-Populisten sofort drauf und lassen sich drüber aus.

Außerdem ist es ja Sinn der Demokratie jemanden zu wählen, der einen vertritt. Wozu wählt man, wenn die/der Gewählte dann nicht Entscheidungen trifft, ohne einen jedesmal zu fragen?

Ergates faber
01
Österreich ist aber kein demokratisches Land.

Es ist eine Scheindemokratie!

Cafe Corretto
29
Urcool? - Dieser Artikel hat mich überzeugt.

Urcoole Aktionen waren z.B. wenn man so lange abstimmen lässt bis das Ergebnis passt oder die abgelehnte europäische Verfassung in "Lissaboner Vertrag" zu taufen und uns diesen dann ungefragt unterzuschieben. Urcool ist auch die Solidarität mit den PIIGS für die wir jetzt Lebensstandard und Sozialleistungen opfern müssen und urcool ist auch das State-of-the-art Überwachungsprojekt INDECT, das ab 2012 kommen wird. Es gäbe noch vielmehr urcoole Sachen aufzuzählen.

Naja 13 Jährige. Was erwarten Sie den von denen? Sobald sie reifer werden, werden sie die EU genauso kritisch sehen wie alle anderen.

custos1
03

schaut beknackt aus!

Nathaniel Winerib
02

juvenile adipostas. traurig!

Rudi Carell
00

also ich find die eu auch voll suppa.

Ex Tempore!
13

Die Kriegsbemalung von Braveheart gefiel mir besser...

Able Danger
211
Keine Volksabstimmung über die Verfassung war extrem uncool!

Macinorgo
25

Wenn so Europa/EU aussieht wie die Pumelchen da auf dem Foto, dann gute Nacht.

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