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Berlin - Seit die Massen auf Ägyptens Straßen demonstrieren, wird Staatschef Hosni Mubarak immer häufiger als "Diktator" oder "Despot" bezeichnet. Früher war vom "Präsidenten" die Rede. Warum das so ist und wie Sprache in Konflikten eingesetzt wird, erklärt Oliver Lubrich, Professor für Rhetorik an der Freien Universität Berlin, in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.
Frage: Wie kommt es zu einem Sprachwandel, wie wird man vom Präsidenten zum Diktator?
Lubrich: "Ob einer ein Diktator ist oder nicht, ist oft keine Frage der Definition, sondern der politischen Position. Derjenige ist ein Diktator, den wir loswerden wollen. Derjenige ist ein Präsident, mit dem wir verbündet sind. So war das lange mit Mubarak, er war ein Verbündeter des Westens. Jetzt ist er in Ungnade gefallen."
Ist so ein Wandel nicht auch etwas heuchlerisch?
Lubrich: "Natürlich. Mubarak war längst ein Gewaltherrscher. Es ist schon verwunderlich, wie ehrerbietig in westlichen Ländern über ihn gesprochen wurde. Wie auch im Fall von Tunesien war lange Zeit von einer 'moderaten' oder 'gemäßigten' Regierung die Rede. Und jetzt tun wir so, als würde es uns wie Schuppen von den Augen fallen."
Inwiefern werden Kriege, Revolutionen oder Konflikte auch immer mit sprachlichen Mitteln ausgetragen?
Lubrich: "Ein Kampf um Macht ist immer auch ein Kampf um Sprache. Wenn sich die Einstellungen ändern, ändern sich auch die Bezeichnungen. Unser politisches Denken wird besonders stark von Bildern, von Metaphern bestimmt. So war zum Beispiel bei Mubaraks Regierung von einem 'Bollwerk' gegen den Islamismus die Rede. Das suggeriert, dass da eine Gefahr, ein Angriff, geradezu eine Überflutung drohe. Darin kommt die westliche Angst vor einem radikalen Islam zum Ausdruck, wie sie auch im Anti-Terror-Kampf bedient - und von Mubarak geschickt genutzt wurde."
Wie entstehen solche Sprachbilder?
Lubrich: "Sprachbilder sind seit Menschengedenken im Umlauf. Sie helfen uns, das schwer Fassliche sinnlich begreifbar zu machen - ganz besonders in Krisenzeiten. Häufig sind es Naturbilder wie 'Flut' oder 'Gewitter'. Ein Bild kann sich durch die Medien verbreiten wie ein Virus. Sprachbilder werden von Politikern gezielt eingesetzt, um beim Zuhörer Vorstellungen zu prägen und Emotionen hervorzurufen. Wenn Obama sagt, die Wirtschaftskrise sei wie ein 'Sturm' über die USA hinweggefegt, bedeutet das: Niemand hat Schuld, es war höhere Gewalt. Und wenn seit dem Aufstand in Tunesien von einem 'Funken' die Rede ist, der auf andere arabische Länder überspringt, oder sogar von einem 'Pulverfass', dann schürt dies erneut unsere Angst vor einem gefährlichen Islam." (APA)
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aber immerhin wird nun auch in der pressewelt offen über heuchelei der medien gesprochen.
mubarak ist nur kein "guter präsident" mehr, weil er bald anders gesinnten leuten platz macht. denen will man schonmal honig um den bart schmieren.
die medien dienen also immernoch nicht unserer information, sondern in diesem ausnahmefall der desinformation des auslands (über unsere position).
Jedenfalls ist jede Herrschaft abzulehnen, die ob demokratisch legitimiert oder nicht, die notwendigen Reformen verweigert, und versteinert das Althergebrachte verteidigt. Mir scheint eine chinesische Reformdiktatur weit effizieter als so manche westliche Gerontokratien.
Und die chinesische diktatur, hat die etwa nicht als hoechstes ziel, die macht der parteigenossen dauerhaft und mit allen mitteln zu erhalten?
und was macht die effizient? Umwelverschmutzung, Landflucht, Arbeitslager.
Ab und zu verschwindet ein besonder korrupter Kleptokrate, aber man wird in ein paar jahren sehen, wie korrupt das regime wirklich war/ist.
Mubarak war nie etwas anderes als ein Diktator, denn als 1981 Sadat ermordet wurde, unterdrückte die ägyptische Armee nur mit allergrößter Mühe und Not einen Volksaufstand , weitgehend noch im Keim. Diese Politik hatte in Ägypten nie eine Chance eine hinreichende Mehrheit zu finden.
Diese Klarstellung ist nötig.
Dennoch bleibt natürlich der Umstand auffälllig, dass man bisher eher diskret die formale staatsrechtliche Position betont hat, wogegen man es jetzt eher opportun findet, die materielle Seite der Machtausübung hervorzuheben, oder anders gesagt vom Signalement verhaltener Zustimmung zu dem klarer Ablehnung übergegangen ist. Allerdings war der größte Teil der Presse wie auch der Politiker schon immer opportunistisch und es wundert mich ein wenig, dass die Nachhilfe eines Rhetorikprofessors nötig zu sein scheint, um das zu erkennen.
war, warum wurde er nicht als solcher behandelt und bezeichnet von den "großen" der welt? er war "präsident" für dieselben leute, die ihn heute als "diktator" bezeichnen, haben sie das in den 30 jahren seiner regentschaft denn nicht sehen können, oder war es ihnen gerade recht so?
Kapieren Sie es denn nicht? Über nützliche "Freunde" redet man doch nicht schlecht. Jetzt hat er seinen Dienst getan und kann gehen. Nun kann man auch ehrlich ausdrücken, was man natürlich auch schon immer wußte. Man braucht ihn ja nicht mehr.
es ist ja wohl jedem aufgefallen, dass die präsidenten von tunesien und ägypten über nacht zu diktatoren wurden. da ist eine sympathie mit den demonstranten, die zum volk erklärt werden, im spiel. ich finde das positiv, dass diese journalistische wortwahl alle offiziellen regierungspositionen unter zugzwang bringt und eigentlich desavouiert. unsere regierungen haben kein offensichtliches interesse, ihre freunde als diktatoren bezeichnet zu sehen.
ich finde es ist nicht so klar, was da abgeht und wie sich ein diskurs durchsetzt. warum bezeichnen wir obama nicht als diktator? schließlich gibt es riesige tee-party demonstrationen, wo er nur so bezeichnet wird. warum nimmt die niemand ernst? was unterscheidet sie von den tunesiern?
Bei Obama ist es zumindest möglich, ihn nicht mehr zu wählen, auch hat er höchstens zwei Amtperioden. ein bisschen Unterschied ist da schon. Und die Tea-Party Demos mit den demonstrierenden Tunesiern zu vergleichen, trifft nicht den Kern dieses Sprach- und Definitionsproblems.
Ebenso, wie es nichts neues ist, dass an diesem üblen Spiel auch "unabhängige" Medien mit machen, wie z.B. der ORF. Zum schämen und ein Zeichen für die geringe Qualität unseres Senders und seine Gängelung durch die Politik...
In diesem Zusammenhang erwähnenswert ist auch, dass US-Fernsehsender (andere wahrscheinlich auch) ihren Korrespondenten ganz genaue Vorgaben machen, welche Wortwahl für bestimmte Ereignisse anzuwenden ist, beispielsweise ob nun jemand als Terrorist, Selbstmordattentäter oder als Märtyrer bezeichnet werden darf.
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