"Einpacken? Es geht um mehr!"

  • Jakob Dunkl: "Der einzig sinnvolle Ausweg aus dem Teufelskreis lautet 
Sensibilisierung."
    foto: robert newald

    Jakob Dunkl: "Der einzig sinnvolle Ausweg aus dem Teufelskreis lautet Sensibilisierung."

Wärmedämmen - das ist nur Schadensmilderung, meint Jakob Dunkl, Sprecher der Plattform für Architekturpolitik und Baukultur

STANDARD: Bei der Klubenquete am Donnerstag haben alle gesprochen: Politiker, Bauträger, diverse Lobbyisten. Bloß die Architekten kamen nicht zu Wort. Wo waren die?

Dunkl: Die Architekten haben erst letzte Woche von dieser Enquete erfahren. In den Diskussionsblock am Ende der Veranstaltung mussten sie sich hartnäckig hineinreklamieren.

STANDARD: Wurden sie ignoriert?

Dunkl: Mir wurde gesagt, man hätte nicht an uns gedacht. Wenn das wahr ist, dann ist das eine ziemlich traurige Sache. Offenbar hat sich in der Politik noch nicht herumgesprochen, dass Architekten und Planer in der Baukultur einen wichtigen Part übernehmen. Am meisten bewirken kann man immer noch in der frühen Planungsphase. Hier anzusetzen, das wäre wahre Nachhaltigkeit.

STANDARD: Wenn vom N-Wort die Rede ist, dann meistens nur in Verbindung mit einer um sich wütenden Wärmedämmpolitik.

Dunkl: Wärmedämmung - das ist so ziemlich das Letzte, woran man beim Thema Nachhaltigkeit denken sollte. Es geht um mehr. Viel tiefgreifender, als ein Haus in Styropor einzupacken, ist etwa die Regionalplanung. Das Problem ist, dass die Bebauung in Österreich viel zu locker ist. Die meisten von uns leben in ihrem kleinen Häuschen mit Garten rundherum. Eine Frage: Wo brauche ich mehr Wärmedämmung? Beim Einpacken eines Einfamilienhauses oder beim Einpacken von zehn Wohnungen in einem Mehrfamilienhaus? Sie haben's erraten! Ein Einfamilienhaus ist wesentlich aufwändiger.

STANDARD: Die Regierung hat eine Sanierungsoffensive gestartet. Für die kommenden vier Jahre stehen jeweils 100 Millionen Euro zur Verfügung. Reicht das?

Dunkl:  Ob das reicht? Das sind nur zwölf Euro pro Einwohner. Nein, das reicht natürlich nicht.

STANDARD: Die Kritiker fordern 300 Millionen Euro pro Jahr.

Dunkl: Das geht schon in die richtige Richtung.

STANDARD: Dagegen ist wiederum Wirtschaftsminister Mitterlehner.

Dunkl: Er meint: Würde man mehr ins System hineingeben, zum Beispiel 300 Millionen Euro, könnte davon sehr viel ins Ausland abfließen. Das will er nicht, er will nämlich die Inlandskonjunktur ankurbeln. Das ist der Beweis: Hier geht es nicht um Ökologie, sondern um die Steigerung der Wirtschaft.

STANDARD: Mit dem aktuellen Tempo kommt man aber nicht weit. Die Sanierungsrate beträgt derzeit ein Prozent. Wenn wir dabei bleiben, sind alle zum heutigen Zeitpunkt sanierungsbedürftigen Häuser erst in 100 Jahren erneuert. Dann kann man wieder bei null anfangen.

Dunkl: Ja, das ist absurd. Wir drehen uns hier im Kreis. Wir können noch so viel fördern und noch so viel dämmen, aus diesem Teufelskreis kommen wir nie wieder raus.

STANDARD: Was tun?

Dunkl: Fördern und Dämmen - das ist nur eine Schadensmilderung. Langfristig sehe ich nur einen einzigen sinnvollen Ausweg, und der lautet Sensibilisierung. Der Fokus muss im Bereich Bildung und Aufklärung liegen. Wenn wir es schaffen, dass die Menschen von der ersten Schulstufe bis zur Erwachsenenbildung immer wieder mit dem Thema Architektur und Baukultur konfrontiert werden, so wie das etwa in Skandinavien der Fall ist, dann wird auch die Nachfrage nach Bauen und Wohnen eine intelligentere sein.

STANDARD: Woran scheitert's?

Dunkl: An den Legislaturperioden. So eine Investition in die Bildung lässt sich nicht so gut vermarkten. Das ist eine sehr langwierige Maßnahme. Bis die ersten Resultate ans Tageslicht treten, dauert's ein, zwei Generationen. Doch dafür bräuchte es auch keine 100 Jahre, bis die Baubranche dort angelangt ist, wo sie auch hingehört. (Wojciech Czaja, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6.2.2011)

Jakob Dunkl (47) ist Architekt und Sprecher der Plattform für Architekturpolitik und Baukultur.

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