"Einpacken? Es geht um mehr!"

Wojciech Czaja
6. Februar 2011, 19:42
  • Jakob Dunkl: "Der einzig sinnvolle Ausweg aus dem Teufelskreis lautet 
Sensibilisierung."
    foto: robert newald

    Jakob Dunkl: "Der einzig sinnvolle Ausweg aus dem Teufelskreis lautet Sensibilisierung."

Wärmedämmen - das ist nur Schadensmilderung, meint Jakob Dunkl, Sprecher der Plattform für Architekturpolitik und Baukultur

STANDARD: Bei der Klubenquete am Donnerstag haben alle gesprochen: Politiker, Bauträger, diverse Lobbyisten. Bloß die Architekten kamen nicht zu Wort. Wo waren die?

Dunkl: Die Architekten haben erst letzte Woche von dieser Enquete erfahren. In den Diskussionsblock am Ende der Veranstaltung mussten sie sich hartnäckig hineinreklamieren.

STANDARD: Wurden sie ignoriert?

Dunkl: Mir wurde gesagt, man hätte nicht an uns gedacht. Wenn das wahr ist, dann ist das eine ziemlich traurige Sache. Offenbar hat sich in der Politik noch nicht herumgesprochen, dass Architekten und Planer in der Baukultur einen wichtigen Part übernehmen. Am meisten bewirken kann man immer noch in der frühen Planungsphase. Hier anzusetzen, das wäre wahre Nachhaltigkeit.

STANDARD: Wenn vom N-Wort die Rede ist, dann meistens nur in Verbindung mit einer um sich wütenden Wärmedämmpolitik.

Dunkl: Wärmedämmung - das ist so ziemlich das Letzte, woran man beim Thema Nachhaltigkeit denken sollte. Es geht um mehr. Viel tiefgreifender, als ein Haus in Styropor einzupacken, ist etwa die Regionalplanung. Das Problem ist, dass die Bebauung in Österreich viel zu locker ist. Die meisten von uns leben in ihrem kleinen Häuschen mit Garten rundherum. Eine Frage: Wo brauche ich mehr Wärmedämmung? Beim Einpacken eines Einfamilienhauses oder beim Einpacken von zehn Wohnungen in einem Mehrfamilienhaus? Sie haben's erraten! Ein Einfamilienhaus ist wesentlich aufwändiger.

STANDARD: Die Regierung hat eine Sanierungsoffensive gestartet. Für die kommenden vier Jahre stehen jeweils 100 Millionen Euro zur Verfügung. Reicht das?

Dunkl:  Ob das reicht? Das sind nur zwölf Euro pro Einwohner. Nein, das reicht natürlich nicht.

STANDARD: Die Kritiker fordern 300 Millionen Euro pro Jahr.

Dunkl: Das geht schon in die richtige Richtung.

STANDARD: Dagegen ist wiederum Wirtschaftsminister Mitterlehner.

Dunkl: Er meint: Würde man mehr ins System hineingeben, zum Beispiel 300 Millionen Euro, könnte davon sehr viel ins Ausland abfließen. Das will er nicht, er will nämlich die Inlandskonjunktur ankurbeln. Das ist der Beweis: Hier geht es nicht um Ökologie, sondern um die Steigerung der Wirtschaft.

STANDARD: Mit dem aktuellen Tempo kommt man aber nicht weit. Die Sanierungsrate beträgt derzeit ein Prozent. Wenn wir dabei bleiben, sind alle zum heutigen Zeitpunkt sanierungsbedürftigen Häuser erst in 100 Jahren erneuert. Dann kann man wieder bei null anfangen.

Dunkl: Ja, das ist absurd. Wir drehen uns hier im Kreis. Wir können noch so viel fördern und noch so viel dämmen, aus diesem Teufelskreis kommen wir nie wieder raus.

STANDARD: Was tun?

Dunkl: Fördern und Dämmen - das ist nur eine Schadensmilderung. Langfristig sehe ich nur einen einzigen sinnvollen Ausweg, und der lautet Sensibilisierung. Der Fokus muss im Bereich Bildung und Aufklärung liegen. Wenn wir es schaffen, dass die Menschen von der ersten Schulstufe bis zur Erwachsenenbildung immer wieder mit dem Thema Architektur und Baukultur konfrontiert werden, so wie das etwa in Skandinavien der Fall ist, dann wird auch die Nachfrage nach Bauen und Wohnen eine intelligentere sein.

STANDARD: Woran scheitert's?

Dunkl: An den Legislaturperioden. So eine Investition in die Bildung lässt sich nicht so gut vermarkten. Das ist eine sehr langwierige Maßnahme. Bis die ersten Resultate ans Tageslicht treten, dauert's ein, zwei Generationen. Doch dafür bräuchte es auch keine 100 Jahre, bis die Baubranche dort angelangt ist, wo sie auch hingehört. (Wojciech Czaja, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6.2.2011)

Jakob Dunkl (47) ist Architekt und Sprecher der Plattform für Architekturpolitik und Baukultur.

