Deutsche Kinder, ausgeflogen ins Niemandsland

7. Februar 2011, 17:33
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Deutschland schiebt auch Roma-Kinder in den Kosovo ab. Oft gelangen sie in bleiverseuchte Lager und haben keine Chance auf Integration

Die Unicef fordert bei Abschiebungen Vorrang für das Kindeswohl.

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Sedat (13) und Nasmya (12) haben sich an Journalisten gewöhnt. Alle waren sie bereits hier: amerikanische, italienische Reporter und deutsche TV-Teams. Alle haben sie wohl das Loch in der Decke der Baracke gesehen, aus dem der Müll quillt, die Bretterverschläge hinter der Lagerhalle, in denen weitere Familien hausen, die ausgeschlachteten Autos, den Dreck, durch den die Hendln steigen, und die Kinder, die aus allen Ecken kommen und den Journalisten das Lager zeigen, als wären sie Fremdenführer.

Das perfekte Hochdeutsch der Buben passt nicht zu dem heruntergekommenen Lager. Die Buben und ihre Mutter Halimi Hasani wurden vor einem Jahr und drei Monaten aus einem Vorort von Hannover abgeschoben. Zwei Wochen zuvor hatten sie den "Duldungsstatus" verloren. Vier Stunden hatte die Dame auf der Ausländerbehörde auf Frau Hasani eingeredet. "Wenn du nicht in den Kosovo gehst, dann gehst du ins Gefängnis", soll sie gesagt haben. Da hat Frau Hasani ein paar Sachen zusammengepackt und sich nach 18 Jahren in Deutschland mit zwei ihrer fünf Kinder ins Flugzeug gesetzt.

Nicht von Schulkollegen verabschiedet

Sedat und Nasmya sitzen seither in dem mit Teppichen ausgelegten Zimmer im Kosovo, sie sprechen weder Albanisch noch Serbisch. Von ihren Schulkollegen in Hannover haben sie sich nicht verabschiedet, sie wollten ja gar nicht fort. Nasmya wollte in Deutschland Anwalt werden und Sedat Feuerwehrmann. Hier gehen sie nicht zur Schule. Manchmal hacken sie Holz für die Nachbarn für 50 Cent in der Stunde.

"Wir sind im Außendienst vermehrt auf deutschsprechende Kinder gestoßen", erzählt Johannes Wedenig, Chef des Kinderhilfswerks Unicef im Kosovo. Unicef hat daraufhin eine Studie erstellt: 40 Prozent der abgeschobenen Romakinder sind im Kosovo nicht registriert. Viele haben wegen der kurzfristigen Abreise keine Zeugnisse aus Deutschland. "Sie sprechen höchstens Küchenalbanisch oder Küchenserbisch. Wenn sie in die Schule gehen, werden sie oft mehr als zwei Jahre zurückgestuft", sagt Wedenig.

Kindeswohl müsste Vorrang gegeben werden

Die Konsequenzen der Schulabbrüche kämen viel teurer als die Integration in Deutschland. Laut der EU-Rückführungsrichtlinie, die bis Dezember 2010 implementiert werden sollte, müsste bei Abschiebungen eigentlich dem Kindeswohl Vorrang eingeräumt werden. "Es geht hier um Kinderrechtsverletzungen zwischen westeuropäischen Ländern und dem Kosovo", kritisiert Wedenig.

"Wir können nicht erzwingen, dass die Rückkehrer in die Schule gehen, die Bereitschaft ist nicht überall so ausgeprägt", erklärt Birgit Budde vom Projekt Ura (Brücke), das von Deutschland finanziert wird und Rückkehrern bei der Integration hilft. In einem Haus in Prishtina können sie ein paar Wochen untergebracht werden. Ura bietet Albanischkurse und ein bisschen Geld für Wohnungen und Arbeitsplätze.

