"Ja, ich war schon mal verliebt - aber nicht sehr"

6. Februar 2011, 17:36
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Bischof Kapellari: Kirchenaustritte zwingen zum Sparkurs, aber eine Erhöhung der Kirchenbeiträge sei derzeit nicht angedacht

Peter Mayr und Markus Rohrhofer sprachen mit dem Grazer Bischof Egon Kapellari. 

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Standard: Ihre Amtszeit wurde vom Papst verlängert. Was sind Ihre Pläne für diese zwei Jahre?

Kapellari: Diese Zeit soll kein Provisorium sein. Ich möchte zeigen, dass die Kirche nicht gelähmt ist und Herausforderungen nicht ausweicht. Dabei können aber nicht alle Wünsche erfüllt werden, wenn die katholische Identität bewahrt werden soll.

Standard: Das Motto einer diözesanen Diskussionsreihe in der Steiermark hat „Offen über Kirche reden" gelautet. Wie offen sind eigentlich die Bischöfe dafür, über Probleme in der katholischen Kirche zu reden?

Kapellari: Es gibt selbstverständlich kein Denk- und Sprechverbot. Jeder kann sagen, was er sagen will. Kann kritisch reden, kann fragen. Als Bischof möchte ich bei kontroversen Themen vor allem das in der heutigen Diskussion Übersehene und Verdrängte auch zur Sprache bringen helfen.

Standard: Sie haben während Ihrer Basis-Tour durch die Diözese die Frage aufgeworfen, ob selbige nicht eine „mission impossible" sei. Optimismus sieht anders aus.

Kapellari: Ich wollte die Spannungen realistisch benennen. Wir stehen heute bei kontroversiellen Fragen eher in der Mitte - ein unbequemer Ort, man ist Zerreißproben ausgesetzt. Ich sehe mich als Anwalt des Übersehenen. Schauen wir doch auch auf das, was gelingt. Die Kirche wird ja nicht nur von Misserfolgen heimgesucht. Ich wünsche mir, dass diese Kirche wieder stabiler wird, weil das auch der Gesellschaft im Ganzen hilft.

Standard: Ihr Wunsch in Gottes Ohr, aber dennoch: Wo hat die katholische Kirche Fehler gemacht?

Kapellari: Sicher bezogen auf den Umgang mit Missbrauch. Wir haben uns diesem Problem gerade im vergangenen Jahr sehr offen gestellt und man hört in der Öffentlichkeit auch, dass wir staatlichen Stellen mit ähnlichen Problemen ein Beispiel gegeben haben.

Standard: Von den Ombudsstellen ist dennoch Kritik an der Kirchenführung laut geworden. Monsignore Helmut Schüller, der die Wiener Einrichtung geleitet hat, meinte, man sei immer wieder zu den Bischöfen gegangen, immer wieder hätte man darauf hingewiesen, dass zu zögerlich gehandelt wird.

Kapellari: Das kann ich für mich in fast dreißig Jahren meiner Amtsführung nicht bestätigen. Ganz selten ist mir ein Problem dieser Art bekannt geworden, und ich bin dem immer nachgegangen und habe auch allgemein bekannte Sanktionen ergriffen

Standard: Schüller sagt:„Das System war nicht geeignet, richtig zu reagieren."

Kapellari: Das kann man nicht generell zurückweisen. Das Generalproblem des Missbrauchs war aber weder in der Kirche noch in der Gesellschaft besonders ins Bewusstsein gedrungen. Es hat auch Vertuschung gegeben. Aber ich warne vor Verallgemeinerungen.

Standard: Eine große Strukturreform ist aber bis dato ausgeblieben. Wie soll daher künftig Missbrauch verhindert werden?

Kapellari: Es gibt dagegen leider keine Vollkaskoversicherung - weder in der Kirche noch in der Familie noch in staatlichen Einrichtungen. Aber man muss sich verstärkt um Prävention bemühen. Das ist ein Dauerauftrag für die Zukunft. Und Behauptungen, dass der Pflichtzölibat die Hauptursache von Missbrauch durch Kleriker sei, weise ich zurück.

Standard: Sie selbst haben mit dem Zölibat nie gehadert?

Kapellari: Nein. Bei Diskussionen mit Schulklassen wurde ich wie auch andere Priester manchmal gefragt „Waren Sie schon verliebt?" Da habe ich gesagt: Ja, ich war schon mal verliebt - aber nicht sehr. Das ist es. Ich bin seelisch robust und wurde von Depressionen nie und von Glaubenszweifeln fast nie heimgesucht.

