Der Mann mit dem goldenen Projektor

7. Februar 2011, 17:23
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Meg Stuart, Philipp Gehmacher und Vladimir Miller mit "the fault lines" im TQW

Wien - Ist es noch eine verunglückte Umarmung oder schon eine gewalttätige Rangelei? Anstrengend ist sie auf jeden Fall, die Begegnung eines Mannes und einer Frau am Beginn des Stücks the fault lines von Philipp Gehmacher, Meg Stuart und Vladimir Miller, das gerade vom Tanzquartier Wien (TQW) in der Mumok Factory zu sehen war.

Sie gehen aufeinander zu und los, verharren Hand in Hand und zerren aneinander. Und sie sind nicht alleine. Da ist noch einer: ein Beobachter, der sich nicht einmischt. Einer, der sich ein Bild davon macht, was die anderen auf den Bruchlinien ihrer gegenseitigen Erforschung aufführen.

Miller verkörpert "Die Figur des Dritten", wie sie in einem vor kurzem unter diesem Titel bei Suhrkamp erschienenen Buch so eingehend wie brillant erörtert wird. Sie geistert durch die Kunst, die Psychoanalyse und die Genderstudies: als Bote, Trickster, Parasit, Rivale und Cyborg. Der Dritte macht ein Tête-à-tête zur Ménage à trois, zum Trio infernal. In the fault lines tut er das auf ganz besondere Art.

Wie eine Spinne in ihrem Netz hockt diese Figur, umgeben von Videoprojektoren, Kamera und Kabeln in einer Ecke im Vordergrund der Bühne. Er agiert im Blickfeld des Publikums, stets mit dem Rücken zu diesem, und ist doch nicht direkt in das Drama involviert, das sich zwischen Stuart und Gehmacher abspielt. Der Dritte muss nicht selbst in das Bild, das die beiden abgeben, denn sein eigentlicher Partner ist genau dieses Bild. Seine Kamera übersetzt, was immer sie tun, in Projektionen. Das Publikum erlebt also ein doppeltes Stück: das Paar in seinem Live-Auftritt und in seiner Simultanuntersuchung durch die Live-Projektionen.

Miller ist der Mann mit dem goldenen Projektor. Sobald er diesen Apparat auf das Paar richtet, wird es in eine schillernde Farbaura gehüllt. Nur diese Bildmaschine greift direkt in die Dynamiken zwischen dem Mann und der Frau ein. Sie ist der Klischeegenerator, der die beiden einlullt wie ein kitschiges Liebeslied.

Am Ende steht genau dieses Schillern, das Klischee der Liebe als Produkt der Bildbearbeitung. Das Drama des Paars ist längst verebbt. Wie teilnahmslos sitzen der Mann und die Frau nebeneinander, während der Parasit, Trickster und Bote sich daran macht, mit dem Bild von den beiden zu spielen, es zu gestalten und zu manipulieren. Damit ist the fault lines zu einer großartigen Ménage à trois - zwischen Performern, Bild und einem faszinierten Publikum - geworden. (Helmut Ploebst, DER STANDARD - Printausgabe, 8. Februar 2011)

  • Zwei Akteure und ein ebenso agierender Beobachter: "the fault lines" in 
der Mumok Factory ist eine großartige Ménage à trois zwischen 
Performern, Bild und Publikum.
    foto: nina gundlach

    Zwei Akteure und ein ebenso agierender Beobachter: "the fault lines" in der Mumok Factory ist eine großartige Ménage à trois zwischen Performern, Bild und Publikum.

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