UN schafft Gütesiegel für Mikrokredite

7. Februar 2011, 16:40
4 Postings

Der Erfolg der Mikrokredite hat Risse bekommen. Kommerzielle Verleiher drängen auf den Markt, mancherorts überschulden sich Kreditnehmer

Der Erfolg der Mikrokredite hat Risse bekommen. Kommerzielle Verleiher drängen auf den Markt, mancherorts überschulden sich Kreditnehmer. UN-Richtlinien sollen die Spreu vom Weizen trennen.

***

Wien - Seit Muhammad Yunus 2006 den Nobelpreis für die Idee bekam, Kleinstdarlehen an Arme zu geben, um ihnen eine Existenzgründung zu ermöglichen, hat sich die Branche grundlegend verändert. Das erfolgreiche Modell der Mikrokredite in Entwicklungs- und Schwellenländern hat auch kommerzielle Kopisten angelockt, denen es nicht um den sozialen Ansatz der Ursprungsidee geht, sondern um knallharte Eigeninteressen.

Die "schwarzen Schafe" des Gewerbes versuchen, möglichst hohe Zinsen zu erhalten, vergeben die Darlehen ohne sorgfältige Beratung der Kreditnehmer, begleiten sie nicht bei ihrem Geschäft - und haben auf diese Weise für negative Schlagzeilen gesorgt, wenn etwa verzweifelte Kreditnehmer, die ihre Kredite nicht bezahlen konnten, sich das Leben nahmen - wie im Vorjahr aus Indien berichtet wurde.

Die Spreu vom Weizen in der Mikrofinanzbranche trennen helfen sollen jetzt die UN-Richtlinien "Principles for Investors in Inclusive Finance" (Piif). 40 Investoren der Entwicklungsfinanzierung haben die Ende Jänner verabschiedeten Regeln bereits unterzeichnet. "Viele Organisationen wie die unsere haben sich zwar freiwillig Transparenzregeln auferlegt. Mit den UN-Guidelines haben wir aber endlich ein internationales Instrument, das seriöse Investoren mit sozialer Ausrichtung von jenen unterscheidet, die nur auf Profit aus sind", sagt der Finne Tor Gull, Geschäftsführer der ökumenischen Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit zum Standard.

Sozialer Anspruch

Die Unterzeichner verpflichten sich darin zu transparenten Vergabekonditionen, zur fairen Behandlung der Kunden, Schuldnerberatung, fairen Methoden zur Eintreibung der Schulden und zur Zusammenarbeit mit Mikrofinanzinstitutionen, die mit sozialem Anspruch arbeiten. Die Einhaltung der Richtlinien soll jährlich von den Vereinten Nationen überprüft werden.

Nicht zuletzt Yunus, der "Erfinder" von Mikrokrediten, hatte in der jüngsten Vergangenheit wiederholt davor gewarnt, dass sich das Geschäftsfeld zunehmend zu einem Spielplatz für viele Unternehmen entwickle, die nur das schnelle Geld wittern.

In Indien gedieh das Geschäft gar so gut, dass Marktführer SKS Microfinance im Vorjahr den Sprung an die Börse wagte. Verleiher wurden auf Effizienz gedrillt und die Vergabe der Darlehen forciert. Die Folge: Einige Kunden nahmen Zweit- und Drittkredite auf, um den Anfangskredit zurückzuzahlen. Ähnlich wie der mexikanischen Compartamos Banco, die 2007 an die Börse ging, werfen Kritiker der SKS zudem vor, dass sie auf eine möglichst hohe Rendite abziele.

Weltweit stecken etwa 60 Milliarden Dollar in der Mikrokreditbranche, 100 Millionen Menschen erhalten die Kredite. Einer Studie der Deutschen Bank zufolge kämen weltweit eine Milliarde Menschen als potenzielle Kunden in Betracht.

Auch Yunus ist zwischenzeitlich in Negativschlagzeilen geraten. Im Dezember hatte die Regierungschefin seiner Heimat Bangladesch, Sheikh Hasina, eine Untersuchung der Finanzen der von Yunus gegründeten Grameen Bank angeordnet. Der Vorwurf: Die Bank soll in den Neunzigerjahren Hilfsgelder aus Oslo veruntreut haben. Eine von Norwegens Regierung eingesetzte Untersuchungskommission hat das Finanzinstitut mittlerweile von den Vorwürfen freigesprochen. Der "Banker der Armen" hat sich in der Vergangenheit bei Bangladeschs Politikern wiederholt unbeliebt gemacht - da er sie als korrupt bezeichnete. (kat, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.2.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Mikrokredite geben armen Frauen in Entwicklungsländern die Chance, sich eine kleine Existenz aufzubauen.

Share if you care.