Sicherheit

"A g'sunde Brezn macht Dich schneller"

Philip Bauer, 6. Februar 2011, 22:07

Aber es gab zuletzt auch viele ungesunde. Nicola Werdenigg ist nicht nur Teil einer Skidynastie, die Ex-Rennläuferin macht sich im Gespräch mit derStandard.at auch Gedanken über die Sicherheit der Sportler und hat konkrete Vorschläge

Wien - Mit Startnummer 1 schwang Nicola Spieß in Schruns nach wenigen Fahrtsekunden ab. Marie-Theres Nadig und die ebenfalls sehr erfolgreiche US-Läuferin Cindy Nelson gingen anschließend auf die Piste, sahen Spieß und blieben ebenso am Streckenrand stehen. Der Abbruch auf der Kapellabfahrt war die logische Folge. "Ich war 16 Jahre alt und wurde in der Luft zerrissen", erinnert sich Spieß, die längst Werdenigg heißt, an ihre Zeiten im alpinen Ski-Weltcup. Eine Österreicherin hatte ein heimisches Rennen auf dem Gewissen, so wurde der Abbruch interpretiert, dabei "sah man vor lauter Nebel die Skispitzen nicht mehr". Es sollte nicht der letzte Disput mit dem Verband bleiben, 1979 wurde Werdenigg aufgrund ihrer Teilnahme an den Akademischen Meisterschaften für drei Monate vom ÖSV gesperrt. Als der Verband dann auch noch einen Wechsel zu einer anderen Nation untersagte, beendete sie mit 21 Jahren schließlich ihre Karriere.

Mit dem dritten Platz im Abfahrtsweltcup 1975/76 und dem vierten Platz in der Olympia-Abfahrt 1976 ist Werdenigg nicht die erfolgreichste Athletin der Familie. Bruder Uli übersprang nicht nur als erster Abfahrer den zweiten und dritten Kamelbuckel in Gröden, er gewann auch zwei Weltcuprennen. Und Mutter Erika Mahringer, Österreichs Sportlerin des Jahres 1951, steht mit zwei Olympia- und vier WM-Medaillen ohnehin über den Dingen. Als Teil einer solchen Skidynastie macht man sich zwangsläufig Gedanken über den Sport, gerade wenn es wie zuletzt zu einer Serie von Unfällen kommt. Der ehemalige Abfahrtsweltmeister Hannes Trinkl ist "nach einem Sturz wie jenem von Hans Grugger tagelang wie gelähmt", ähnlich geht es Werdenigg. "Man bleibt Rennläuferin, ich denke immer an die Sportler", sagt die 52-Jährige und kommt sofort auf mögliche Verbesserungen in Sachen Sicherheit zu sprechen.

Anzüge und Trainingsmöglichkeiten

"Es ist weniger komplex als manche Experten behaupten", stellt Werdenigg im Gespräch mit derStandard.at fest und verweist auf die Luftdurchlässigkeit der Anzüge. Normalerweise kann der Läufer mit einer leicht geöffneten Körperhaltung einen Bremseffekt erzielen, mit den neuesten Anzügen "pfeift der Läufer hingegen mit dem selben Speed weiter." Dabei sei gar nicht die erzielte Höchstgeschwindigkeit das Problem, sondern das verschärfte Tempo in den Kurven. Schon in den siebziger Jahren wurde in puncto Rennanzug experimentiert, richtig gruselig sei es mitunter gewesen. Nach einem Trainingssturz hatte einst ihr Anzug geraucht, Overall und Unterwäsche waren stellenweise verbrannt. Der Stoff wurde verboten, das war auch besser so, denn "freiwillig hätte niemand den Anzug und damit einen Vorteil aufgegeben."

Wird Werdenigg auf die diesjährige Abfahrt von Kitzbühel angesprochen, wird es emotional. Schlichtweg fahrlässig sei es gewesen, nur ein Training auf der modifizierten Streif durchzuführen: "Dadurch wurden die Läufer gezwungen, sofort an ihr Limit zu gehen, um im Rennen nicht überrascht zu werden." Ob Grugger aus diesem Grund zu Sturz kam? Auf solch Gedankenspiele will sich Werdenigg nicht einlassen, mehrere Läufe würden dem Sportler aber ein schrittweises Erreichen der Grenzen ermöglichen. Wenngleich man selbst unter den besten Voraussetzungen nicht vergessen darf: "Eine Geschwindigkeitssportart unter dem Aspekt der völligen Sturzvermeidung ist absolut undenkbar." Um es noch deutlicher zu formulieren: "Wenn Du als Rennläufer das Risiko eines Sturzes nicht eingehst, bist Du Letzter." Oder auf die ganz harte Tour: "A g'sunde Brezn macht Dich schneller".

Keine Schuldzuweisungen

Gerade ihr Wissen um das Restrisiko lässt Werdenigg keine Schuldzuweisungen formulieren, man müsse nicht nach jedem Unfall "krampfhaft einen Schuldigen suchen". Auch wenn es Möglichkeiten zur Verbesserung gäbe, hätte die FIS in den letzten Jahren viel zur Absicherung der Strecken unternommen: "Sofern man heute gesund in den Zaun fliegt, wird man sich auch dort nicht verletzen." Wichtiger als die Suche nach einem Schuldigen sei ohnehin das Erforschen der Ursachen. Das "FIS Injury Surveillance System" in Kooperation mit dem Oslo Sports Trauma Research Center wurde 2006 gegründet und sei in dieser Hinsicht richtungsweisend. Auch an der Uni Salzburg werden neuerdings die Risikofaktoren im alpinen Skizirkus evaluiert. Dabei wird neben der Ausrüstung, der Fitness und dem Schnee auch die Kurssetzung thematisiert, in dieser Frage vertritt Werdenigg einen klaren Standpunkt: "Mehr Kurven machen eine Abfahrt nur noch gefährlicher."

Die italienische Firma Dainese, ein Ausrüster für Motorradschutzbekleidung, arbeitet derzeit an einem Airbag-System. Haken an der Sache: derzeit müsste der Sportler das System selbst auslösen. "Es ist wichtig in dieser Richtung nachzudenken, die schrägsten Gedanken bringen oft die tollsten Lösungen", meint Werdenigg, der Läufer hätte allerdings kaum die Möglichkeit den Mechanismus zu bedienen, denn "bei einem Sturz mit hoher Geschwindigkeit schaltet man in einen anderen Bewusstseinszustand. Man versucht nur noch sich zu retten." Ähnlich argumentierte bereits Matthias Berthold. "Der Läufer hat im Ernstfall einfach nicht genügend Zeit", sprach der Cheftrainer der ÖSV-Herren.

Mitspracherecht

Weit schneller könnte man hingegen beim Mitspracherecht der Sportler reagieren. "Wenn der beste Skifahrer der Welt seine Meinung nur unter Androhung einer Geldstrafe sagen kann, ist das bedenklich", spricht Werdenigg die Vorfälle von Kitzbühel an. Ivica Kostelic hatte nach Gruggers Sturz eine Entschärfung der Mausefalle angedacht und wurde vom internationalen Skiverband zurechtgewiesen. Kilian Albrecht wiederum hätte als Vorsitzender der Athletenkommission zwar gute Ideen, die Institution sei aber weitgehend zahnlos. Die großen Verbände hätten ihre Athleten zu unmündigen Sportlern geformt, kein Vergleich mehr zu Querdenkern à la Erwin StrickerWerner Grissmann, David Zwilling oder Bernhard Russi. Werdenigg wünscht sich mehr Eigenverantwortung der Fahrer. Dann könnte zur Not auch jemand abschwingen. (Philip Bauer; derStandard.at; 6. Februar 2010)

Kommentar posten
18 Postings
derjungeroemer
00
skiwelt tenniswelt

das weckt versteckte erinnerungen!
danke fürs cover!

--
interessant auch, dass sie drei monate gesperrt war.
und die nation wechseln wollte.
das hätt mich näher interessiert.
der ösv und auch die FIS kannten damals wirklich kein pardon.

der erste, dem quasi ein privattraining genehmigt wurde, war glaub ich günther mader (bekam auch sichere abfahrtsstartplätze)

und ein h.maier hat dann vieles im ösv verändert, was einzeltraining und auch sponsoren betrifft.

derjungeroemer
00
verpflichtend zwei trainings?

wäre ok, hatten wir auch schon.
dann hat man entschieden, die läufer sind stark genug, es reicht einer und eine besichtigung (die kann man wenn man will verpassen), und man muss dadurch weniger rennen absagen.

zwei trainings bei ALLEN abfahrten oder nur bei gewissen?
was tun, wenn bis donnerstag kein training möglich ist?
zwei trainings am freitag?
oder ein pseudo-lauf am samstag vorm rennen?

was ist, wenn einer sagt, mir reicht EIN lauf, MUSS er zweimal antreten?
werden durch einen tag mehr die kombinierer eher angelockt oder eher abgeschreckt?

der hund liegt wie so oft im detail.

