"Wir Hungrigen haben eure Demokratie satt"

6. Februar 2011, 17:55

Zigtausende forderten am Samstag in Belgrad Neuwahlen und protestierten gegen die Arbeitslosigkeit - Reportage

Es war seltsam still in Belgrad, als am Samstagmorgen Zigtausende zum serbischen Parlament im Zentrum der Stadt zogen. Keine Trillerpfeifen, keine Protestlieder, keine Buhrufe, sondern eine schweigsame, finstere Menschenmasse in billigen Winterjacken und billigen Schuhen. Sie folgten dem Aufruf der oppositionellen "Serbischen Fortschrittspartei" (SNS), an einem Protest der Unzufriedenen und Verarmten gegen die "volksentfremdete" Regierung teilzunehmen. Laut Polizei kamen rund 55.000 Menschen, die Organisatoren sprachen von 85.000 Demonstranten. Mit Sicherheit war es die größte politische Kundgebung seit der Wende vor einem Jahrzehnt.

Vor dem Parlament wurde es lebendiger, als der Vizepräsident der SNS, Aleksandar Vucić, zum Mikrofon griff: "Jede Stunde verschuldet sich Serbien um weitere 750 Euro, jede Stunde werden 44 Menschen gefeuert", brüllte er. Man applaudierte, man schrie, dass es genug sei. Auf Transparenten stand: "Wir Hungrigen haben eure Demokratie satt" , oder "Ihr Parasiten, habt ihr endlich genug?" Vucić sprach von über 700.000 Arbeitslosen, von über zwei Millionen Menschen, die an oder unter der Armutsgrenze leben, von nicht eingehaltenen Versprechen der Regierung. Er erinnerte an die aktuellen Streiks der Lehrer und der Polizisten, sowie an die Ärzte, die einen Streik ankündigen.

Richtig Schwung kam aber erst in die Veranstaltung, als SNS-Chef Tomislav Nikolić das Wort ergriff. Der Volkstribun tritt gegen eine Regierung der "Yuppies in Tausend-Euro-Anzügen" auf, die "blind für die Leiden des Volkes" seien. "Wir werden gemeinsam Neuwahlen erkämpfen", sagte Nikolić. Der Regierung gibt er eine Frist von zwei Monaten. Danach werde er sich vor das Parlament setzen, seine Anhänger auffordern, sich ihm anzuschließen und dort ausharren, bis diese "korrumpierte, kriminelle" Regierung, die das Land ausverkauft, Neuwahlen ausschreibt. Im Vorjahr sammelte die SNS bereits über eine Million Unterschriften für Neuwahlen.

Nikolić warnte die Regierung davor, die Serbische Telekom zu verkaufen, "nur um die leere Staatskasse zu füllen" und sich so an der Macht zu halten, er warnte aber auch interessierte Käufer, unter ihnen die Österreichische Telekom, sich gut zu merken, dass die SNS gegen den Deal sei. Auf die Bühne kamen Vertreter von links bis rechts, eine ideologische Mischung, die an die Opposition vor einem Jahrzehnt erinnerte, die das Regime von Slobodan Milošević zu Fall brachte.

Während der Kundgebung wurden der Kosovo, das Serbentum oder der "Nationalstolz" mit keinem Wort erwähnt. Dagegen wurde die EU als Partner Serbiens angesprochen. Nikolić ist bemüht, sich als ein dem Westen freundlich gesinnter Politiker zu präsentieren. Auch die Parteiikonografie der SNS hat sich geändert: keine Fotos von Ratko Mladić oder Radovan Karadžić, dafür aber Slogans wie "Wake up!" oder "Game over, Tadić", an Präsident Boris Tadić gerichtet.

Ehemalige Radikale

Der Schönheitsfehler: Die SNS hat sich von der "Serbischen Radikalen Partei" (SRS) abgespalten, die für die Kriegshetze in den 90er-Jahren berüchtigt war. Nikolić war bis vor einem Jahr Vize von SRS-Chef Vojislav Šešelj, dem in Den Haag der Prozess wegen Kriegsverbrechen gemacht wird.