Nordrhein-Westfalen stoppt Abschiebungen

2010 wurden etwa 650 Menschen aus Deutschland abgeschoben. Über 200 davon waren Roma. Insgesamt sollten es 10.000 sein. Aber zumindest Nordrhein-Westfalen hat aber nun den Prozess gestoppt. 90 Prozent der Roma im Kosovo sind arbeitslos. Bis 2008 hat das Flüchtlingshilfswerk UNHCR und die UN-Verwaltung Roma-Abschiebungen untersagt. Der Chef der EU-Delegation im Kosovo Renzo Daviddi meint: "Wenn man denkt, dass man am nächsten Tag kein Problem mehr hat, wenn man Leuten einfach in ein Flugzeug setzt und ihnen Geld in die Hand drückt, dann ist das kurzsichtig. Das mag woanders funktionieren, aber nicht hier."

"Unter den Roma gibt es keine freiwilligen Rückkehrer", sagt auch Wedenig. "Weil sie schon in Deutschland zu den Ärmsten gehörten, bekamen sie kein Bleiberecht. Überall gibt es diesen Filter, der gegen sie wirkt."

Mit Blei verseucht

Die Welt nach der Filterung ist etwa das Roma-Lager in Leposaviæ. Insgesamt leben 150 Leute hier. Frau Hasanis Haus in Mitrovica wurde im Krieg zerstört. Viele Roma flohen 1999 von dort, weil sie als "Kollaborateure der Serben" galten. Wegen der nahegelegenen Trepca-Mine sind die Roma-Flüchtlingslager bleiverseucht. Die WHO stellte 2004 fest, dass 90 Prozent der Bodenproben, die in den Lagern genommen wurden, alle Grenzwerte bei weitem überstiegen. Nach einem Test im Jahr 2008 brauchten 21 von 53 getesteten Lagerbewohnern sofortige medizinische Hilfe, weil das Ausmaß der Kontamination lebensbedrohlich war. Und trotzdem: Auch heute bleibt für abgeschobene Roma als Unterkunft oft nur eines der verseuchten Lager.

2010 kehrten 4300 Personen in den Kosovo zurück, die Hälfte davon unter Zwang, die meisten davon aus Deutschland. "Manche haben nicht einmal eine Geburtsurkunde in der Tasche, die werden in der Nacht, manche mit Hunden, aus dem Bett geholt", erzählt Besnik Vasolli, zuständig für Migration im Innenministerium. Als 2009 wieder Leute ohne Papiere kommen sollten, habe er aber der deutschen Botschaft mitgeteilt, dass das Flugzeug keine Landeerlaubnis bekommen werde, solange es keine Dokumente gebe.

Kosovaren brauchen Schengenvisum

Besonders erfolgreich sei Deutschland nicht beim Abschieben, meint der Beamte. "Wenn 50 bis 60 Leute repatriiert werden sollen, dann schaffen sie höchstens 20, weil die anderen vorher untertauchen." Die Abschiebungen würden zeigen, dass die Roma in Deutschland und Frankreich nicht integriert seien. "Von den 13.000, die hierher zurückgekehrt sind, haben 1000 nicht einmal eine Staatsbürgerschaft", sagt Vasollis Kollege, Islam Caka. Und jene, die einen Pass haben, können schwer auf Besuch nach Deutschland zurück. Denn Kosovaren brauchen ein Schengenvisum (siehe Wissen).

Halimi Hasani hat es vor ein paar Monaten versucht. Sie hat sich ein rumänisches Visum besorgt und wollte von Rumänien nach Ungarn flüchten, um heim nach Hannover zu gelangen. Die Grenzer, die sie erwischten, zwackten die Ecken an ihrem Pass ab, wie kupierte Hundeohren schauen sie nun aus.

