"Ich habe die guten Zeiten erwischt"

7. Februar 2011, 16:45
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Als politischer Flüchtling erlebte die Polin Magdalena * vor 30 Jahren in der neuen Heimat noch sehr viel Mitgefühl

Wenn Magdalena über die ersten Jahren in der neuen Heimat spricht, kommt sie immer wieder auf einen Gedanken zurück: Die Zeiten und die Menschen, haben sich geändert. In der neuen Reihe dageblieben erzählt die gebürtige Polin ihre Migrationsgeschichte.

daStandard.at: Wann sind Sie nach Österreich gekommen und was waren die Gründe Ihrer Ausreise?

Magdalena: Ich war 30 Jahre alt als ich 1981 mit meinen zwei Kindern nach Österreich geflüchtet bin. Einerseits aus politischen, andererseits aus ökonomischen Gründen. Es war diese erdrückende Hoffnungslosigkeit, wegen der mein damaliger Mann und ich Polen unbedingt verlassen wollten. Sehr viele meiner Bekannten hielten die Zustände im Land nicht mehr aus und flüchteten ins Ausland. Wir haben eigentlich relativ viel Geld verdient, konnten uns aber dafür sehr wenig kaufen. Alles kostete außerdem wahnsinnig viel Geld. Man muss sich das so vorstellen: Bei meiner Ausreise habe ich mein halbes Monatsgehalt (einer Diplomingenieurin) - für eine neue Damenhandtasche und die andere Hälfte für ein neues Kleid ausgegeben. Und es gab keine Anzeichen dafür, dass es besser wird.

Die Entscheidung Polen zu verlassen fiel an einem Tag, an dem ich durch die Stadt irrte um meinen Kindern Essen zu kaufen. Irgendetwas! In einem Geschäft gab es nur Essig, im zweiten nur Reis und im dritten nur Cornflakes. Ich konnte nichts kaufen, bin durch die Straßen gelaufen und habe geweint. Damals dachte ich: Wenn mich jetzt jemand fragt, wieso ich weine, dann kratze ich ihm die Augen aus. In dem Moment wusste ich: Ich muss weg! Obwohl mein Ex-Mann keinen Reisepass bekommen hat, war für mich der Entschluss gefasst. Von der polnischen Regierung hat damals nämlich entweder nur die Frau samt Kindern Papiere bekommen oder der Mann - nie die ganze Familie. Er kam erst ein Jahr nach uns nach Österreich.

daStandard.at: Wie lange wollten Sie in Österreich bleiben?

Magdalena: Eigentlich wollten wir nach Kanada oder in die USA auswandern, Österreich war damals nur ein Transitland. Zwei Wochen nach unserer Ausreise im Dezember 1981 wurde aber das Kriegsrecht ausgerufen und wir bekamen politisches Asyl. Obwohl meine Anmeldung bzw. das Gespräch mit einem kanadischen Konsul positiv verlaufen war, habe ich entschieden, hier zu bleiben. Ich dachte mir: Englisch kann ich im Gegensatz zu Deutsch gar nicht, es ist so weit weg und so kalt (lacht). Damals habe ich mich in Österreich schon richtig wohl gefühlt.

daStandard.at: Sie waren 30 Jahre alt bei Ihrer Ankunft. Hatten Sie keine Angst alleine mit zwei Kindern in einem fremden Land?

Magdalena: Nein, ich hatte Angst, in Polen bleiben zu müssen. Meine Mutter hat beim Abschied geweint und ich habe nur gesagt: Wenn es mir dort nicht gut geht, dann komme ich zurück. Aber tief in meiner Seele habe ich gewusst, ich will nicht zurückkommen. Und ich war entschlossen, irgendwo in der Welt zu bleiben, ich wusste nur nicht wo.

daStandard.at: Wo waren Sie in Österreich untergebracht?

Magdalena: Zuerst waren wir drei Tage in Traiskirchen, wo wir nur auf unseren Transport in eine Pension in der Steiermark gewartet haben. In der Steiermark waren wir dann einige Monate. In der Zeit gab es gemischte Erlebnisse, sehr schöne und positive, aber auch negative. Viele Bewohner aus dem Dorf haben beispielsweise zusammengelegt, um den drei alleinerziehenden Frauen in der Pension - unter anderem mir - 1000 Schilling zu geben.

Ich erinnere mich auch an ein Gespräch in einem Supermarkt mit einem jungen Paar, das ein Baby im Arm hatte. Sie haben sich mit meiner Bekannten und mir über Polen, das Kriegsrecht und unsere Lebensumstände unterhalten. Als wir bei der Kassa bezahlen wollten, sagte uns die Kassiererin, die Einkäufe sind schon bezahlt und wir bekommen noch "Restgeld". Das junge Paar hatte je 100 Schilling für uns an der Kassa hinterlegt. Dieses Mitgefühl und diese Menschlichkeit der Bevölkerung haben mich sehr gerührt.

daStandard.at: Sie sprachen auch von negativen Erlebnissen?

Magdalena: Ja, von den Eigentümern der Pension wurden wir mehr als schlecht versorgt, wir bekamen oft gefrorene Erdäpfel und welken Salat. Ich glaube, sie wollten nur an uns verdienen. Einige Leute wurden krank und ich entschied mich nach zwei Monaten zurück nach Traiskirchen zu fahren. Danach verbrachte ich mit meinen Kindern ein Jahr in einem Flüchtlingslager in der niederösterreichischen Ortschaft Neuhaus.

daStandard.at: Wie haben Sie die Zeit dort erlebt?

