Me, Almighty

7. Februar 2011, 15:19
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Die Suche nach dem besten Double für Erwin Pröll war der Anfang meiner neuen Karriere: Ich will professioneller Castingshow-Juror werden

Castingshows boomen - und endlich durfte ich mitmachen - Doch der Juror-Job bei der Suche nach dem besten Double für Erwin Pröll war nur der Anfang meiner neuen Karriere: Ich will professioneller Castingshow-Juror werden

Bohlen weiß, wie sich das anfühlt. Serafin, Klum und Soldo sowieso. Und Elmayer, Haider, Forcher, Eder und Eberharter auch. Vielleicht ja sogar Gercke und Geyer: Ich war Gott. Und ich liebte es.

Ich richtete. Nach Gutdünken, Lust und Laune. Und da war niemand, der mein Urteil in Frage zu stellen gewagt hätte. Im Gegenteil: "Danke" sagten die, über die ich den Stab brach (oder auch nicht) - auch dann, wenn ich ihr Schicksal besiegelte. Sie konnten nicht anders. Sie hatten sich mir unterworfen. Auf Gedeih und Verderb. Sie hatten sich vor die Schranken meines Gerichtes gestellt - und vorab auf jedes Rechtsmittel verzichtet.

Dieses Gefühl von Allmacht macht an. Schicksal spielen, das Sehnen und Streben von Anderen in Händen zu halten, über ihr Leid oder Glück zu entscheiden und mit einem Heben von Blick oder Stimme Menschen fliegen oder abstürzen lassen zu können - das hat was. Das ist geil. Saugeil.

I have a dream

Ab sofort habe ich einen Traum. Eine Aufgabe: Ich will Casting-Juror sein. Für immer. Es gibt nichts Schöneres. Nichts Schärferes. Nichts Über-Drübereres. (Ok: Vielleicht die Rolle des römischen Imperators, der in der Arena den Daumen hebt oder senkt.)

Sagen Sie jetzt nicht, dass das ein absurder Berufswunsch ist: Die Welt wird schließlich - zumindest in ihrer veröffentlichten, also gültigen, Form von Castingshows geprägt. Immer öfter. Überall. Und jede Show braucht Juroren. Nette, strenge, plakativ abwägendende, unerbittlich richtende, gnädige Juroren. Aber vor allem: willkürliche. Richter, deren Urteil überrascht, polarisiert und also unterhält. Sie wollen Fairness und Nachvollziehbarkeit? Dann leben Sie wohl immer noch im 20. Jahrhundert!

Eine eigene Liga

Zurück zum Berufswunsch: Genauso wie es sich mit Prominenten verhält, deren Prominenz allein auf ihrer medialen Präsenz im Promi-Land fußt (die Frage nach Vip-Henne und Adab-Ei eben), verhälte es sich auch mit Castingshow-Juroren. Oder wussten Sie tatsächlich, was Maria Soldo zwischen 1995 und 2010 tat - also bevor er in den "Helden ohne Morgen" für den dort als Bohlen-Pendant eigentlich schon als fix gebuschtrommelten und geskripteten Dominic Heinzl einspringen musste/durfte?

Eben. Castingshow-Juroren sind - einmal installiert - eine Kategorie für sich. Unfehlbar, unverzichtbar und unbeirrbar. Die einzige geforderte Qualifikation (neben einem guten Netzwerk): Eine Klappe, die mindestens so groß ist, wie das Ego. Optional noch Unverfrorenheit, Selbstvertrauen und Selbstgerechtigkeit in KHG-Meischberger-Dimensionen. Also im gesellschaftlich anerkannten Mittelfeld. Sie trauen sich das nicht zu? Glauben Sie mir: So wie der Appetit beim Essen kommt, wächst auch das Ego, sobald man statt leise "Bitte" laut "Ich" zu rufen begonnen hat.

Mein Einstieg

Wie, warum und wo ich Blut geleckt habe? Vergangenen Freitag war ich erstmals Juror. Nicht bei einer Misswahl (solche Anfängerspielwiesen überlasse ich Robert Nissel), sondern beim Gegenteil: Das Kabarett Simpl suchte einen Doppelgänger von Erwin Pröll. Menschen, die dem Onkel des Vizekanzlers und Vater des Bundeslandes zumindest nahe kommen. Optisch und im Auftreten. (Sie interessieren sich für Charakter, Haltungen oder innere Werte? Bitte lesen Sie nochmal bei "Fairness & Nachvollziehbarkeit" nach.)