Der intenationalste Platz des Kontinents

Der Kosovo ist das letzte Land in Europa, in das massenweise Menschen abgeschoben werden, gleichzeitig ist es aber wohl der proportional internationalste Platz des Kontinents. Der junge Staat ist für Leute wie Budde und ihren Kollegen Jürgen Kaas, die Zwangsabgeschobene integrieren sollen, eine zweite Heimat geworden. Kaas kehrt nun nach Deutschland zurück. "Mir würde das Herz brechen, wenn man mir dann verbieten würde, ab und zu in den Kosovo zu fahren", sagt der Deutsche in Anspielung auf das Visaregime für Kosovaren.

Viele der zehntausenden "Internationals", die seit 1999 in den Kosovo kamen, haben eine Bindung zu dem umkämpften Flecken in Südosteuropa aufgebaut. "Going local" wird dieses Phänomen genannt. In den Hotels in Prishtina trifft man diese Ex-Internationals, die nicht vom Kosovo loskommen. Es sind sehnsuchtsvolle Rückkehrer in einem Land voller zwangsweise Abgeschobener.

"Ich bin ein normaler Deutscher"

Sedat und Nasmya gibt es im Kosovo offiziell gar nicht, sie haben keine Papiere. Auf den Zetteln, die man ihnen in Deutschland zur Ausreise mitgab, steht als Heimatadresse: Mitrovica. Obwohl sie in Deutschland geboren sind und immer dort lebten.

"Ich bin ein normaler Deutscher, ich wusste gar nicht, dass es den Kosovo überhaupt gibt", sagt Nasmya. Als ihre Mitschüler erfuhren, wo Nasmya und Sedat hingeschickt wurden, sammelten sie 1200 Unterschriften für deren Rückkehr, und als das nichts half, schickten sie einen Fußball nach Leposaviæ. "Der Fußball war am nächsten Tag fort", erzählt Nasmya. "Hier wird so viel gestohlen."

Nummerntafel abnehmen

Leposaviæ liegt im nördlichen hauptsächlich serbisch besiedelten Teil des Kosovo. Wer hierher kommt, nimmt als Erstes seine Nummerntafeln vom Auto. Denn hier gibt es kein Gesetz und keinen Staat. Das Niemandsland wird weder von Prishtina verwaltet noch von Belgrad, sondern höchstens von lokalen Mafiabossen. Die abgeschobenen Roma sind wohl die größten Opfer dieser staatlichen Unzuständigkeit.

Frau Halimi konnte bisher keine Behörde finden, die bereit war, ihre Kinder anzumelden. Wenn sie irgendwie kann, wird sie aber ohnehin versuchen heimzukommen. "Wenn ich einmal zurückgehe nach Deutschland, dann komme ich nie wieder hierher", sagt sie entschlossen. (Adelheid Wölfl, DER STANDARD-Printausgabe, 8.2.2011)

Wissen:

Der Kosovo musste Rückkehrabkommen mit EU-Staaten abschließen, um den Weg zur Schengen-Visafreiheit zu ebnen. Die Kosovaren sind neben den Türken heute die einzigen Südosteuropäer, die ein Visum brauchen. Aber auch das nützt oft nichts. Denn mit dem kosovarischen Pass kann man etwa nicht nach Bosnien einreisen, weil Bosnien - wie fünf EU-Staaten - den Kosovo nicht anerkennt. Serbien vergibt zwar Pässe an Kosovaren, Brüssel verlangte aber, dass ein Stempel in den serbischen Reisedokumenten deren Besitzer weiterhin zum Visum verpflichtet. Manche Kosovaren versuchen deshalb, für einen Pass ohne Stempel in Serbien Beamte zu bestechen. (awö)

 

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  • Bretterverschläge hinter der Lagerhalle - das Roma-Flüchtlingscamp Leposavic im Nordkosovo.
    foto: standard/wölfl

    Bretterverschläge hinter der Lagerhalle - das Roma-Flüchtlingscamp Leposavic im Nordkosovo.

  • "Rückkehrer" aus Deutschland: Sedat, Nasmya und Halimi Hasani.
    foto: standard/wölfl

    "Rückkehrer" aus Deutschland: Sedat, Nasmya und Halimi Hasani.

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