"Verdammt, wir wurden gerettet"

6. Februar 2011, 23:20
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Eine einzelne Frage während einer Pressekonferenz in Zentralasien, weit weg von Ankara, hat genügt, um den türkischen Ministerpräsidenten wieder für einige Zeit in Fahrt zu bringen. Tayyip Erdogan maßregelte diese Woche von Bischkek in Kirgistan aus sein Protektionsvolk auf Zypern. Dort, in der nur von Ankara anerkannten und weidlich subventionierten Türkischen Republik Nordzypern, waren am 28. Jänner an die 10.000 Demonstranten auf die Straße gegangen und hatten gegen Sparmaßnahmen ihrer eigenen Regierung protestiert. Auf den Transparenten, die geschwungen wurden, konnte man aber auch Slogans lesen wie "Ankara, nimm die Hand von unserem Kragen", "Wir wollen nicht euer Geld" oder "Verdammt, wir wurden gerettet" als Hinweis auf die Invasion der türkischen Armee 1974. Das fand der türkische Regierungschef überhaupt nicht lustig:

"Sie sagen zu uns: 'Haut ab.' Die Regierung zeigt sich gleichgültig. Die Regierung aber, vom Präsidenten zum Premierminister, sollte ihre Haltung klar und deutlich ausdrücken. Sie haben kein Recht, solche Aktivitäten gegen die Türkei zu unternehmen. Ihr am niedrigsten bezahlter Angestellter bekommt ungefähr 10.000 Lira. Mein Berater im Premierministeramt bekommt ein bisschen über 5000 Lira. Dieser Herr aber verdient 10.000 Lira und macht diese Demonstration ohne jede Scham. Dazu steckt er noch jedes Jahr ein 13. Gehalt ein. Und dann sagt er 'Raus mit der Türkei, geht weg'. Wer bist du, damit du sagen kannst, 'Nehmt eure Hände weg'? Ich habe Märtyrer, ich habe Kriegsveteranen, ich habe strategische Interessen. Was immer Griechenland auf Zypern tun mag, die Türkei tut dasselbe, strategisch gesehen."

Die 10.000-Lira-Schelte dürfte dabei nicht ganz berechtigt sein. Die Tageszeitung Habertürk zum Beispiel recherchierte nach und listete die Monatsgehälter für Beamte auf Nordzypern auf (für Euro immer durch zwei teilen und die Berufsfunktionen mit "..." denken, weil die Republik politisch korrekt ja nun nicht existiert):

Regierungsbeamter (10 Jahre und mehr): 2.000 - 3.500 TL (Türkische Lira)
Direktor im Ministerium: 5.000 TL
Staatssekretär: 6.000 TL
Abgeordneter: 7.500 TL
Regierungschef: 7.500 TL
Staatspräsident: 8.000 TL

Der 7.500-TL-Regierungschef Irsen Kucuk hat bereits um ein Gespräch mit Erdogan angesucht, doch der türkische Premier rief diesen Sonntag gleich beim Präsidenten an (8.000-TL-Eroglu), um Dampf abzulassen. Denn Erdogans zornige Worte haben nur neue Kundgebungen für und gegen die Türkei auf dem Nordteil der Insel nach sich gezogen. Für Montag haben etwa die Gewerkschaften schon eine Protestaktion vor der türkischen Botschaft in Lefkoşa angekündigt. Gestreikt wird dazu noch die ganze nächste Woche hier und da im öffentlichen Dienst wegen der Sparmaßnahmen.

Die haben eigentlich nichts mit der Regierung in Ankara zu tun, dann aber doch. Die Türkei subventioniert den zypriotischen Inselnorden mit stattlichen Summen; für 2009 wurden zum Beispiel in türkischen Medien 667 Millionen Dollar genannt. Dem türkischen Steuerzahler und Wähler mag das nicht immer einleuchten. Deshalb sollte der nordzypriotische Präsident Derviş Eroglu zumindest etwas Sparwillen demonstrieren.

Die Ankara-kritischen oder anti-türkischen Parolen sind dabei nur die Sache einer kleinen Minderheit, wie Politiker auf Regierungs- und Oppositionsseite erklärten. Die "Yasemin-Bewegung" um die Tageszeitung Afrika oder die Vereinigte Zypern-Partei BKP von Abdullah Korkmazhan vertreten etwa diese Positionen. "Wenn Erdogan mit diesen Erklärungen weitermacht, wird er in Lefkoşa Demonstrationen wie in Kairo sehen", behauptete Kokmazhan nun. Das ist dann doch ein wenig übertrieben, aber das Problem des Bevölkerungswandels im Nordteil durch den massiven Zuzug von Türken und deren führende Rolle in der Wirtschaft sind ein Faktum. "Wir können sagen, dass die Türkei die türkisch-zypriotische Bevölkerung übernommen hat", stellt Şener Levent, der Herausgeber von Afrika, fest. Von den "600.000 plus" Einwohner auf Nordzypern, die Regierungschef Kucuk vage bezifferte, sind laut letztem Zensus nur 150.000 türkische Zyprioten.

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