Noch ein Weltkulturerbe

7. Februar 2011, 17:06
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Jetzt wäre der Höhepunkt der Wiener Ballsaison auch wieder einmal überstanden - heil!

Jetzt wäre der Höhepunkt der Wiener Ballsaison auch wieder einmal überstanden - heil! Es ließ sich unweit der Reichsinsignien unbekümmert das Tanzbein schwingen und Schmäh führen, obwohl draußen der ewige linke Haß gegen die Mauern der Hofburg anbrandete, in der als Weltkulturerbe - der Opernball ist nichts dagegen - die Burschenschafter sich und ihren Mut feierten. Jedenfalls wenn man, wie "Zur Zeit", einem Prof. Christian Neschwara glaubt, der in seiner Eröffnungsrede die Besucher für ihren Mut lobte, trotz Anfeindungen in der Presse und durch Linksextreme, den Ball weiterhin zu besuchen. Wir wollen hier nicht an den deutschen Erzpoeten Friedrich Schiller erinnern, der schon vor längerer Zeit wusste: Mut zeiget auch der Mameluck, Gehorsam ist des Christen Schmuck, hatten es die Tänzer doch ohnehin schwer genug, mithilfe der Polizei dem Druck des Antifa-Pöbels zu wehren, obwohl es sich bei ihrer Vergnügung um eine unpolitische gesellschaftliche Veranstaltung und keine Zusammenrottung "ewiggestriger rechtsextremer Nationalisten" handelte. Was durch den folgenden Tatbestand unterstrichen wurde: Aus der Politik fanden sich wieder zahlreiche Gäste ein, unter anderem der 3. Nationalratspräsident, Martin Graf (FPÖ), Bundesparteiobmann H.-C. Strache (FPÖ) und Landesrätin Barbara Rosenkranz (FPÖ). Zum Beweis, dass von ewiggestrigen rechtsextremen Nationalisten nicht die Rede sein konnte, besuchten aus der Europapolitik Filip Dewinter (Vlaams Belang), Bruno Gollnich (Front National) und Andreas Mölzer (FPÖ) den Ball.

Hielt sich der Zahlenreichtum der Gäste aus der Politik auch ein wenig in Grenzen, wird man nur schwer einen Ball finden, der mit einer derart geballten Ladung an Glanzlichtern heimischer und europäischer Weltoffenheit aufwarten kann. Das ließ sich nicht schöner formulieren, als es der Gast aus der Europapolitik und Herausgeber von "Zur Zeit", Andreas Mölzer, in seinem Editorial tat, wo er feststellte, dass hier Zwei-, Dreitausend hochbürgerliche, zweifelsfrei geradezu überkultivierte Menschen in langen Abendkleidern, Frack und Smoking von der linken Szene und ihren medialen Helfershelfern als faschistische Gefahr abgekanzelt werden.

Nun machen Kleider bekanntlich Leute, aber ob Frack und Smoking aus H. -C. Strache einen hochbürgerlichen, zweifelsfrei geradezu überkultivierten Menschen zu machen vermögen, sollte man bezweifeln, weil das seinem Ruf im Bierzelt nur schaden kann. Will Mölzer das?

Er ist von einem gewissen Kulturpessimismus auch sonst nicht frei, wenn er bemerkt, überdies ist seit Jahren ein Besucherrückgang bei diesem Ball zu beobachten, der auch Rückschlüsse auf den Zustand des korporationsstudentischen Lagers erlaubt. Und dieses ist immerhin der Kern des Dritten, des patriotischen, des national-freiheitlichen Lagers in Österreich. Da kommen dem herzlosesten Linksfaschisten, dem härtestgesottenen Fan des Antifa-Pöbels die Tränen: Der alte Smoking aus den Studententagen sei zu eng geworden und, alles in allem, die sündteuren Eintrittskarten, die überteuerten Getränke, das Taxi nach Hause, seien für ein jüngeres Paar einfach unerschwinglich. Wenn das so weitergeht, hat die Polizei in absehbarer Zeit nichts mehr zu tun und der Antifa-Pöbel eine Gelegenheit zur Selbstdarstellung weniger.

Soll es nicht so weitergehen, bedürfte es aber einer klugen Ballorganisation. Einer Ballorganisation, die nicht in Pseudo-Exklusivität etwa einem der höchsten Repräsentanten der Republik - Rosenkranz? -, der Industrielle aus der Bundesrepublik einladen will, repräsentative Plätze verweigert. Auch wenn man versteht, dass hochbürgerliche, zweifelsfrei geradezu überkultivierte Ostmärker ihre repräsentativen Plätze nicht an Industrielle aus dem Altreich abtreten wollen - so geht es natürlich nicht! Da darf man sich nicht wundern, daß der Ball unter chronischem Bedeutungsverlust leidet, vom zu eng gewordenen Smoking ganz abgesehen.

Es sieht nicht gut aus für das Weltkulturerbe. Dennoch werden sich Österreichs Korporierte gut überlegen müssen . . . diesen Ball zu einer Kultveranstaltung zu machen, die zeigt, daß Österreichs Waffenstudenten in der Mitte der Gesellschaft stehen und gesamtgesellschaftlichen Gestaltungswillen haben. So breit vertreten in einer Mittelpartei, wie gegenwärtig in der FPÖ, waren Österreichs Waffenstudenten seit der Zwischenkriegszeit nicht mehr.

Es wäre fast überkultiviert, bliebe ihr Gestaltungswille dem Tanzboden vorbehalten. (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 8.2.2011)

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