>t<
00
lasst den tarantino mal ran

dann ist der alpine schilauf auf jeden fall spannender

Van the Man
00
blöd sind eher die ung'sunden Brezn!

pumuckl
10
Grissmann

... ist damit dieses Vorbild gemeint, das mit einem Q7 im Sommer eine Schiabfahrt während eines Volkswandertages runtergefahren ist und damit die Wanderer zu mehr Bewegung in Form von seitlichen Abrollsprüngen animiert hat und das anschließend sicherheitshalber mehrerer Stunden unauffindbar war?

1116er
30
den alpinen skilauf in heutiger form

wird es in ein paar jahren eh nicht mehr geben.

der zuseher will mehr action: da gibt es in der üblichen form kaum noch steigerungsmöglichkeiten.

der trend wird mE in richtung ski-cross gehen: künstliche, kleinere sprünge, wellen, steilkurven.

das natürlich bei deutlich reduzierter geschwindigkeit.

leo_nardo
00
warum

sollte es das nicht mehr geben ?

ginge es nur um die action, hätte der golfsport noch schlechtere karten.

pumuckl
02

Ski-Cross ist zum Einschlafen im Vergleich zu einer Abfahrt. Schaut im Fernseher extrem langsam aus. Ich erinnere mich an die letzte Olympiade, wo eine Österreichern im Finale nicht über den ersten Hügel gekommen ist, weil zu langsam.

Dr.Check-iLL
00

äähmm, ski-cross gibts doch schon oder?

1116er
10
eine reduktion der geschwindigkeiten,

die man als tv-zuschauer ohne entsprechendes insert ohnehin nicht mitbekommt,
wäre, wie fr. werdenigg meint, zum einen durch 'normale' bekleidung anstelle dieses hauchdünnen plastikbezugs möglich.

weiters durch die verwendung von auch im handel erhältlichen skiern anstelle der sauteuren spezialanfertigungen.

derjungeroemer
01
irgendwelche

zwillinge oder grissmänner anzuführen als vorbild für die heutige fahrergeneration, die wären ja solche querdenker gewesen, und die heutigen lamperln alle soo unmündig, zeugt von einer sehr undifferenzierten verklärung der vergangenheit!

nur EIN bsp:
früher zählten von vielleicht elf abfahrten die besten fünf, der rest waren unbedeutende streichresultate.
da kann ich es mir schon leichter leisten, auch mal ein rennen auszulassen....

Gary Grantscherbn
22

kein Ski-Großereignis in den letzten Jahren ohne Nicola Werdenigg-Spieß....so wichtig war die wieder auch nicht für den österr. Skisport...

ü-strichal
00
" ... man müsse nicht nach jedem Unfall krampfhaft einen Schuldigen suchen"

ich würde mir mehr menschen mit dieser einstellung wünschen ...

denn das große problem heutzutage ist, dass für den großteil der menschen eigenverantwortung zu einem fremdwort geworden ist.

wenn wer wegen mangelndem können beim schifahren "eine brezen reist" und sich verletzt, sind prinzipell immer die anderen schuld .. dann wird garantiert der liftbetreiber wegen schlechter präparierung verklagt oder sonst was, aber die schuld bei sich selbst, sucht heute kaum mehr einer

derjungeroemer
00
nichts anderes ist doch beim grugger herausgekommen

weder die veranstalter noch die FIS noch die trainer sind schuld.
und der grugger steht sicher zu seiner eigenverantwortung.
trotzdem muss eine sicherheitsdiskussion in jede richtung jederzeit zulässig sein.
und selbstverständlich eine untersuchung, ob nicht doch jemand schuld ist.

Gary Grantscherbn
20

wir leben im Zeitalter der Vollversicherung. Risikoloses Leben wird gewünscht!

ü-strichal
00

naja ...

sawi48
00
Bin verwirrt:

Und wer war dann Toni Spieß ?

Philip Bauer
00

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