"Auf europäischer Ebene ist die EBEL ein Vorbild"

5. Februar 2011, 20:31
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Teil zwei des Interviews mit EBEL-Geschäftsführer Christian Feichtinger zum Selbstbild der Liga, ihren Schwächen und ihrer zukünftigen Positionierung auf der europäischen Eishockey-Landkarte.

In der Fortsetzung von Teil eins des Interviews spricht EBEL-Ligamanager Christian Feichtinger über die Entwicklung der Liga im Allgemeinen sowie ihre Zukunftsperspektiven in einem sich verändernden Eishockey-Europa zwischen Champions League und Euroliga. Die Fragen stellte Hannes Biedermann.

derStandard.at: Wir haben über einzelne aktuelle Herausforderungen gesprochen, blicken wir nun auf die Metaebene: Wie bewerten Sie die Entwicklung der EBEL, in welchen Bereichen sind die Fortschritte besonders erfreulich?

Feichtinger: Ich denke, dass die Entwicklung eine sehr gute ist, das deckt sich auch mit dem Feedback, das ich international erhalte. Der Stellenwert der Liga ist im europäischen Vergleich in den letzten Jahren stark gestiegen. Wir sind ein Vorbild dafür, wie etwas funktionieren kann, wenn alle Beteiligten zumindest in groben Zügen in die gleiche Richtung wollen. Wenn ein Freiluftspiel in Kärnten binnen eines Tages mit über 30.000 Zuschauern ausverkauft ist oder in Zagreb innerhalb einer Woche 60.000 Fans zu den Spielen kommen, dann macht man in der Entwicklung eines Produkts wohl mehr richtig als falsch.

derStandard.at: Auf den Punkt gebracht: Welche sind die zentralen Erfolgsfaktoren dieses Produkts?

Feichtinger: Internationalität, Ausgeglichenheit und Spannung. Betrachten wir nur das vergangene Wochenende: Die drei Letzten in der Tabelle gewinnen ihre Spiele, die Teams rücken noch enger zusammen. Das viel gescholtene Punktesystem hat da sicher auch seinen Anteil, es erzeugt ein Mindestmaß an Balance zwischen zehn Vereinen mit ganz unterschiedlichen wirtschaftlichen Möglichkeiten. Oder blicken wir auf die vergangene Saison: Der Achte schlägt in der ersten Play-Off-Runde den Sieger des Grunddurchgangs.

derStandard.at: Welche Schwächen orten Sie aktuell in der EBEL und ihrer Struktur?

Feichtinger: Ich würde nicht von Schwächen sprechen, vielmehr sind das Rahmenbedingungen, die besondere Zugänge erfordern. Genannt habe ich schon die unterschiedlichen wirtschaftlichen Möglichkeiten der einzelnen Vereine - in Slowenien hat die Finanz- und Wirtschaftskrise beispielsweise ganz andere Spuren hinterlassen als bei den österreichischen Vertretern. Ein zweiter Punkt ist das Thema Nationalität: Wir müssen noch stärker daran arbeiten, dass die nationale Zugehörigkeit eines Klubs oder eines Funktionärs in der Liga keine Rolle mehr spielt.

derStandard.at: Ein hehres Ziel, wenn man auf die aktuellen Konstellationen blickt.

Feichtinger: Wir sind eine Liga, die sich im Herzen Europas entwickelt hat, in der die Akteure aus einer Not eine Tugend - ja sogar eine Stärke - gemacht haben. Mit einer Liga bestehend aus sechs österreichischen Vereinen hätten wir keinen Fixplatz für die Champions Hockey League bekommen, wir liegen im europäischen Nationenranking auf Platz zwölf. Aber mit der internationalen Öffnung der Liga ist es uns gelungen, dass vier mal eins plötzlich fünf oder sechs ergibt. Das ist der Vorteil, dem sich alle bewusst sein sollten.

derStandard.at: In welche Richtung gehen die Expansionspläne der Liga?

Feichtinger: Über die Aufnahme weiterer Vereine entscheidet die Ligakonferenz, also das Gremium der Klubvorsitzenden. Der Weg der Internationalisierung war ein erfolgreicher, den sollten wir nicht verlassen. Gleichzeitig wäre es natürlich schön, Innsbruck möglichst bald wieder in der EBEL willkommen zu heißen, oder zukünftig auch einen Verein aus Vorarlberg an Bord zu haben. Ich denke, dass die aktuelle Struktur der Liga durchaus zwölf teilnehmende Klubs vertragen würde und es mittelfristig auch keinen Grund gibt, nicht auf 14 zu erhöhen, sofern die sportliche Qualität gewährleistet ist.

derStandard.at: Welche Grenzen sind einer solchen Liga gesetzt?