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rechenbeispiel

10 Einfamilienhäuser (EFH) a 100m2 (10x10) mit einer Höhe von 4m=1600m2 Fassadenfläche

1 eingeschossiges Haus mit 10 Wohnungen a 100m2 (100x10) mit einer Höhe von 4m=880m2

Die EFH haben daher also 45% mehr Fassadenoberfläche - fast das Doppelte!
Rein mathematisch sollte jedem klar sein, was für Energieschleudern EFH sind! abgesehen davon dass die Verhüttelung auf Kosten von Grün- und Waldflächen gehen!

Du willst den Leuten also vorschreibe wie sie zu wohnen und zu bauen haben?

Schlaue Idee.
Wir könnten auch gleich das mit der Einkindpolitik von den Chinesen kopieren...und gleich auch auf dem Rest der Welt einführen...
Super

der lehrer sagt 1+1=2

ja will mir der jetzt vorschreiben wie ich zu rechnen hab? vorsicht: aufklärung, bildung und wissen können ihr leben verändern!

schreibe niemanden etwas vor

zeige nur wie rücksichtslos das einfamilienhaus anderen gegenüber ist...

problem ist die bäuerliche vorstellung

dass ein haus freistehen muss und von wiese umgeben sein muss und einmal gebaut und dann nie mehr verlassen wird.

ein passivhaus nutzt nichts wenn ich 15km in den nächsten vorortshoppingtempel fahren muss.

wer nicht an der agrar- oder tourismuswertschöpfung beteiligt ist hat am land nichts verloren. diese zustand mit förderungen zu prolongieren ist schwachsinn, denn nachkriegszeithäuser im waldviertel oder in der mur-mürz region werden sowieso verlassen werden und verfallen.

Jawohl, der kleine Diktator hat gesprochen.

Was geht es dich an wo die Leute leben wollen?
Klar wäre es praktisch wenn wir 95% der Bev. in 4m² Schlafkochwohnwartieren unterbringen und festhalten könnten...

also dich würd ich schon gern auf 4m² unterbringen

gerne können die leute ihr haus bauen wo sie wollen. nur sollten sie dann auch die strassen und infrastruktur selbst zahlen und nicht jammern wenn es dann in st. kanzian keine hockn gibt.

die österreichische bauunkultur der nachkriegszeit ist wahnsinn!

Ein Einfamilienhaus ist wesentlich aufwändiger.

besonders, wenn man es so macht wie ein bekannter (und viele andere auch):

dieser hat seinerzeit sein haus in der maximalvariante (die für max 4 jahre sinn machte) geplant: und heute, wo die kinder ausgezogen sind, sitzt er allein in einem riesenhaus mit jeder menge nicht benötigten räumen und die heizkosten fressen sein budget auf...

Bei kleinen Hausbauer verdienen die Herr'n Architekten nichts...

Da wird schon klar warum man sich Hochhäuser wünschen soll.

Niederwalzen

und dann nachhaltig wieder aufbauen.
So könnt´s ewig weitergeh´n.

100 Millionen für die Burka

Anlässlich des Beschlusses der Österreichischen Bundesregierung 100 Millionen Euro für die Thermische Sanierung von Gebäuden zur Verfügung zu stellen und der parlamentarischen Enquete „Zukunftsinvestitionen in Umwelt, Bauen und Wohnen" erlaube ich mir folgenden Artikel, erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 16. November 2010 zu rebloggen:

Die Burka fürs Haus

Wohnen, Dämmen, Lügen: Am deutschen Dämmstoffwesen soll das Weltklima genesen. Was der neue Fassadenstreit über unser Land verrät und warum Vollwärmeschutz das Gegenteil von Fortschritt ist.

Von Peter Richter und Niklas Maak

Weiterlesen....
http://krammer.typepad.com/blog/2011... burka.html

"Modernes Sicherheitsglas hält es sogar aus, wenn man rückwärts mit dem SUV hineinfährt; die Wärmedämmverbundwand zerfällt schon beim Beschuss mit normalen Fußbällen in unansehnliche Einzelteile."

das nenn ich treffend. haha.

100 millionen für die burka teil 2

würden mehr alternativen angeboten, würden auch alternativen bei grösseren abnahmekontingenten weniger preisintensiv sich gestalten. aber das wird erfolgreich unterdrückt. vielleicht hätte es bereits aufklärende wirkung, wenn die entsorgungskosten in 10 jahren (sondermüll wird ständig teurer) im preis bereits mitkalkuliert würden.
und: österreich scheint eine so wunderbare klimabilanz aufzuweisen, dass es sich leisten kann, diesen styropor-wahnsinn zu fördern.
p,s, eine k l e i n e burgenländische schule, gelegen in einem kleinen idyllischen ort sollte wärmeisoliert werden. es war unglaublich zu sehen, wie der komplette grosse schulhof meterhoch angefüllt war mit rosa styroporbergen. ein wirklicher wahnsinn!