Jelena Trivan, Vizepräsidentin der Demokratischen Partei von Tadić, schließt Neuwahlen aus. Sie schätze sich jedoch glücklich, "in einem demokratischen Land zu leben, in dem Proteste der Opposition legitim" seien. Von ihren dicken Silikonlippen kommend, muss das für verarmte Demonstranten ziemlich zynisch klingen. (Andrej Ivanji aus Belgrad /DER STANDARD, Printausgabe, 7.2.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 420
1 2 3 4 5 6 7 8 9
kroate061
21
17.2.2011, 08:40
Gratulation an Dodik und seine Republik

wie ich lese bekommt die RS ihr eigenen internationalen Hauspost code. mit kosovo fings auch so an, ist ein gutes zeichen für secession.nur geduld liebe serben bald habt ihr es geschafft.

Kaineanung
 
11
17.2.2011, 17:21

Sie meinen das doch wohl nicht ernsthaft?
Dann kann man ja heutzutage tatsächlich durch Kriege mitten in Europa Gebiete erobern und sich einverleiben. Bosnien ist ein Staat, schon sehr lange Zeit und sollte als solcher bleiben. Es wäre eine Einverleibung neuer Territorien, es wäre ein Präzedensfall in Geschichte des Modernen Europas. Nein, das wird so sicherlich nicht geschehen und wäre den Kroaten und den Bosniaken gegenüber unfair und ein neuer Konflikt würde sich anbahnen.

kroate061
00
17.2.2011, 22:13
>Sie meinen das doch wohl nicht ernsthaft? <

doch,mein voller ernst.
alle grenzen und staaten wurden durch kriege festgelegt.sagen sie mir einen staat in europa sagen der auf friedlicher weise entstanden ist??

quo_vadis_austria
00
29.5.2011, 23:46

ich sage ihnen ein dutzend wenn sie wollen:

tschechien, slowakei, sowie alle ehemaligen republiken der sowjetunion sind ohne kriegerische konflikte zu souveraenden staaten geworden!

Vollmeise
 
10
14.2.2011, 22:58
Standardtreffen Nummer 7

(oder 8, bin mir nicht mehr so sicher ;)

Zuerstmal ein Sevdah: http://tinyurl.com/6e9ktxa ;)
Oder auch eine der schönsten Sevdalinka überhaupt "kad ja podjoh..": http://tinyurl.com/4qo2cc8

So, bei unseren Treffen wird zwar ganz andere Musik gespielt, aber das war nur so zur Einstimmung! Also, wir planen uns mal wieder zu treffen, die mai wird leider nicht dabei sein, aber im März oder April kommt sie nach Wien (sie hat zwar den standard verlassen, aber uns nicht :), und es geht entweder um den 25.02. (Freitag) oder 26.02. (Samstag).

Wenn sich jemand uns anschließen möchte, bitte in den nächsten paar Tagen Bescheid sagen, ob Fr oder Sa besser wäre, wir freuen uns immer über Neuzugänge. ;)

chilly76
 
34
13.2.2011, 11:13
die menschen in europa sind unzufrieden... unabhängig von rasse und politischer einstellung

nur in serbien trauen sich die menschen wie auch wie auch in den frankophonen teil eurpas auf die strasse im gegensatz zum deutschprachigen raum oder den ostblockstaaten europas wo die menschen unzufrieden leiden und schweigen....napoloeon hatte recht

kroate061
01
14.2.2011, 20:03
>die menschen in europa sind unzufrieden<

nö,bestimmt nicht.vielleicht einzelne länder,der großteil ist zufrieden.natürlich jammert man auf einem hochen niveau . also ich bin zufrieden könnte nicht besser laufen.

kroate061
21
12.2.2011, 20:26
Nur zu Info

Das Thema ist die Demo in Belgrad.
Wenn ihr euch noch weiter darein steigert schafft ihr es bestimmt noch bis zur Amselfeldschlacht.)))