Feichtinger: Die Grenzen lassen sich nach ganz praktischen Gesichtspunkten bemessen, sie entsprechen dem Tagesradius eines Reisebusses. Sobald das Flugzeug als Verkehrsmittel nötig wird, sprengt das die finanziellen Kapazitäten der meisten beteiligten Klubs.

derStandard.at: Bleiben wir bei Zukunftsszenarien: Damit beschäftigt sich auch Hockey Europe, die Interessensgemeinschaft der sieben stärksten Ligen Europas, deren Vorsitzender Sie seit 1.Dezember sind. Wie sieht Ihr Aufgabenbereich in dieser Organisation aus?

Feichtinger: Primär geht es darum, zu koordinieren, dass sich die Ligen untereinander abstimmen und in Zukunftsfragen auf gemeinsame Positionen kommen. Diese vertrete ich dann nach außen - gegenüber dem Weltverband, der NHL und anderen Institutionen. Zentrales Thema ist es beispielsweise, die Interessen des europäischen Klubhockeys in den Entscheidungsprozessen der IIHF zu verankern. Da sind wir auch auf einem guten Weg, arbeiten an der Etablierung eines von Vereinen und Ligen beschickten Gremiums, das zwischen Exekutivkomitee und Council angesiedelt sein wird. Ein weiteres Projekt ist die Erarbeitung einer Lösung für die Konflikte bei Abstellungen für die Nationalteams, Stichwörter: Versicherung und finanzielle Entschädigung für Vereine, deren Spieler an Weltmeisterschaften teilnehmen.

derStandard.at: Durch Ihre Funktion bei Hockey Europe gelang es Ihnen auch, quasi durch die Hintertüre den Fixplatz der EBEL in der zukünftigen Champions Hockey League (derStandard.at berichtete und kommentierte) zu sichern. Im Hintergrund arbeiten vornehmlich skandinavische Vereine jedoch an der Umsetzung einer Europaliga, in der sich auch der eine oder andere EBEL-Klub wiederfinden könnte. Wie groß ist die Bedrohung, die ein solcher Bewerb für die österreichische Liga darstellt?

Feichtinger: Eine Bedrohung für die Liga sehe ich nur bedingt. Letztlich muss jeder Verein für sich selbst abschätzen, was gut und was schlecht für ihn und seine Entwicklung ist. Eine gut funktionierende Europaliga kann ich persönlich mir nur vorstellen, wenn sie sich in den großen Städten mit großen und modernen Hallen abspielt. Das inkludiert auch den einen oder anderen aktuellen EBEL-Standort.

derStandard.at: Eishockey-Europa befindet sich im Umbruch. Teilen Sie diese Auffassung?

Feichtinger: Die alten Strukturen des Eishockeys in Europa brechen auf, der ehemals übermäßige Einfluss der IIHF und der nationalen Verbände nimmt ab, dadurch entsteht in machen Bereichen ein Vakuum. In diesem werden derzeit die Pläne einer Europaliga kultiviert. Aber noch einmal: Die Vereine müssen selbst wissen, was gut für sie ist. Ob Gegner aus Linköping oder Banská Bystrica eine österreichische Halle gleich gut füllen wie Klagenfurt oder Villach, bleibt abzuwarten.

derStandard.at: Internationalisierung der EBEL, differenzierte Europäisierung auf der Ebene darüber: Wo sieht der Geschäftsführer die österreichische Liga in drei Jahren?

Feichtinger: Wir sollten den eingeschlagenen Weg weitergehen. Internationalität und Ausgeglichenheit als zentrale Aspekte, in einigen Feldern weitere, fortschreitende Professionalisierung. Mich würde es freuen, in drei Jahren eine Liga zu sehen, die stabil aus einer geraden Anzahl an Klubs besteht, die mehr als sechs österreichische Vereine inkludiert und deren Vertreter in einem internationalen Bewerb respektiert mitspielen können. (Hannes Biedermann; derStandard.at; 5.Feber 2011)

 

 

ZUR PERSON

Christian Feichtinger (41) ist gebürtiger Oberösterreicher und arbeitet seit 1995 in der Eishockeybranche. Seit 2005 ist er Ligamanager der EBEL, mit 1.12.2010 wurde er zum Vorsitzenden von Hockey Europe, der Interessensgemeinschaft der führenden Eishockeyligen Europas, gewählt.

  • "Wir müssen noch stärker daran arbeiten, dass die nationale Zugehörigkeit eines Klubs oder eines Funktionärs in der Liga keine Rolle mehr spielt."
    foto: qspictures

    "Wir müssen noch stärker daran arbeiten, dass die nationale Zugehörigkeit eines Klubs oder eines Funktionärs in der Liga keine Rolle mehr spielt."

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