Auf den Kanalinseln ist schon der Frühling da

7. Februar 2011, 16:45
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Wanderer mit Hang zum Schalentier im Topf sind auf Guernsey und Herm gut aufgehoben

Manchmal sehen wir den Weg vor lauter Blumen nicht mehr. Dann müssen wir stehen bleiben und suchen, wo es weitergeht durch dieses Meer von Blue Bells und roten Grasnelken, weißem Leimkraut und gelbem Ginster. Ringsum leuchtet eine Farbenpracht, die sich den steilen Hang hinabzieht und zwischen den bizarren Klippen in der Tiefe verliert. Zwischen ihnen tost, weiß gischtend, das Wasser des Ärmelkanals.

Der Weg rund um die Insel Herm, eine der sechs größeren Kanalinseln, gehört zu den schönsten Wanderwegen, die man auf diesen immer noch ein wenig als abseits gelegene Exoten geltenden Inseln zwischen der Südküste Englands und der Normandie machen kann. Jersey und Guernsey, Alderney, Sark, Herm und Jethou locken keine Besucherscharen an. Natur und Naturschutz werden auf ihnen so großgeschrieben, dass Wohnmobile und Caravans weder von den französischen noch von den englischen Fährhäfen auf die Inseln befördert werden.

Der Natur kommt natürlich der Golfstrom zugute, der als wundersame Zentralheizung die Inseln umspült und Jersey und Guernsey ein Klima beschert, das dem der Bermudas entspricht. Winter ist hier eine weitgehend unbekannte Erscheinung. Im Jänner bereits beginnt das Blühen in den Gärten der kleinen Städte und Dörfer, die sämtlich französische Namen haben, aber von englischsprachigen Insulanern bewohnt sind.

Es gibt zwar vor allem auf Jersey schöne Sandstrände, wie in der Bucht von Ouen, doch mit dem Baden ist das trotz des vom Golfstrom erwärmten Wassers so eine Sache. Oft genug sind gerade auf Jersey die Küsten felsige Klippen, gegen die die Flut im Gezeitenwechsel mit grausamer Geschwindigkeit und einem Wasserstandswechsel von bis zu 14 Metern Höhe aufläuft. Sie macht das Baden an manchen Stellen zu einem gefährlichen Unterfangen. Da fühlen sich Surfer wesentlich wohler.

Wandern ist da ungefährlicher. Es wird vor allem auf Guernsey großgeschrieben. Die mit rund 55.000 Einwohnern zweitgrößte Kanalinsel ist die Wanderinsel schlechthin. Vor allem ihre Wege am Wasser sind berühmt. Kristallklare kleine Bäche murmeln da irgendwo neben dem Pfad, von Blumen, Gras oder Büschen oft ganz verdeckt. Dann wieder führen die Pfade an kleinen Mauern vorbei, mit denen die Bauern ihre Viehweiden umgeben haben. Große Kuhaugen glotzen dem Wanderer entgegen, wenn er stehen bleibt und sich umschaut.

Landwirtschaft ist auf Jersey wie auf Guernsey nach dem Fremdenverkehr der zweitwichtigste Wirtschaftsfaktor. Zu den wichtigsten Erzeugnissen gehören auf Jersey vor allem Produkte der Milchviehwirtschaft und Wein (!), der recht wohlschmeckend ist, auf Guernsey Frühkartoffeln, Blumen, Erdbeeren und Tomaten.

Die felsigen Küsten der Inseln sind Heimstatt unzähliger Schalentiere. Kaum irgendwo anders in Europa werden so viele Hummer gefangen, gehandelt und in den Restaurants serviert wie auf den Kanalinseln. Keine Angst vor einem Restaurantbesuch! Was das Essen angeht, sind die Kanalinseln durch und durch französisch. Und das zu überraschend niedrigen Preisen.

Überhaupt sind die Kanalinseln, die im Gegensatz zum Mutterland Großbritannien nicht der Europäischen Union angehören, ein Niedrigpreisland. Dank besonderer Steuerverhältnisse gibt es weder Zölle noch Mehrwertsteuer. Benzin- und Mietwagenpreise gehören zu den niedrigsten in ganz Europa.

Auf Herm, Sark und Jethou gibt es keinen motorisierten Verkehr. Nur mit dem Pferdewagen, dem Fahrrad oder natürlich zu Fuß lassen sich die Eilande erkunden. Briefmarkensammlern sind die Kanalinseln seit langem ein Begriff, da sowohl Jersey als auch Guernsey selbstständige Mitglieder im Weltpostverein sind. Die Briefmarken sind längst begehrte Sammelobjekte.

In den größeren Städten wie St. Helier auf Jersey oder St. Peters auf Guernsey gleichen die Briefmarkenverkaufsstellen der Postämter noblen Managerbüros. Dann wieder gibt es die Idylle eines winzigen Post-Office im Greißler und die efeuumsponnenen kleinen Häuser der Inseldörfer.

Im zeitigen Frühjahr quellen die Blumen hier aus den Vorgärten - zu einer Zeit, da anderswo in Mitteleuropa noch Pläne für den Skiurlaub gemacht werden. "My home is my castle" gilt auch hier, nur dass an den Hauswänden "La Maison Blanche" oder "Bonne Nuit" steht. (Christoph Wendt/DER STANDARD/Printausgabe/04.02.2011)

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  • Ohne motorisierten Verkehr muss auf Pferdestärke zurückgegriffen werden. Etwa auf der Insel Herm oder aber auf der Insel Sark.
Informationen: visitbritain.org
    foto: visitbritain.com

    Ohne motorisierten Verkehr muss auf Pferdestärke zurückgegriffen werden. Etwa auf der Insel Herm oder aber auf der Insel Sark.

    Informationen: visitbritain.org

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