In den Hexenkessel gespuckt

5. Februar 2011, 20:17
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England siegt zum Auftakt des Sechs-Nationen-Turniers beim schweren Gang nach Wales - Italien knapp an erstem Erfolg über Irland - Frankreich glänzend

Cardiff - Cool Britannia. Mit klinischer Präzision und eiskalter Ausgekochtheit entledigte sich Englands Rugby-Nationalmannschaft am Freitag der schwierigen Aufgabe namens Wales und siegte zum Auftakt des Sechs-Nationen-Turniers 2011 in Cardiff 26:19.
Die Atmosphäre im selbstredend bummvollen Millennium Stadium war vollgesogen mit gespannter Erwartung von 74.000 Menschen. Die übergroße Mehrheit war gekommen um das Heimteam zu seinem ersten Sieg seit beinahe einem Jahr zu schreien. Doch trotz einer energiegeladenen ersten Viertelstunde der Waliser kam bald der unwiderstehliche Verdacht auf, dass die Engländer an diesem Abend das Zeug haben könnten, den Hexenkessel auf Gefriertemperatur herabzukühlen.

Denn trotz des inspirierten Beginns der Gastgeber stand es rasch 0:10, ein Rückstand dem die Waliser das gesamte restliche Match vergeblich hinterher hechelen würden. Rugby kann ein grausames Spiel sein für jene Mannschaft, die gezwungen ist anzugreifen und zu riskieren. Denn die unvermeidlich notwendige Agressivität endet früher oder später fast unvermeidlich in einer Regelverletzung. Und plötzlich ist all die Energie vergeblich investiert: denn der Gegner darf zu einem Penaltykick antreten und relativ leicht verdiente weitere Punkte einsacken. Das ist zum Haare raufen und es braucht große Moral um aller Frustration zum Trotz von vorne anzufangen.

Genau das war diesmal das Schicksal der Waliser. Denn England machte alles richtig und die Effizienz im Spiel der Gäste war je nach Standpunkt beeindruckend oder erschreckend. So gut wie jede Chance auf Punkte wurde auch genützt, etwas, woran das walisische Spiel schon seit längerem krankt. Knoten rein, Rübe ab, Sack zu - die schwer zu fassende Fähigkeit etwas zu Ende zu bringen, sich zu nehmen was auf der Anrichte liegt, sie fehlt seit längerem im Steckbrief des Rugbyaners mit den Straußenfedern auf der Brust. Wie erwartet dominierte der Sturm der Briten das Geschehen und Wales geriet im Scrum mehrmals schwer unter Druck. Schwerstarbeit war zu leisten um das englische Running Maul zu stoppen.

Noch dazu erleichterte nach 14 Minute eine lückenhafte Verteidignungslinie die Aufgabe der Weißen - und von Flyhalf Toby Flood initiiert vollendete Chris Ashton einen Angriff mit einem Try unter den Torpfosten. Im Verlauf der kurzweiligen Partie baute das Team von Martin Johnson seinen Vorsprung weiter aus und lag nach Ashtons zweitem Versuch nach der Pause - als der Waliser Craig Mitchell  auf der Strafbank schmorte - zwischenzeitlich 23:9 in Führung. Selbst überstand es eine zehnminütige Unterzahl nach Gelber Karte gegen Louis Deacon ohne größere Probleme. Die Waliser trafen da in manchen Situationen falsche Entscheidungen und gaben den Ball durch voreiliges Kicking verloren. Es waren diese Minuten, die Teamchef Warren Gatland in der Rückschau vielleicht am schwersen im Magen liegen werden.

Unterstützt von den Rängen gaben die Roten natürlich niemals auf und ein Try von Morgan Stoddart gab neue Hoffnung und frische Kräfte. Bis auf auf vier Punkte arbeitete sich Wales heran, doch der eingewechselte Routinier Jonny Wilkinson und sein Fuß hatten das letzte Wort. Sein Penalty stellte den Endstand her und England hatte zum ersten Mal seit 2003 wieder in Cardiff gewonnen, damals war Boss Johnson noch selbst als Kapitän auf dem Rasen gestanden. Zwei Punkte zum Start nun drei Heimspiele in Folge: Englands Aussichten im heurigen Turnier können als rosig gelten.

Dem ersten Mal so nah

Am Samstag brach sich im Stadio Flamini zu Rom in der 75. Minute eine Eruption der Freude Bahn als Luke McLean Italien gegen Irland 11:10 in Führung brachte. Nur noch ein paar Augenblicke trennten die Azzuri vom ersten Sieg über die Iren in der Geschichte der Six Nations. Doch die Gäste hatten doch noch ein Ass im Ärmel: ein Dropgoal von Ronan O'Gara zwei Minuten später ließ die Sonne vom vorfrühlingshaften Himmel über der ewigen Stadt stürzen.