Was mich als Juror qualifizierte? Nicht meine Frisur. Auch nicht meine Kurzzeit-Meldeadresse in einer NÖ-Zwerg-Gemeinde. Journalistische Kriterien sowieso nicht (siehe nochmals "Fairness & Nachvollziehbarkeit".) Auch nicht meine literarische Überlegenheit (ich habe als Kind drei Karl Mays begonnen - und könnte heute noch erklären, wieso ich keinen zu Ende las.) Mitnichten! Der Grund für meine Nominierung war eine Überschrift: "Austria´s Next Top-Erwin" hatte ich im Print-Standard getitelt. Über einem 20-Zeiler. Das genügte.

Wortführer

Also saß ich im Simpl - und führte das große Wort. Nicht originell und geistreich, sondern ausufernd und halblustig. Neben mir saßen Co-Regisseur, Pressedame und Chef vom Simpl. Plus der Autor des Stückes: Menschen, die wussten was gebraucht oder gesucht wurde. Doch Klappe schlägt Kompetenz. Und bald blickten Kandidaten (und Medien-Kollegen) bald automatisch auf mich, wenn sich ein Pröll-Wannabe präsentiert hatte. Besser: Nach getaner Sichtung (zehn mehr oder weniger Pröllige hatten sich ausgeliefert) baten einige Journalisten um Bonmots. Und zweieinhalb Pröll-Aspiranten intervenierten direkt: Ob ich sie eh in der engeren Wahl hätte.

Vor dem Casting hatte ich beschlossen, alles, was ich als Zuseher selbst peinlich fände, ab sofort dem Publikum als Fremdschäm-Materie zu überlassen. Das war gut so. Sonst hätten sich hier meine Zehennägel aufgerollt: Es ging de facto um Nichts. Trotzdem biederten sich mir da Männer - erwachsene Männer, Familienväter, vermutlich Großväter - in ihrer Hoffnung auf ihre 15 Milliseconds of Fake-Fame fast so billig an, wie es einst (ich hatte einen Kollegen aus der Hochglanzwelt zu einer Provinz-Misswahl begleitet) der Misswahl-Macher getan hatte: Der hatte uns "Einzelgespräche" und "-shootings" angeboten. Männerkumpel-Augenzwinkern inklusive.

Ausbaufähig

Sie mögen nun denken, dass derlei niemanden interessiert. Doch am Tag nach Pröll wurde ich tatsächlich auf mein Tun ebendort (ich war bloß in Schwenks zu sehen gewesen, schaffte es aber namentlich in die APA-Meldung. Ehrlich: Ich habe keine Ahnung, ob das ein Printmedium übernommen hat) angesprochen: Im Supermarkt, im Bus, auf der Straße. Niemand fand das lächerlich.

Also beschloss ich: Ich werde professioneller Casting-Juror. Für alles und jedes. Wo und mit wem auch immer. Schließlich ist der TV-Castingwahnsinn hierzulande noch ausbaufähig. Der Zenit (oder - je nach Sichtweise - der Boden der Senkgrube) ist längst nicht erreicht. Da kommt noch einiges - und ich will dabei sein. Davon und dafür leben.

Denn nach Mitternacht stolperte ich dann beim Zappen auf PlayboyTV (derlei zu verschlüsseln haben die Digibox-Monteure bei mir im ganzen Haus nämlich "vergessen") - und blieb bei einer Castingshow hängen, die alles, was ich bis dahin als denkbares Maximum des Gülle- und Trash-TVs für möglich gehalten hätte, toppte: Jenna Jameson (wer aus welchem Grund auch immer behaupten muss, die Dame nicht zu kennen: in der Pornofilmszene ist Jameson das, was Mirjam Weichselbraun im ORF ist: omnipräsent und unvermeidbar - Life-Ball-Auftritte inklusive) ließ in "America´s Next Sex Star" vier Kandidatinnen vor Publikum einschlägige Fähigkeiten am lebenden Objekt in Wettkampfmanier demonstrieren.

Natürlich gab es eine Jury. Die bewertete und rezensierte die Blow-Job-Performance der vier Adeptinnen ausgiebig. Die (bis auf die Schuhe) mittlerweile splitternackten Kandidatinnen hingen mit großen Augen und halboffenen Mündern an den Lippen der Jury. Sie saugten jedes Wort zitternd und lächelnd auf, hüpften vor Aufregung, fielen einander um den Hals und in die Arme - und sagten artig "Thank You". Und niemand stellte die Qualifikation der Jury in Frage. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 7.2.2011)

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    Die zehn Kandidaten für "Austria's Next Top-Erwin" in Reih und Glied.

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    Von der Frisur her entsprachen alle Bewerber den Vorstellungen der Organisatoren des Kabarett Simpl.

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