Demonstrieren und verhandeln

6. Februar 2011, 23:31
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Der Tahrir-Platz soll eine Art Rückversicherung für Fortschritte am Verhandlungstisch sein

Während am Sonntag der Alltag in Kairo wieder einkehrte, begann der politische Dialog zwischen dem ägyptischen Regime und der Opposition, die Muslimbrüder eingeschlossen.

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Hunderte Kinder toben auf den Spielplätzen und Fußballfeldern eines Kairoer Freizeitclubs. Die Verkäufer in den Imbissbuden werden dem Ansturm fast nicht Herr. Alle genießen nach Tagen der Enge in ihren Wohnungen die Luft. Am Sonntag begann nach einer Woche der Lähmung die neue Arbeitswoche. In vielen Gegenden der Stadt herrschte ein völlig normales Leben.

Banken und Wechselstuben öffneten ihre Tore wieder, und jene Geschäftsbesitzer, die ihre Waren aus Angst vor Plünderern verstaut hatten, räumten ihre Gestelle wieder ein. "Den Alltag aufrechterhalten, das ist auch ein Teil der Revolution" , sagt Hala, eine Entwicklungsexpertin auf dem Tahrir-Platz. Während die Gebete der Muslime auf dem Platz zum gewohnten Demonstrationsritual gehören, haben am Sonntag auch erstmals die koptischen Christen im Zentrum der Revolte gebetet, begleitet von Rufen wie "Wir sind ein Volk" . Damit wollten sie ihre Solidarität zum Ausdruck bringen und die Worte des koptischen Papstes Shenouda vergessen machen, der noch vor wenigen Tagen Präsident Hosni Mubarak seine volle Unterstützung zugesagt hatte.

Auch am Tag 13, dem Tag der Märtyrer, sind Zehntausende auf dem Tahrir-Platz. Die jungen Leute, die am 25. Jänner den Tag des Zorns über das Internet ausgerufen hatten, sind jetzt in der Minderheit. Die große Mehrheit sind bisher apolitische Bürger und Bürgerinnen, die genug davon haben, "wie Tiere am Gängelband zu leben" , wie Amira, eine Architekturprofessorin erklärt. Sie ist am Sonntag zum ersten Mal aus der "6. Oktober" -Vorstadt, wo es übrigens auch regelmäßig Proteste gibt, ins Stadtzentrum gefahren. In der Summe haben allein in Kairo in den 13 Tagen mehrere Millionen ihre Unterstützung für die Pro-Demokratie-Bewegung zum Ausdruck gebracht.

Und fast jeden Tag gibt es Erfolgserlebnisse für die Demonstranten. Das Regime bröckelt. Am Wochenende ist die gesamte Führungsspitze der Regierungspartei NDP zurückgetreten, darunter auch Präsidentensohn Gamal Mubarak. Neuer Generalsekretärin ist der Medizinprofessor Hossam Badrawi. Er hatte zu Beginn der Demonstrationen im Fernsehen erklärt, die Demonstranten würden Hochachtung verdienen und nicht Schlagstöcke und er hatte aus Protest das Parteibuch zurückgegeben.

Druck vom Tahrir-Platz

"Inzwischen hat sich eine Art Konsens über das weitere Vorgehen herausgebildet. Demonstrieren und Verhandeln heißt die Zauberformel. Der Tahrir-Platz soll eine Art Rückversicherung für Fortschritte am Verhandlungstisch sein.

Am Sonntag hat es erste Kontakte mit dem neuen starken Mann, Vizepräsident Omar Suleiman gegeben. Am Tisch saßen auch die Muslimbrüder, deren Organisation offiziell verboten ist. Außerdem nahmen Vertreter der liberalen Wafd, der linken Tagammu und der nationalen Nasseristen teil. Dazu kamen auch Repräsentanten der verschiedenen informellen Gruppierungen sowie Intellektuelle und Geschäftsleute.

Suleiman hat erneut die Forderung abgelehnt, die Befugnisse des Präsidenten zu übernehmen. Um die politische Führung der Demonstrationsbewegung ist ein Wettstreit ausgebrochen, den man als Realisten gegen Fundamentalisten bezeichnen könnte. Das Komitee der Weisen um den Vorsitzenden der Arabischen Liga, Amr Moussa, stimmt sofortigen Verhandlungen zu, während Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei auf dem Rücktritt von Mubarak als Vorbedingung beharrt. (Astrid Frefel aus Kairo /DER STANDARD, Printausgabe, 7.2.2011)

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    Ein ägyptischer Demonstrant schläft im Kettenfahrwerk eines Panzers: Es wird ruhiger in Kairo, es scheint in kleinen Schritten in Richtung Normalität zu gehen. Die Regierung sagte rasche Reformen zu, die Spitze der Regierungspartei wurde erneuert, der 1981 verhängte Ausnahmezustand soll enden.

  • Die Armee riegelt weiter den Tahrir-Platz in Kairo ab, wo auch am Sonntag wieder Zehntausende ausharrten.Foto: epa/Hollander

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