Standard: In der Bischofskonferenz hat aber beim Thema Missbrauch offenbar eine gewisse Uneinigkeit geherrscht. So hat sich etwa Ihr St. Pöltener Amtskollege Bischof Klaus Küng öffentlich klar gegen eine kirchliche Kommission ausgesprochen.

Kapellari: Wir Bischöfe haben uns sehr rasch über Methode und ein Modell geeinigt, das ja öffentlich bekannt ist. Ich halte es für das bestmögliche, ein perfektes Modell gibt es aber nicht. Wie wollen sie etwa Trittbrettfahrerei verhindern? Das geht nicht. Aber wichtiger ist es, dass wirkliche Opfer ernst genommen werden und Solidarität erfahren.

Standard: 80.000 Menschen sind im Vorjahr aus der Kirche ausgetreten. Weniger Gläubige heißt auch weniger Kirchenbeiträge: Wie groß ist der Spardruck?

Kapellari: Das dürfte in den einzelnen Diözesen unterschiedlich sein. Meine Diözese hat für die Zukunft unterschiedliche Szenarien errechnet. Wir sind derzeit stabil. Das heißt nicht frivol stabil, aber Alarmismus ist nicht notwendig.
Standard: Aber offensichtlich hat man genug Geld, um zu spekulieren. Siehe Linz und die Mittel aus der Dreikönigsaktion.

Kapellari: Ich muss mein Lob, das den Oberösterreichern und ihrer Dynamik gilt, hier relativieren. Die Dreikönigsaktion macht unglaublich viel Gutes in armen Ländern, und wer Not lindern will, darf diese Qualitätsmarke auf keinen Fall durch missverstehbare Handlungen ramponieren.

Standard: Aber wie gleicht man dann die Ausfälle bei den Kirchenbeiträgen aus?

Kapellari: Es ist ganz simpel: Wer weniger einnimmt, kann auch weniger ausgeben. Meine Diözese hat ja keine großen Reserven, etwa Grundbesitz und Gebäude. Aber das bringt zu wenig. Der Kirchenbeitrag macht 80 Prozent aller Einkünfte aus. Damit muss man rechnen. Man wird stärker Akzente setzen müssen - aber sicher nicht auf Kosten armer oder junger Menschen. Man übersehe auch nicht, dass Zehntausende Ehrenamtliche jeden Euro Kirchenbeitrag noch vervielfachen.

Standard: Braucht der Staat mehr Geld, dreht er an der Steuerschraube. Was macht die Kirche?

Kapellari: Nein, so etwas kommt für uns keinesfalls infrage.

Standard: Derzeit nicht?

Kapellari: Ich möchte jetzt sicher nicht verstanden werden als jemand, der dieses System destabilisieren möchte. Es gibt kein Idealsystem. Aber wollen Sie das destabilisieren?

Standard: Es geht nicht um eine Destabilisierung. Die Frage lautet: Ist man bereit, die Beiträge höher anzusetzen?

Kapellari: Man muss Schmerzgrenzen beachten. Seelsorge dient eben nicht nur den Kernschichten. Man sollte vor allem auch Leuten, die nicht zur Kirche gehören, sagen: Wenn es um das Ganze der Gesellschaft geht, welchen vernünftigen Kompromiss kann ich mir vorstellen, mitzutragen?

Standard: Sie hören seit Jahr und Tag im Kern die gleichen Themen: Kirchenaustritt, Zölibat etc. Wie sehr nervt das?

Kapellari: Ich bin ja nicht auf der Welt, um nur Vergnügen zu empfinden. Ich nehme diese Fragen selbstverständlich ganz ernst. Ich bin aber froh, wenn zentrale Fragen auf den Tisch kommen: Wer ist Gott? Wer ist Jesus Christus? Und: Was ist dann die Kirche? (DER STANDARD, Printausgabe, 7.2.2011)

ZUR PERSON: Egon Kapellari (75) studierte Jus und Theologie in Salzburg und Graz. Er war Hochschulseelsorger und ab Dezember 1981 Bischof der Diözese Gurk-Klagenfurt. Im März 2001 erfolgte die Ernennung zum Bischof von Graz-Seckau. Bischof Egon Kapellari wollte eigentlich „den Mönch in sich wachsen lassen", der Papst entschied aber auf Verlängerung.

  • Bischof Egon Kapellari wollte eigentlich „den Mönch in sich wachsen lassen", der Papst entschied aber auf Verlängerung.
    foto: standard/regine hendrich

    Bischof Egon Kapellari wollte eigentlich „den Mönch in sich wachsen lassen", der Papst entschied aber auf Verlängerung.

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