"Völliger Stillstand" in Ägyptens Wirtschaft

7. Februar 2011, 16:13
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Kurt Altmann, Wirtschaftsdelegierter in Kairo, über die wirtschaftliche Lage Ägyptens und die Auswirkungen der Proteste

Rund 700 österreichische Unternehmen sind in Ägypten aktiv, vorwiegend im Liefergeschäft. Das AußenwirtschaftsCenter Kairo der Wirtschaftskammer Österreich ist ihr Ansprechpartner vor Ort. Kurt Altmann, der leitende Wirtschaftsdelegierte in Ägypten, ist derzeit in Wien, will aber so schnell wie möglich wieder nach Kairo. Im Gespräch mit derStandard.at erzählte er über die Lage des Landes, und was die Proteste und Unruhen für die heimischen Unternehmen bedeuten. Zu politischen Fragen wollte Altmann jedoch keine Stellung beziehen: "Ich beobachte politische Entwicklungen nur und verhalte mich dann dementsprechend." Mit ihm sprach Daniela Rom.

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derStandard.at: Welche Auswirkungen haben die Proteste gegen das Regime und die Unruhen auf die ägyptische Wirtschaft?

Kurt Altmann: Die Auswirkungen sind erheblich, vor allem auf den Tourismus, die Exporte und natürlich auch auf den Binnenhandel. Wenn man Medienberichten glauben darf, dann sind es 310 bis 350 Millionen Dollar pro Tag, die dadurch verloren gehen. Auf der anderen Seite braucht das Land vor allem eines: Jobs, Jobs und noch einmal Jobs. Dafür braucht Ägypten vor allem Investitionen. Das heißt, man muss schauen, dass möglichst schnell wieder Stabilität eintritt, dass die Leute wieder ihrer Arbeit nachgehen können und ihre Zeit nicht in Bürgerwehren verbringen müssen, dass die Banken wieder aufsperren und so weiter.

derStandard.at: Kam das wirtschaftliche Leben komplett zum Erliegen?

Altmann: Es ist letzte Woche zu einem völligen Stillstand gekommen. Die Banken waren gestern (Sonntag, Anm.) für zwei Stunden offen, damit die Bevölkerung wenigstens Gehälter abheben konnte. Die Börse ist weiterhin geschlossen. Wir sind derzeit noch vorsichtig mit Versendungen und raten heimischen Unternehmen, vorerst noch etwas abzuwarten. Man muss erst schauen, ob Waren überhaupt in Empfang genommen werden können und ob sie sicher vom Hafen zu ihrem Bestimmungsort transportiert werden können. Das hängt alles von der Sicherheit im Land ab - die Handelskette muss gesichert sein. Es ist alles sehr schnell und plötzlich gegangen. Aber wie es scheint, dürfte sich die Lage nun wieder entspannen. Hoffentlich bleibt es auch so.

derStandard.at: Was muss also geschehen, damit die Wirtschaft wieder funktioniert?

Altmann: Das Problem ist derzeit, dass sich eine neue Infrastruktur bilden muss. Man braucht neue Entscheidungsträger, selbst dann, wenn sie nur provisorisch eingesetzt sind. Gerade in einem Land, in dem alles "top-down" entschieden wird. Wir sehen das auf der mittleren Ebene, auf der wir zumeist zu tun haben, wie oft jemand eine Nichtreaktion mit einer Ministerweisung begründet. Schon in "normalen" Zeiten war die ägyptische Bürokratie legendär. Das haben wir immer wieder erlebt, und es ist auch ein Großteil unserer täglichen Arbeit damit befasst, bürokratische gordische Knoten zu lösen. Das heißt, für ein erneutes Funktionieren der Wirtschaft braucht es Sicherheit und eine neue Entscheidungsstruktur.

derStandard.at: Arbeitslosigkeit ist ein großes Problem in Ägypten?

Altmann: Es gibt in Ägypten noch großen Nachholbedarf im Bereich der Kleinen und Mittleren Unternehmen, da könnten noch viele Jobs geschaffen werden. Ägypten muss pro Jahr 700.000 neue Jobs schaffen, das gelingt mit einem Wirtschaftswachstum von mindestens sechs Prozent. Damit ist immer noch nicht das Problem der hohen Arbeitslosigkeit - inoffiziell 20 Prozent, offiziell zehn Prozent - gelöst. Um diese abzubauen, müsste die Wirtschaft um mehr als zehn Prozent pro Jahr wachsen, und das immer schneller. In den letzten Jahren hat das Ägypten - zumindest makroökonomisch - geschafft. Dieses Wachstum müsste auch nach unten durchdringen, damit jeder etwas davon hat.

derStandard.at: Wie viele österreichische Unternehmen sind derzeit in Ägypten aktiv?

Altmann: 2009 gab es Exporte aus Österreich im Wert von 207 Millionen Euro. Die sind in Summe gleichgeblieben und nur marginal angestiegen. In den ersten drei Quartalen 2010 gingen die Exporte um knapp 18 Prozent zurück auf 133 Millionen Euro. Man muss dabei zwischen Investitionen und Liefergeschäft unterscheiden. Die Investitionen sind überschaubar, die Unternehmen arbeiten vor allem im Mineralölbereich, in der CO2-Reduktionsberatung, der Leichtindustrie oder im Bereich Glücksspiel. Bei den Liefergeschäften - sowohl an den Staat, als auch an Private - ist die Bandbreite größer, die gehen quer durch die Bank: Papier, Pharmazeutika, Spezialfahrzeuge, Feuerlöschfahrzeuge, Komponenten, Schnittholz, und so weiter. Jetzt ist der ganze Handel und die Wirtschaft kurzfristig zum Stillstand gekommen. Aber man bemerkt, dass es sich langsam wieder bewegen dürfte. Die Frage ist nun: Wie geht es weiter? Es dürfte noch einige Zeit weiter vor sich hin plätschern, aber zumindest bewegt sich das Rad wieder.

derStandard.at: Der bilaterale Handel lag also brach?

Altmann: Nicht nur der Handel mit Österreich, sondern der weltweite Handel kam zum Erliegen, vor allem durch die angespannte Sicherheitssituation. Das muss sich schnell wieder ändern.

derStandard.at: Wie sieht es mit österreichischen Arbeitskräften in Ägypten aus?

Altmann: Genaue Zahlen kann ich nicht nennen, aber die Zahl der österreichischen Manager in Ägypten ist sehr gering. Geschäftsleute, von denen wir wussten, dass sie nach Ägypten kommen wollten, haben wir aber im Vorhinein gewarnt. Jene, die im Land waren, haben wir mit Informationen über die Ausreisemöglichkeiten versorgt. Auch Monteure oder andere Arbeitskräfte dürften im Land gewesen sein. Aber diese treten nicht direkt mit uns in Kontakt, sondern bekommen ihre Anweisungen und Informationen von den jeweiligen Vorgesetzten. Deswegen ist die genaue Zahl nur schwer zu beziffern. Die Unternehmen beobachten derzeit die Lage und entscheiden dann, ob und wann sie ihre Mitarbeiter wieder nach Ägypten schicken. Ich selbst habe vor, in den nächsten Tagen wieder nach Kairo zu fliegen. Wir hatten ja ebenfalls kein Internet und kein Mobiltelefon, daher konnten wir unsere Arbeit nicht vor Ort machen. Aber jetzt, wenn sich die Lage beruhigt hat, geht die Arbeit wieder los. Dann brauchen uns die Firmen umso mehr, dann geht die Interventionslawine wieder los. (Daniela Rom, derStandard.at, 7.2.2011)

KURT ALTMANN ist seit 2008 Leiter des WKÖ-AußenwirtschaftsCenters in Kairo. Dieses ist zuständig für Ägypten, Äthiopien, Dschibuti, Eritrea, Somalia und Sudan.

 

Wissen

Ägypten wies für das Jahr 2010 ein nominales BIP von 220 Milliarden US-Dollar aus, das erwartete reale Wirtschaftswachstum lag laut der Schätzung von Oktober 2010 bei 5,1 Prozent. Das ägyptische Wirtschafts- und Finanzjahr folgt übrigens nicht dem Kalenderjahr, sondern läuft immer von Juli bis Juni des Folgejahres. Die Inflationsrate lag offiziell bei 13, inoffiziell weit höher bei 20 Prozent vor allem bei Lebensmitteln. Die Exporte lagen 2010 geschätzt bei 25 Milliarden Dollar, die Importe bei 46,5 Milliarden Dollar. Die Arbeitslosenquote im Land belief sich auf offiziell zehn Prozent, lag aber inoffiziell wesentlich höher bei 20 Prozent. Die Auslandsverschuldung hingegen lag bei eher geringen 31 Milliarden Dollar.

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    Die Proteste und Unruhen in Ägypten ließen die Wirtschaft des Landes vollständig erlahmen. Laut Wirtschaftsdelegierten Kurt Altmann dürfte sich die Lage aber nun wieder entspannen.

  • Kurt Altmann hofft auf Entspannung der Lage: "Es ist alles sehr plötzlich gegangen."
    foto: wkö

    Kurt Altmann hofft auf Entspannung der Lage: "Es ist alles sehr plötzlich gegangen."

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