Und manchmal höre ich den Boden knarren

4. Februar 2011, 19:10
51 Postings

Einst Frauenkloster, dann Napoleons Bleibe und nun das Zuhause von Falter-Chefredakteur Armin Thurnher

Einst Frauenkloster, dann Napoleons Bleibe und nun das Zuhause von Armin Thurnher. Beim Chefredakteur der Wiener Stadtzeitung "Falter" war Wojciech Czaja zu Besuch.

***

"Vor 20, 25 Jahren habe ich mit meiner damaligen Lebensgefährtin am Stephansplatz gewohnt. Ich war da so gern, dass ich beschlossen habe, im ersten Bezirk zu bleiben. Das einzige Problem: Unter normalen Umständen kann man sich eine Wohnung in der Innenstadt nicht leisten. Doch eines Tages, ganz zufällig, habe ich von dieser Wohnung hier gehört. Niemand wollte sie haben. Und ich habe mir gedacht: Das ist es. Her mit dem Schlüssel!

Ursprünglich war das ein Frauenkloster. Die Räume sind groß und hoch, aber auch dunkel. Angeblich hat sich kurz einmal auch Napoleon hier aufgehalten. Es heißt, dass er in diesem Haus den 'Frieden von Pressburg' unterzeichnet hat. Anzunehmen, dass das hier in diesem Zimmer in der Beletage war. Am Ende wurde die Wohnung dann als Möbeldepot genutzt. Sie war gerammelt voll mit Kästen, im Parkettboden waren noch die Abdrücke der schweren Barockmöbel zu sehen.

Außerdem war die Elektrizität desolat, die Heizung war nur in einer Hälfte der Wohnung installiert, es gab zwei Badezimmer, aber beide am absolut falschen Platz. Der Umbau hat über ein Jahr gedauert. Beim Falter hat damals ein Architekt gearbeitet. Der hat mir bei der Planung geholfen.

Den Umbau habe ich mehr oder weniger allein mit der Hilfe einiger Freunde gemacht. Ein Wahnsinn, denn das Haus ist nicht nur mit Ziegeln gebaut, sondern auch mit ziemlich gewaltigen Steinen. Beim Verlegen der Elektrik musste man sich durch die Felsbrocken stemmen.

Viele lustige Anekdoten! Der Hans Hurch von der Viennale hat mir damals beim Ausmalen geholfen. In seinen Malerklamotten hat er ein recht migrantenartiges Bild abgegeben. Jedenfalls kommt plötzlich der Hausbesitzer rein, als ich grad nicht da bin, schaut den Hansi an und sagt: 'Wo sein Chef?' Darauf der Hurch, nicht grad mundfaul, wie wir alle wissen: 'Chef nix da.' So haben sie dann 20 Minuten lang geredet. So was passiert dir nur in Wien.

Ich wohne gerne hier. Am Anfang hat mich das Knarren des Parkettbodens irritiert. Man sitzt still und leise im Eck, liest ein Buch und hört den Boden knarren, obwohl sonst niemand im Raum ist. Später erst merkt man, dass das nur das eigene Echo von vor einer halben Stunde ist.

Am liebsten halte ich mich im Wohnzimmer auf: lesen, gemeinsam abendessen, was auch immer. Der Esstisch war früher mal ein Besprechungstisch in meinem Falter-Büro. Die Sessel sind irgendwie zusammengetragen. Außerdem habe ich ein Klavier, auf dem ich regelmäßig spiele. Das ist einerseits gut für den Rücken und andererseits gut für den Kopf, weil es die Konzentration fördert. Ich lade manchmal auch Freunde ein, um gemeinsam Kammermusik zu machen. Da es rundherum keine Nachbarn gibt, können wir so laut spielen, wie wir wollen.

Im Zimmer nebenan habe ich meine Bibliothek. Sie besteht aus ganz einfachen Regalen, die modular ineinandergesetzt sind. Sehr clever das Ganze, Wolfgang Bürgler von limit architects hat es geplant. Außerdem ist eine Galerie eingezogen, um auch zu den Büchern ganz oben zu gelangen. Trotzdem: Hier in Wien habe ich nur ein Drittel meines Bücherbestandes. Der Rest ist draußen im Waldviertel.

Ich habe die Bücher zwar clever geteilt, indem ich hier die ganze Literatur habe, die ich zum Arbeiten brauche, also Sachbücher, Philosophie, Politik, Geschichte und so weiter, dennoch ist es blöd, zwei Bibliotheken zu besitzen. Das sind zwei halbe Sachen. Die Präsenz all dieser Bücher auf einmal wäre natürlich ein Luxus. Aber das geht nicht. Dafür habe ich hier allerhand anderes gedrucktes Zeug, denn mein größtes Problem ist: Ich kann nichts wegschmeißen. Ich bin tendenziell ein Messie." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6.2.2011)

ARMIN THURNHER, geboren 1949 in Bregenz, studierte Anglistik, Germanistik und Theaterwissenschaften in Wien und New York. 1977 gründete er die Wiener Stadtzeitung Falter, die er seit den Achtzigerjahren als Chefredakteur leitet. