Protestwelle schüttelt Wirtschaft durch

6. Februar 2011, 16:31
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Anleger ziehen Geld ab - Exporte brechen ein - Lange Schlangen vor den Banken

Kairo - Ägyptens Wirtschaft ächzt unter der Protestwelle gegen Präsident Hosni Mubarak: Anleger und Urlauber sorgen sich um eine Destabilisierung der Region, Analysten um eine Kapitalflucht. Die Tourismus-Industrie und die ausländischen Investitionen würden unter der Krise sicher leiden, warnte Zentralbank-Gouverneur Faruk al-Okdah. Das Wirtschaftswachstum von zuletzt sechs Prozent werde nicht zu halten sein. Nach Angaben des Handelsministeriums brachen die Exporte wegen der Unruhen und der Ausgangssperre im Jänner um sechs Prozent ein.

Die Regierung bemühte sich, zu Beginn der neuen Arbeitswoche am Sonntag, das normale Leben wieder in Gang zu bringen. "Wir wollen, dass die Leute wieder zur Arbeit gehen und wieder Geld verdienen, und dass das Leben zur Normalität zurückkehrt", sagte Armee-Kommandeur Hassan al-Roweni auf dem Tahrir-Platz in Kairo, dem Zentrum des Protests. Doch viele Demonstranten harrten aus. Gepeinigt von Armut, Repression und Korruption ist das "normale Leben" für sie keine Option mehr.

Geschlossene Banken

Auf den Kreuzungen im Kairoer Finanzdistrikt standen gepanzerte Fahrzeuge. Beschäftigte von staatlichen Banken wurden in Bussen zu ihren Arbeitsstätten gefahren. Vor den Geldhäusern und ihren Geldautomaten standen die Menschen Schlange. Bankmitarbeiter registrierten ihre Namen, um ein Chaos zu verhindern. "Wir müssen hier für etwas Ordnung sorgen", sagt einer von ihnen, Metwali Scha'ban. Die Leute hätten Angst, keinen Lohn bezahlt zu bekommen, und heben ihr Geld ab. Rund 340 Bank-Filialen - davon 152 in Kairo - öffneten im ganzen Land wieder ihre Türen - allerdings nur bis zum frühen Nachmittag. "Seit neun Uhr habe ich mehrere Banken im Zentrum abgeklappert", sagte die 62-Jährige Soad Mohamed. "In jeder Bank haben sie mir gesagt, es sei geschlossen."

Das ägyptische Pfund startete nach der einwöchigen Aussetzung des Devisenhandels schwächer in den Handel. Wegen der politischen Instabilität zogen ausländische und einheimische Investoren Kapital ab. Allein in den ersten 45 Minuten des Handels wurden mit etwa 400 Millionen Pfund so stark verkauft wie an einem normalen Tag vor der Krise, wie ein Händler sagte. Die Zentralbank teilte mit, sie rechne in den kommenden ein bis zwei Wochen mit begrenzten Wechselkurs-Schwankungen. Ägypten könne diese aber handhaben. Die Währung notierte zum US-Dollar mit 5,9300 Pfund. Vor den Unruhen hatte ein Dollar noch 5,855 Ägyptische Pfund gekostet. Ein Vertreter der Börse kündigte an, dass der Handelsplatz in Kairo auch am Dienstag geschlossen bleibt. Ursprünglich sollte sie am Montag wieder eröffnen.

Die längerfristigen Aussichten der Unruhen auf die ägyptische Wirtschaft lassen sich noch nicht abschätzen. Das Land hatte sich zuletzt zum Liebling vieler Investoren vor allem aus Afrika und dem Nahen Osten gemausert. An den Nil gelockt wurden die Anleger unter anderem von der Bereitschaft der Regierung zu Reformen im Finanzsektor und der wachsenden privaten Nachfrage. Die junge Bevölkerung Ägyptens hatte zudem Hoffnungen genährt, die Wirtschaft des Landes stehe vor einem kräftigem Wachstum. (APA/Reuters)

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