Muslimbrüder hätten die Revolution fast verschlafen

6. Februar 2011, 17:51
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Bruderschaft fand erst nach ein paar Tagen zu einer Stimme

Etwas verschnarcht, aber nicht zu ignorieren: Die verbotenen Muslimbrüder wurden nun vom ägyptischen Regime als Gesprächspartner für die Erstellung einer Übergangslösung akzeptiert.

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Kairo/Wien - Beinahe hätten sie die Revolution verschlafen: Die ägyptischen Muslimbrüder, die beim Ausbruch der Proteste vor zwei Wochen keinerlei Rolle gespielt hatten, fanden erst nach ein paar Tagen zu einer Stimme. Von Regimeseite wurden der Bruderschaft insofern Rosen gestreut, als sie ziemlich rasch als eine Kraft genannt und akzeptiert wurden, die bei einer Übergangslösung mitzureden hat. Bei den Verhandlungen mit Vizepräsident Omar Suleiman war sie am Sonntag dementsprechend dabei.

Dies ist nicht ganz risikolos für sie - andere Oppositionelle wollen erst mit Suleiman reden, wenn Präsident Mubarak weg ist, andere lehnen auch Suleiman ab. Und den Muslimbrüdern wird von manchen ihrer Anhänger in den vergangenen Jahren ohnehin schon ein zu angepasstes Verhalten vorgeworfen. So war auch ihre Teilnahme an den Wahlen 2005, nach denen ihre Kandidaten als "Unabhängige" - die Organisation ist ja verboten - ins Parlament einzogen, nicht unumstritten. Damals traf sie die ätzende Kritik der Nummer zwei von Al-Kaida, des Ägypters Ayman al-Zawahiri, dessen ideologische Heimat ja der radikale Teil der Bruderschaft ist.

Die 1928 von Hassan al-Banna gegründete Bruderschaft ist die älteste politisch-islamische Organisation von Bedeutung, die weit über Ägypten hinaus gewirkt hat. Ihr Ziel, die Reislamisierung der Gesellschaft und die Islamisierung des Staates, hat sie, obwohl - oder paradoxerweise weil - sie der Staat von Anfang an bekämpfte, in Ägypten erreicht. Das kann jeder feststellen, der die Kopftuchdichte in Kairo observiert, wo jetzt auch der dort völlig kulturfremde Niqab - der Gesichtsschleier mit Sehschlitz - grassiert.

Wie viele Anhänger die Bruderschaft heute in Ägypten hat, weiß keiner - manche schätzen sie auf schwache 100.000, andere sagen, sie würden 100.000 Moscheen kontrollieren, was schon wieder eine ganz andere Zahl wäre. Unbestritten sind sie in vielen Berufsverbänden und Kammern stark - die Ägypter sind ziemliche Vereinsmeier, und in diesem Bereich konnten sich die Brüder, denen die anderen Institutionen verschlossen waren, ausleben. Manche Beobachter sind davon überzeugt, dass sie in politischer Freiheit, in der die Moschee nicht mehr der einzige Raum ist, politisch Dampf abzulassen, automatisch schrumpfen werden.

Eine Reformtendenz, die etwa sehr auf die Frauen setzt (als "Muslimschwestern" ), konnte sich in der Organisation, die seit Jänner 2010 vom Konservativen Mohammed al-Badie geleitet wird, nicht durchsetzen. Dem Sieg der Konservativen - und der Alten - bei Fraktionskämpfen verdankt sie ihr leicht verschnarchtes Image. Und sie hat heute viel Konkurrenz bei ihrer Reislamisierungsagenda, von teilweise viel radikalerer, salafitischer Seite.

Es gibt keinen Nahostanalysten, der nicht empfiehlt, die Brüder in den politischen Prozess einzubinden und gegen radikalere Kräfte zu engagieren. Ihre Nähe zur Hamas - die nichts anderes ist als die Weiterentwicklung des lokalen Zweigs der Bruderschaft im Gaza-Streifen - wird die Frage nach der Dichte der Grenze zwischen dem Gaza-Streifen und Ägypten aufwerfen. Offiziell haben die Muslimbrüder in der letzten Zeit eine pragmatische Haltung, was den ägyptisch-israelischen Friedensvertrag betrifft, aber es gibt auch radikalere Positionen.

Es ist anzunehmen, dass die Muslimbrüder im Moment selbst noch nicht recht wissen, wie sie sich in einer freien politischen Szene platzieren sollen. Wie unsicher sie sind, konnte man sehen, als sie zuerst Mohamed ElBaradei als Oppositionssprecher wollten, sich später jedoch wieder etwas von ihm distanzierten, als sie erkannten, dass der Zulauf, den er auf der Straße bekommt, relativ gering ist. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 7.2.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Das Bild des Bruderschaftsgründers Hassan al-Banna wird bei Anti-Mubarak-Demonstrationen von radikaleren Gruppen mitgeführt: hier in Beirut von der Al-Gamaa al-Islamiya.

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