Kinoliebe und Kunstfilmscherze

6. Februar 2011, 17:08
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An überraschenden Arbeiten herrschte bei der 40. Ausgabe des Filmfestivals von Rotterdam kein Mangel: von trotzigen Gespenstern, herzensguten Außenseitern und dem Nutzen der Cinephilie

Zwei Gespenster - klassische Variante: Leintuch mit aufgeklebten Augen! - haben ihr Zwischenweltendasein gründlich satt. In lang gedehntem Russisch erwägen sie ihre Optionen und konsultieren schließlich das Orakel von Garrel. Achtung Insiderschmäh! Da dieses von Klängen der Velvet- Underground-Chanteuse Nico begleitet wird, kann damit nur der gleichnamige französische Filmemacher gemeint sein. Das Orakel rät jedenfalls, nach Santiago de Compostela zu pilgern, dort befinde sich ein Tor zu einer neuen irdischen Lebensform.

Das ist mindestens so dämlich, wie es sich anhört, aber auch ziemlich komisch. Finisterrae, das mit einem Tiger prämierte Filmdebüt vom Co-Gründer des Sonar-Musikfestivals, Sergio Caballero, ist eine High-Concept-Kunstfilm-Parodie - und damit ein sehr charakteristischer Film für Rotterdam. Hinter der Kamera stand Eduard Grau, verantwortlich für so diverse Filme wie A Single Man oder Honor de Cavallería - an Albert Serras meditativem Don-Quixote-Film erinnert Finisterrae somit nicht ganz zufällig.

Den Stationen der mit Windhose und Pferd marschierenden Geister verleihen Grau und Caballero vor gemalten Kulissen oder in surrealen Landschaften eine äußerst elegische Note. Zu den Höhepunkten dieses Anything-Goes-Werks, das seine Außenseiterrolle etwas zu smart pflegt, gehören eine Szene mit sprechenden Rentieren sowie eine mit einem Astloch, durch das Videokunst der 1980er-Jahren zu bestaunen ist.

In Rotterdam, das sich im 40. Jubiläumsjahr zu Recht mit dem Mantel eines jungen, experimentierfreudigen Umfelds schmückte, haben schon etliche Filmkarrieren begonnen. Eines der vielversprechendsten Debüts kam heuer vom Koreaner Park Jung-Bum, Musan il-gy (The Journals of Musan), indem dieser auch selbst die Hauptrolle eines naiven, grundehrlichen und vielleicht deshalb ständig aneckenden Flüchtlings aus Nordkorea spielt.

Schlechte Frisur

Park, mit Musan ein weiterer Tiger-Gewinner, erzählt seine Fallgeschichte nicht in typisch sozialrealistischer Tonart, er hebt vielmehr die aggressive Grundhaltung einer Gesellschaft in den Vordergrund, die mit Außenseitern - schon frisurentechnisch hebt sich der Protagonist von seinem Umfeld ab - nicht umzugehen versteht. Ähnlich Lee Chang-dong (Secret Sunshine), als dessen Assistent er zuvor gearbeitet hatte, demonstriert Park mit Sinn für Widersprüche und erstaunlich sicherem szenischen Gespür, dass ein herzensguter Mensch unter Scheinheiligen nur wenig Chance auf ein ruhiges Leben hat.

Durchaus positiv wurde auch die deutsch-österreichische Produktion Headshots von Lawrence Tooley aufgenommen. Loretta Pflaum spielt darin eine Fotografin, die durch den überraschenden Tod eines Models in eine existenzielle Krise stürzt. Der Film sucht ständig neue Wege, der Heldin und ihrem Umfeld aus Szene-Kreativen aus Berlin Mitte nahe zu kommen und wechselt dabei mitunter sogar ins Komische. Trotz gelegentlicher Überspanntheiten in Beziehungsbeschreibungen zeigt Tooley mit dieser Vielstimmigkeit eine interessante Alternative auf, widersprüchliche Gefühlslagen zu fassen.

La vida útil (A Useful Life), der zweite Spielfilm des uruguayischen Regisseurs Federico Veiroj, erzählt zwar vom Verschwinden einer bestimmten Kinokultur, war aber dennoch einer der erhebendsten Filme in Rotterdam. Die Cinématèque von Montevideo hat schon bessere Tage gesehen. Die Projektoren sind so veraltet, dass gewisse Filme nicht mehr im richtigen Format vorgeführt werden können. Einige der speckigen Kinositze sind eingerissen. Auch die Mitgliederzahlen gehen Monat für Monat zurück. Kurzum, es fehlt an allen Ecken und Enden an Geld.

In grobkörnigem Schwarzweiß gedreht, ist der Film weniger Ode an Vergangenes als emphatische Würdigung einer Haltung, die auch noch in Zukunft gilt. Schon im Filmtitel versteckt sich eine Redensart: Nicht das nützliche, "ein geglücktes Leben" ist gemeint. Manuel Martínez Carrilo, der Cinémathèque-Direktor, spielt sich selbst, den Mann an seiner Seite, seit 25 Jahren die Seele des Hauses, verkörpert der Filmkritiker Jorge Jellinek.

Veiroj setzt auf Authentizität und Künstlichkeit, indem er etwa den Quasi-Dokumentarismus seiner Figuren mit klassischer Filmmusik unterlegt. So ungelenk Jorge in seinem altmodischen Anzug wirkt, so chancenlos sein heiliger Ernst erscheint, als Apologet des Kinos wird er mit einer großen Geste belohnt: Er entdeckt das Leben als den besseren Film. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD - Printausgabe 7. Februar 2011)

  • Gespenster, die nur zu gerne ins Leben zurückkehren würden: Sergio
Caballeros durchgeknallter Debütfilm "Finisterrae" sorgte in Rotterdam
für Heiterkeit und Ärger.
    foto: iffr

    Gespenster, die nur zu gerne ins Leben zurückkehren würden: Sergio Caballeros durchgeknallter Debütfilm "Finisterrae" sorgte in Rotterdam für Heiterkeit und Ärger.

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