Die Geschichte von Kneissl

7. Februar 2011, 14:22
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Vom Traditions-Skihersteller zum Sanierungsfall

1919: Franz Kneissl sen. übernimmt von seinem Ziehvater die Wagnerei und fertigt den ersten Ski Österreichs. Der Kneissl Ski wird als Marke angemeldet.

1946: Franz Kneissl jun. übernimmt mit 26 Jahren die Firma und baut das Traditionsunternehmen auf. Er startet mit drei Mitarbeitern. Gemeinsam mit seinem Bruder Walter stellt er den Handwerksbetrieb auf industrielle Fertigung um.

1960er Jahre: Kneissl entwickelt mit dem "White Star" den ersten Kunststoff-Ski mit Holzkern, der als technologischer Meilenstein in der gesamten Skiindustrie gefeiert wird. Weltcupsieger Karl Schranz wird das Aushängeschild des Unternehmens.

1970er Jahre: Die Marke Kneissl erringt auch mit der Produktion von Langlaufskiern und Tennisschlägern eine führende Marktposition.

1980: Kneissl muss Konkursantrag stellen, nachdem ein Überbrückungskredit nicht gewährt wird. Der deutsche Langlaufhersteller Trak wird Eigentümer.

1983: Die US-Firma Tristar übernimmt die Marke Kneissl, zu der mittlerweile auch Trak und die Skimarke Olin gehören.

Februar 1989: Die eine Unternehmergruppe rund um die als Sanierer geltenden Investoren Erhard Grossnig, Reinfried Spazier und Hans-Peter Haselsteiner übernehmen die Mehrheit bei Kneissl

1990: Kneissl entwickelt den "Big Foot", der sich als Verkaufsschlager herausstellt, und nach mehreren Verlustjahren die Umsatztalfahrt bei Kneissl kurzfristig stoppt.

1991: Kneissl fusioniert mit dem oberösterreichischen Sportartikelhersteller Dachstein.

1992: Der erste Carving-Ski "Ergo" wird von Kneissl auf den Markt gebracht und beschert der Branche einen Aufschwung. Die Firma Kneissl Dachstein wird in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und firmiert künftig unter dem Namen "Kneissl Dachstein Sportartikel AG"

24. Mai 1994: Franz Kneissl stirbt im Alter von 73 Jahren an Herzversagen.

1995: Kneissl expandiert und verleibt sich den Schweizer Sportartikelhersteller Raichle ein, die Marken Dynafit, Dee Luxe und Marker folgen und werden ebenfalls in den Konzern integriert.

1998: Der Skiproduzent gibt sich einen neuen Namen: "kneissl & friends"

1999: Der Standort in Molln (OÖ), der Verwaltungssitz, wird geschlossen und die Zentrale wird damit wieder nach Kufstein verlegt. Kneissl verfügt über zwei Standorte in Ungarn mit insgesamt 300 Mitarbeitern, 100 Beschäftigte arbeiten bei Raichle in der Schweiz und 200 in Kufstein.

September 2002: Die Expansionsstrategie geht nicht auf. Das Kerngeschäft, die Skiproduktion in Kufstein, muss eingestellt mit Ende des Jahres eingestellt werden und wird teilweise von Fischer übernommen.

Jänner 2003: Raichle wird an den Schweizer Bergsportspezialisten Mammut AG verkauft.

April 2003: Kneissl muss Konkurs beantragen und steht mit 18 Mio. Euro in der Kreide.

Juli 2003: Ein Tiroler Bieterkonsortium bestehend aus den Investoren Fritz Unterberger, Richard Labek, Anton Pletzer, Friedrich Obholzer und Karl Handl übernehmen das marode Traditionsunternehmen. Sie steigen allerdings aller der Reihe nach wieder aus, zuletzt kehrte Unterberger dem Skiproduzenten den Rücken.

Oktober 2006: Kneissl stoppt die Skimassenproduktion am Standort Kufstein. Aus Kostengründen wird die Alpinproduktion zu Fischer, die Langlaufskiproduktion nach Tschechien und die Big-Foot-Herstellung zu Pale in Kärnten ausgelagert.

2007: Andreas Gebauer wird Geschäftsführer bei Kneissl und soll dem Stern zu neuem Glanz verhelfen, das Unternehmen schreibt aber weiterhin Verluste und die verbliebenen Eigentümer Unterberger, Obholzer und Pletzer können es nur mit erheblichen Finanzspritzen über Wasser halten. Obholzer steigt im Februar bei Kneissl aus.