Mr Demi
22
12.2.2011, 13:15
Nette Botschaft

mehr als Eindeutig, Serbien sollte keine Kriminelle Strukturen im Kosovo unterhalten damit sie quasi nicht aufgeben, sollen lieber das Geld für die Menschen die es nötiger haben, ausgeben und alle wären zufriedener.

Toni Mayr
00
17.2.2011, 13:18

Ich dachte die kriminellen Strukturen in Serbien haben sich 2008 von Serbien abgespaltet?

Mr Demi
10
17.2.2011, 18:20
ja, und du kannst nichts dagegen machen.

mfg

-..-
13
12.2.2011, 15:18
Genau, Serbien sollte sich Albanien und Kosovo als Beispiel nehmen.

Trotz dortigen "kriminellen Strukturen" sind nämlich alle Leute "zufrieden" obwohl sie es vielmehr "nötiger" haben als die in Serbien.

Mr Demi
00
13.2.2011, 17:12

kein Balkanland kann man als Beispiel nehmen (nein auch Serbien nicht) aber der Vergleich ist einfach Failed. und was Kriminalität angeht, ich erwähne nur den größten "Investoren" Serbiens, Saric.

MFG

-..-
11
13.2.2011, 21:55
Serbien ist wenigstens bemüht solche Leute wie Saric hinter Gittern zu bringen während Kosovo und Albanien von Saric’s „Berufskollegen“ regiert werden!

Jeder der dagegen was wagt wird gleich zum Verräter und Staatsfeind. Den Rest erledigt der Kanun. So was ähnliches kennt man in Serbien auch, ist Gott sei dank seit 10 Jahren Geschichte. Vergleich genug?
MfG

Mr Demi
10
14.2.2011, 17:58
tja....

ein ungarischer Spruch besagt "Die Eule sagt dem Specht, du hast einen großen Kopf"

Die einen Betreiben Kanun und die Anderen Völkermord, Willkommen in der Realität mein Junge.

-..-
01
14.2.2011, 19:43
O nein, ist nicht ganz so, ist es so schwer zu verstehen?

Kanun= Realität
Bürgerkrieg, Vertreibung, usw.= Geschichte
Und welchen ''Völkermord ''meinen Sie mein alter? An den Serben, Albanern oder an den anderen?

Macinorgo
94
11.2.2011, 16:20

Wieder einmal tummeln sich viele Phantasten hier im Forum. Anstatt sich Gedanken über die eigene Vergangenheit zu machen und die daraus erfolgten Konsequenzen zu machen beschwört man lieber die deutsch vatikanische Weltverschwörung herauf, die nur die Vernichtung des Serbentums/Jugoslawentums im Sinn hat. Verlorene Kriege, Kosovo, Wirtschaft, alles im Dienste der finsteren Mächte die Serbien bedrohen. Aber nicht ohne plötzlich Zusammenhalt und Solidarität der ehemaligen Kriegsgegner, die man vor gar nicht so langer Zeit selber zu versklaven trachtete, zu fordern. Eine serbische Umarmung ist schlimmer als jeder Würgegriff.

DALMATINAC
14
12.2.2011, 15:35
apropos würgegriff:

gibt es einen unterschied zwischen einer umarmung früher aus belgrad oder jetzt aus zagreb ?

Sindjelic
01
13.2.2011, 12:56
Dalmatinac...

klar gibt es den, der aus Belgrad war herzlicher und brachte euch jeden Sommer volle Restaurants,Hotels und Pensionen!!!
Der aus Zagreb bringt euch nur Steuern,bald auch für´s Atmen...und viele Touris,die ihre Nah-und Großverpflegung bereits im Kofferaum mitgebracht haben, teilweise sogar eingefrorenes Brot!!
Wie sagte mir letztes Jahr ein Einheimischer der Makarska Rivijera,laß die Serben sein wie sie wollen,aber wenn die früher hier waren haben sie alles bis auf den letzten Dinar bei uns ausgegeben und ich mußte in der Saison drei bis vier Köche haben...jetzt gibt es Tage,wo ich einen Koch nicht beschäftigen kann!!

Kaineanung
 
00
17.2.2011, 17:31

Natürlich mussten die Dalmatiner keine Steuern zahlen an Belgrad damals in der guten alten Zeit unter Belgrads 'Führung'. Sie mussten nicht alles an Belgrad abtreten damit Belgrad (schwache Industrie, nahezu kein Tourismus und keine sonstigen Geldquellen) sich aber als modernste und tollste und beste Stadt Jugoslawiens zu präsentieren. Nein, das ganze Geld kam sicher nur aus Montenegro und Nis und dem Hinterland Serbiens.
Was Steuern angeht ist Dalamtien gleichberechtigt mit allen anderen. Damals wie heute. Nur das heute die Stadtbilder aber auch die komplette Infrastruktur drumherum sich langsam aus dem Würgegriff von 'damals' erholen und das die Touristenregion modernisiert und ausgebaut wird anstatt die Hauptstadt. Was auch richtig ist.

Toni Mayr
00
17.2.2011, 22:48

Ned bös sein, aber wollen Sie wirklich Dalmatien mit Slowenien vergleichen? Grenzt ein bisschen an Größenwahn, oder? Slowenien war und ist Wirtschaftlich stark. Kroatien? Dalmatien?
Vielleicht gibts in Kroatien irgendwo wirtschaftlich starke Regionen, Dalmatien gehört mit Sicherheit nicht dazu. Vielleicht wenige (Grundbesitzer) sind dort reich, der Staat hat nichts davon. (Schattenwirtschaft) Wenn die Steuerleistung den Wirtschaftlichen Leistungen entspricht, dann dürfen sich die Dalmatier stolz zeigen, fürs eigene Land was zu tun!

Das wäre genauso als würde Kärnten oder Tirol mit Wien in den Wettstreit treten wollen. Lächerlich, wie?

kroate061
20
13.2.2011, 20:51
hilfe die dosen-serben kommen

einen berg von konservendosen habt ihr uns jedes jahr hinterlassen der entsorgt werden mußte.soviel zu vollen restaurants und hotels und eurer herzlichkeit.

Vollmeise
 
01
14.2.2011, 18:11

<<habt ihr uns jedes jahr hinterlassen>>

Soso. Und wie viele Dosen haben Sie denn "Ihren" Kroaten hinterlassen, als Sie letztes Jahr in Dalmatien Ihren Urlaub verbrachten? Ich erinnere mich sehr lebendig an Ihre Postings, Fotos und Videos (sie waren wirklich schön :) und wie froh Sie waren, raus aus Deutschland zu fahren.

Sindjelic
12
13.2.2011, 22:32
Hi 061...

ich glaube du verwechselst da was...ist nicht schlimm,ist auch schon lange her,daß Serben an Kroatiens Stränden massenweise Urlaub gemacht haben....die Dosen und Konserven hinterlassen euch seit Jahren eure neuen Urlauber aus Polen und Tschechien evtl. auch aus der Slovakei. Nicht zu vergessen unsere moslemischen Freunde aus der Föderation in ihren Urlaubscamps...und ganz entscheidend,wenn ein Serbe eine Dose hinterlassen hätte,wäre die aber in Kroatien gekauft und nicht aus Pilsen mitgebracht worden. Danke und Grüße

Macinorgo
20
12.2.2011, 18:02

Wenn Sie den nicht kennen, dann kann ich Ihnen auch nicht weiterhelfen. Nur die föderalistischen Bestrebungen in Kroatien sind hier nicht das Thema.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 420
1 2 3 4 5 6 7 8 9

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.