Boliviens Präsident will mehr Überzeugungsarbeit für Klima-Fortschritte sehen - Auch Unruhen in arabischen Staaten Thema
Dakar - Vor Zehntausenden Globalisierungskritikern aus der
ganzen Welt hat der bolivianische Präsident Evo Morales am Sonntag in Dakar das
Weltsozialforum (WSF) eröffnet. Er rief zum gemeinsamen Widerstand gegen den
Neoliberalismus auf. Nur so sei eine andere Welt möglich. "Wenn sich die
Zivilgesellschaft auf allen Kontinenten organisiert, ist sie fähig, die Welt zu
verändern", rief Morales auf dem Campus der Universität Cheikh Anta Diop der
jubelnden Menge zu.
Rund 45.000 Menschen waren vom Stadtzentrum auf den Campus geströmt, wie
Taoufik Ben Abdallah, Koordinator des Afrikaforums und Mitorganisator des
Weltsozialforums, der Schweizerischen Depeschenagentur (SDA) sagte.
"Grundversorgung darf nicht in privaten Händen
liegen"
Der Schlüssel zu einer gerechteren Welt sei die Abschaffung des Kapitalismus,
des Neoliberalismus, des Kolonialismus und der Hierarchien, sagte Morales. Als
Beispiel nannte er sein eigenes Land: Dank der Entprivatisierung des Wassers,
Stroms oder der Telekommunikation sei die Wirtschaft in Bolivien in Schwung
gekommen. "Die Grundversorgung der Menschen darf nicht in privaten Händen
liegen", sagte der ehemalige Gewerkschafter.
Evo Morales zeigte sich überzeugt von der politischen Sprengkraft des
Weltsozialforums (WSF). Er denke dabei nicht nur an soziale, sondern auch an
Umweltprobleme. "Es gibt keinen besseren Ort als das WSF, um Lösungen des
Klimaproblems aufzuzeigen", sagte der Südamerikaner. Davon könne auch der
nächste Klimagipfel in Durban profitieren. "Geht nach dem WSF nach Hause und
überzeugt eure Präsidenten und Politiker, dass am nächsten Klimagipfel eine
Lösung gefunden werden muss", rief er die Menge auf.
Die Aufmerksamkeit des Treffens von Globalisierungskritikern aus aller Welt
richtet sich heuer vor allem auf die Volksaufstände in der arabischen Welt, die
als Zeichen für die Krise des Kapitalismus gesehen werden. "Lasst uns aufhören,
mit Mitleid auf den Maghreb und auf Afrika zu schauen", sagte die Vorsitzende
der französischen Sozialistischen Partei, Martine Aubry, die an dem
Protestmarsch teilnahm. Die Aufstände zeigten, dass die Menschen ihr Schicksal
selbst in die Hand nehmen könnten.
Der Protestzug hatte zunächst mit etwa 10.000 Teilnehmern begonnen, eher er
anwuchs. Zu den Teilnehmern zählten auch zahlreiche Vertreter arabischer Länder.
Sie forderten das Ende autoritärer und diktatorischer Regierungen. "Ich gehöre
zu denen, die den Rücktritt von Husni Mubarak fordern, damit das Blut, das bei
den friedlichen Protesten der vergangenen Tage vergossen wurde, nicht umsonst
war", sagte eine Ägypterin mit Blick auf den ägyptischen Staatspräsidenten.
"Druck von der Straße ist es, was zu Ergebnissen führt", sagte ein
marokkanischer Gewerkschafter.
Die Teilnehmer des sechstägigen Treffens wollen in Dakar über Alternativen
zum herrschenden Weltwirtschaftssystem beraten und sich für eine gerechtere
Verteilung der Ressourcen der Erde einsetzen. Erwartet wurden bis zu 50.000
Teilnehmer, unter ihnen linksgerichtete Staatschefs wie Morales oder Hugo Chavez
aus Venezuela sowie der frühere brasilianische Präsident Luiz Inacio Lula da
Silva. Das Forum wurde 2001 als Gegengewicht zum Weltwirtschaftsforum in Davos
ins Leben gerufen. Nach Nairobi 2007 wird die Veranstaltung nun zum zweiten Mal
auf dem afrikanischen Kontinent abgehalten.
Auch das Gastgeberland Senegal kämpft angesichts schwerer sozialer und
wirtschaftlicher Probleme mit zunehmender Unzufriedenheit in der Bevölkerung.
"Afrika ist ein Beispiel für die größten Fehler von drei Jahrzehnten
neoliberaler Politik", hieß es von den Veranstaltern. "Als Reaktion schließen
sich soziale Bewegungen und Bürger der Welt den Afrikanern an, die nicht den
Preis für die aktuellen Krisen zahlen wollen, für die sie keine Verantwortung
tragen." In Dakar werde mehr als auf früheren Weltsozialforen der Wunsch nach
gesellschaftlichen Alternativen auf der Tagesordnung stehen, erklärte der
Vertreter vom Anti-Globalisierungsnetzwerk Attac bei dem Forum, Hugo Braun. (APA/sda)