Magdalena: Nachdem das Kriegsrecht in Polen ausgesprochen wurde, gab es sehr großes Mitgefühl in der österreichischen Bevölkerung. Man hat das richtig gespürt, weil der Krieg für die Österreicher selten so nahe war wie damals. Die Menschen in Neuhaus haben mir immer das Gefühl gegeben, dass ich gleichwertig und gleichberechtigt bin.

Im Flüchtlingsheim selbst waren 150 Menschen untergebracht, fast nur Männer und einige Familien aus verschiedenen Ländern. Der Vorteil für unsere Kinder war, dass sie schnell Deutsch lernen mussten, um sich in einer gemeinsamen Sprache zu verständigen.

daStandard.at: Wie haben Sie selbst Deutsch gelernt?

Magdalena: Ich hatte im Gymnasium Deutschunterricht, aber 12 Jahre lang habe ich die Sprache nicht gesprochen. In Österreich habe ich sofort einen Deutschkurs besucht und begonnen österreichische Zeitungen und Bücher zu lesen und viel mit den Leuten zu sprechen. Ich wollte einfach verstehen, was die Leute zu mir sagen! Bei unseren Kindern war mir immer wichtig, dass sie mit uns Polnisch sprechen. Es gab immer eine Regel: Sie durften miteinander Deutsch sprechen, aber nie mit uns Eltern und sie durften nie die Sprachen mischen. Ich denke, das ist auch einer der Gründe, warum meine Kinder gut Deutsch sprechen und nicht dieses sogenannte "Tschuschendeutsch".

daStandard.at: Wann kamen Sie nach Wien?

Magdalena: Etwa ein Jahr nach unserer Einreise haben wir vom Bundesministerium für Inneres eine Drei-Zimmerwohnung in Wien bekommen, und die ersten sechs Monate waren mietfrei. Das waren zwei Gebäude, in denen 13 polnische Familien gewohnt haben. Wir wollten aber nicht in einem "polnischen Ghetto", sondern selbstständig leben und haben nach einigen Jahren diese polnische Gesellschaft verlassen und eine Genossenschaftswohnung gekauft. Uns war der Kontakt zu Österreichern wirklich wichtig, und wir wollten nicht unter Polen wohnen. So blöd das auch klingt.

daStandard.at: Was waren Ihre ersten Jobs?

Magdalena: Ich habe erst einige Monate schwarz als Putzfrau gearbeitet und dann bei einer Modemacherin Hüte genäht und "garniert" (lacht). So nennt man das Verzieren von Hüten. Diese Arbeit war angemeldet - durch das politische Asyl habe ich eine Arbeitsgenehmigung bekommen. Danach war ich acht Monate in einer Fabrik am Fließband beschäftigt. Erst nach meinem "Deutschkurs für Akademiker mit nicht-deutscher Muttersprache" habe ich mich getraut, mich in meinem Beruf zu bewerben und bekam eine Stelle in einem Statikerbüro. Dabei war der Lohn kaum höher als in der Fabrik, aber die Arbeit war besser.

Als ich nach Österreich gekommen bin, habe ich gewusst: Geschenkt bekomme ich nichts. Ich will mir eh alles selber verdienen. Darum war ich umso dankbarer, dass ich doch einiges geschenkt gekriegt habe. Das haben die ex-jugoslawischen Flüchtlinge in den 90ern nicht mehr so erlebt, weil die Leute schon abgehärtet waren und Krieg, wenn er einige Jahre andauert, nicht mehr so viel Mitgefühl verursacht. Ich habe einfach die "guten Zeiten" erwischt.

daStandard.at: Was empfinden Sie, wenn Sie an diese Zeiten zurückdenken? Würden Sie wieder emigrieren?

Magdalena: Ich habe mir keine Vorstellungen darüber gemacht, wie es wird, deshalb konnte ich nicht enttäuscht werden. Ich wollte nur anständig und ruhig leben. Und das hat sich für mich erfüllt. Deshalb würde ich auf jeden Fall wieder auswandern! Vor allem muss ich sagen, ich bin eine unverbesserliche Optimistin und habe von Menschen immer nur das Beste erwartet und vielleicht auch deshalb so viel Gutes erlebt. Ich bin immer auf die Menschen zugegangen, mit einem Selbstbewusstsein, das mir vielleicht die Kommunisten eingeimpft haben (lacht). Im Kommunismus haben wir immer gehört, dass Frauen und Männer gleich sind und Ausbildung für Frauen wichtig ist. Das habe ich in Österreich weitergelebt.

daStandard.at: Wie leben sie heute?

Magdalena: Die Migration konnte meine schlechte Ehe zwar nicht retten, aber jetzt bin ich glücklich verheiratet und lebe in Oberösterreich. An Oberösterreich musste ich mich auch gewöhnen. Die Oberösterreicher sind wieder anders. Nicht besser, nicht schlechter, nur anders. Mittlerweile fühle ich mich auch hier zuhause. (08. Februar 2011, Eva Zelechowski, daStandard.at)

* Name von der Readaktion geändert.

  • Das Foto wurde 1981 für die Ausreisepapiere aufgenommen.
    foto: privat

    Das Foto wurde 1981 für die Ausreisepapiere aufgenommen.

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