Italien vergoss gegen eine nach vielen verletzungsbedingten Ausfällen quasi neuformierte irische Mannschaft wie üblich viel Herzblut. Spielerisch herrschte jedoch eher Trockenheit vor und es war folgerichtig, dass erst einmal allein zwei verwandelte Penalties von Mirco Bergamasco die Anzeigetafel in Bewegung brachten. Wacker, aber über die Maßen bieder, machten die Italiener nicht den Eindruck, aus dem Spiel zu Punkten kommen zu können.

Doch mit lobenswertem Einsatz ließen sie ihre physische Überlegenheit wirken und zwangen die Iren im Scrum so manches Mal in den Rückwärtsgang. Diese erwiesen sich zwar doch als flinker und im Kombinationsspiel etwas kreativer, glichen das aber wiederholt durch technische Fehler recht überzeugend wieder aus. Allein Brian O'Driscoll fand auf Seiten der Grünen mit einem entschlossenen Spurt den Weg über die Linie.

Gallisches Genie

Bleibt noch der Blick auf den Titelverteidiger. Frankreich ließ in Saint Denis keinen Zweifel, dass das schmerzliche 16:59 gegen Australien im November keine dauerhaften Spuren hinterlassen hat. Gegen Schottland blitzte immer wieder jenes Flair auf, zu dem  außer den Franzosen kein anderes europäisches Team fähig ist.

Mit wunderbar anzusehenden Attacken, geradezu berstend vor Spielfreude, Dynamik und ja: Magie, wurde ein ganz und gar nicht schwaches schottisches Team auseinandergenommen. Entscheidende Ballverluste des wagemutigen Gegners waren es, die es den Franzosen ermöglichten ihrer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen: dem Konter. 34:21 hieß es am Ende, und das einzige, worüber Coach Marc Lièvremont vielleicht ein bisschen mäkeln könnte, ist eine gewisse Lässigkeit, die Schottland bemerkenswerte drei Tries durchgehen ließ.  (Michael Robausch)

ERGEBNISSE:

Wales - England 19:26 (6:13)

Wales
Try: Morgan Stoddart; Penalties: Stephen Jones (3), James Hook; Conversion: Jones
Gelbe Karte: Craig Mitchell

England
Tries: Chris Ashton (2); Penalties: Toby Flood (3), Jonny Wilkinson; Conversions: Flood (2)
Gelbe Karte: Louis Deacon

Wales: 15-James Hook, 14-Morgan Stoddart, 13-Jamie Roberts, 12-Jonathan Davies, 11-Shane Williams, 10-Stephen Jones (22-Lee Byrne; 67), 9-Mike Phillips (20-Dwayne Peel; 70); 8-Andy Powell (18-Ryan Jones; 34), 7-Sam Warburton, 6-Dan Lydiate (17-John Yapp; 53 - 6-Dan Lydiate ;58 - 19-Jonathan Thomas 70), 5-Alan Wyn Jones, 4-Bradley Davies, 3-Craig Mitchell (17-John Yapp; 72), 2-Matthew Rees (16-Richard Hibbard; 71), 1-Paul James

England: 15-Ben Foden, 14-Chris Ashton, 13-Mike Tindall, 12-Shontayne Hape, 11-Mark Cueto, 10-Toby Flood (21-Jonny Wilkinson; 67), 9-Ben Youngs (20-Danny Care; 63); 8-Nick Easter, 7-James Haskell (19-Joe Worsley; 63), 6-Tom Wood, 5-Tom Palmer, 4-Louis Deacon (18-Simon Shaw; 70), 3-Dan Cole, 2-Dylan Hartley (16-Steve Thompson; 70), 1-Andrew Sheridan (17-Dave Wilson; 61).

Referee: Alain Rolland (Irland)

Samstag:
Italien - Irland 11:13 (6:3)

Italien: Try: Luke McLean; Penalties: Mirco Bergamasco (2)

Irland: Try: Brian O'Driscoll; Penalty: Jonathan Sexton; Conversion: Sexton; Drop goal: Ronan O'Gara
Gelbe Karte: Denis Leamy

Frankreich - Schottland 34:21 (17:7)

Frankreich: Tries: Maxime Medard, penalty try, Imanol Harinordoquy, Damien Traille; Conversions: Morgan Parra (2), Dimitri Yachvili (2); Penalty; Dimitri Yachvili; Drop goal: Francois Trinh-Duc

Schottland: Tries: Alastair Kellock, Kelly Brown, Sean Lamont; Conversions: Dan Parks (2), Ruaridh Jackson.

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    Englands Dylan Hartley beim Flugtag in Cardiff.

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    Italien hat Paul O'Connell in der Mangel.

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