Juli 2008: Der vor allem durch seinen geplanten Einstieg bei der AUA bekannte austro-arabische Scheich Mohamed bin Issa Al Jaber wird mit 60 Prozent Mehrheitseigentümer bei Kneissl. Die restlichen 40 Prozent behält Unterholzer. Kneissl soll mit frischem Geld zu einer modernen Life-Stylemarke avancieren. Bekleidung, Erlebnisgastronomie und Hotelprojekte werden angekündigt, doch an der Umsetzung haperte es. Hotels in Osttirol und Kärnten kommen über die Planungsphase nicht hinaus.

5. November 2010: Das Wiener Modelabel Susan Strasser bringt einen Exekutionsantrag gegen Kneissl ein. Die Firma lieferte nach eigenen Angaben hochwertige Bekleidung an, die entsprechende Rechnung über 158.000 Euro wurde allerdings nicht beglichen.

9. November 2010: Es wird bekannt, dass auch der ehemalige Eigentümer Fritz Unterberger auf Teile des Kaufpreises für seinen 40-Prozent-Anteil wartet. Auch er stellt einen Exekutionsantrag. 40-Prozent-Eigentümer ist seit dem Verkauf die UBH Unternehmensberatung Huber, des Tiroler BZÖ-Politikers Simon Hermann Huber.

11. November 2010: Kneissl sieht sich mit insgesamt fünf Exekutionsanträgen konfrontiert.

21. November 2010: Kneissl-Gesellschafter Huber droht mit Ausstieg, was er mit harten Worten begründet: "Es gibt derzeit keine Ergebnisse, die ein Festhalten am Investment rechtfertigen"

22. November 2010: Al Jaber plant eine Kapitalerhöhung, die auf einer Gesellschafterversammlung beschlossen werden soll. Der frühere Eigentümer Unterberger brachte unterdessen einen Konkursantrag gegen die Holding ein. Ein Gerichtstermin am Innsbrucker Landesgericht, bei dem Gebauer und Al Jaber über die finanzielle Situation des Unternehmens Auskunft geben sollten, wurde nicht wahrgenommen.

23. November 2010: Die Gesellschafterversammlung am Firmensitz in Kufstein segnet einstimmig eine Kapitalerhöhung von 1,2 Mio. Euro ab. Al Jaber wird dadurch 99-Prozent-Eigentümer.

9. Dezember 2010: Kneissl kommt auch nach der angekündigten Kapitalerhöhung nicht aus den Schlagzeilen. Der Exekutor stattet der Kneissl Star Lounge in Innsbruck einen Besuch ab. Die angekündigte Kapitalspritze lässt auf sich warten, außerdem wird bekannt, dass weitere Gläubiger auf unbezahlten Rechnungen sitzen.

31. Dezember 2010: Al Jaber lässt die behördlich gesetzte Frist für die angekündigte Kapitalerhöhung verstreichen.

5. Jänner 2011: Unterberger bringt erneut einen Konkursantrag gegen Kneissl ein.

9. Jänner 2011: Ein Gerichtsurteil eines ägyptischen Gerichts bringt weiteres Ungemach für Al Jaber. Er wird in seiner Funktion als Aufsichtsratschef des Lebensmittelkonzerns Ajwa Food Industries in erster Instanz wegen Dokumentenfälschung und Aktienkursmanipulation zu zwei Jahren Haft verurteilt. Der Scheich kündigt umgehend Berufung an und weist die Berichte als "aus dem Kontext gerissen" und "falsch" zurück. Es habe sich um ein einleitendes bzw. vorbereitendes Verfahren gehandelt.

12. Jänner 2011: Laut Gebauer hat der Scheich in Paris das notwendige Dokument für die Kapitalerhöhung unterzeichnet. Das Geld soll nun endgültig nächste Woche fließen, kündigt er an. Alle offenen Rechnungen sollen dann beglichen werden. Die Geschäftsführung wird um Andrea King erweitert. Mashael Al Jaber, die Tochter des Scheichs, wird von ihr abgelöst.

07. Februar 2011: Einvernahme von Kneissl-Geschäftsführer Andreas Gebauer durch den Konkursrichter. Al Jaber muss die angekündigte Kapitalerhöhung aufbringen, sonst wird das Insolvenzverfahren über die Holding eröffnet.

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