100 millionen für die burka - teil1

herzlichen dank dem poster, niklas maak und peter richter!!!
ich leben in wien in einer altbauwohnung, eine kommunmauer des hauses soll wärmeisoliert werden, was dort sogar sinnvoll sein könnte, das haus nicht luftdicht verpacken würde.
auf nachfrage nach styropor-alternativen wurde mir von der hausverwaltung mitgeteilt, dass alternativen (aus natürlichen materialen, die nicht nach 10 jahren als sondermüll zu entsorgen wären) ein vielfaches an kosten verursachen würde.
alternativen werden auch nur auf spezielle nachfrage angeboten. die politik unterstützt eine kunststoffindustrie, die vermutlich erfolgreich lobbying betreibt in österreich. es gilt die unschuldsvermutung.

Ein paar der so genanten "Argumente" im

von ihnen verlinkten Artikel hab ich nur überhaupt nicht verstanden, was soll z.b. an einem Klebemörtel so besonders Klimaschädigend sein? - Und ja besser Dämmen wird immer mit höherem Resurcenaufwand verbunden sein, das ist bei Richters Backsteinhaus auch nicht anders, nur wenns hilft für 40 oder 100Jahre jedes Jahr eine Menge Brennstoff einzusparen? - Aufwand zu Gewinn oder von mir aus Amortisationszeit (von mir aus wieder in Bezug gesetzt zur Gesamtlebensdauer eines Bauteil, dass ist dann wohl das Effizienzkriterium?!
Richter (oder Maak) scheinen mir da zum Teil Argumente für die von ihnen Bervorzugte (lokal in Deutschland traditionelle Bauweise) über das rein esthetische hinaus Sachargumente an den Haaren herbeiziehen zu wollen.

zwei punkte:

1. ist das bewusstsein längst vorhanden- zumindest bei den kleinen häuslbauern. in meinem umfeld bauen alle passiv oder niedrigstenergiehäuser.

2. wir können uns leisten- wohnraum ist ein luxus und lebensqualität. schaun wir uns doch die bevölkerungsentwicklung an, dann sollten wir sehen, dass das nicht mehr lang ein problem ist. ist ja seit jahren rückläufig...

was nütz ein Passivhaus, wenn man täglich 20km mit dem Auto in die Arbeit fährt?
Das ist maximal eine Gewissensberuhigung für die Häuselbauer. Das ganze wird noch mit der Pendlerpauschale gewürzt.
Da ist ja jeder 70er Jahre Plattenbau mit gleichzeitiger Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel ökologischer.

Kannst dir eh ausrechnen ob es was bringt.
Spart 200kwh/m² im Jahr, bei 150m² sind das 30.000kwh/a also ca. 3061 Liter Diesel.

Pendeln würden die sowieso auch ohne Passivhaus.
Jetzt müssten wir halt nur noch sauberen Strom und E-Autos haben.

Milchmädchenrechnung!

Allo Herr Dinkel - Dünkel

Niemand hält sie auf sofort in einen ach so günstig einzupackenden Wohnblock zu übersiedeln!

Wobei noch zu sagen ist, dass das "einpacken" Geldverschendung ist und das Wohnklima verschlechtert! Aber das ist ja gegen das Geschäft und hat sich scheinbar noch nicht zu den ach so guten Architekten durchgesprochen!

Wasser predigen und Wein trinken !

Wie viele Architekten leben selbst in Massenwohnblocks ?

...ehh fast alle ;-)

...ernsthafte und engagierte Architektur ist ganz ganz schlecht bezahlt, da geht sich für die meisten kein oder kaum Luxus aus...

eindeutig gehts um mher aber diie politik hats nicht begriffen: trotz unzähliger appelle & berechnungen div. wirtschaftsforschungsinstitute, die zukünfige pönalezahlungen des staates, eigenversorgung, arbeitsplätze, rohstoffabhängigkeit bewerteten.

mit dem ziel, ökologisierung der bebauung inkl. mobilität kann ich gut leben

aber was tun mit über 550 000 häusern auf dem flachen land z.b. in NÖ?

weiter unökologisch und zukünftig auch unwirtschaftlich vor sich hindümpeln lassen oder gar abreissen & neu bauen?
ich finde wir sollten alle mehr vernetzter denken und handeln und der versuchung widerstehen
ein gutes argument(bebauung) gegen andere aspekte (ökoeffizienz) auszuspielen
wer nur auf einem fuss zu gehen versucht, der hinkt

Man kann alles dämmen.
Auch nachhaltig.
Muss ja nicht EPS/XPS sein.

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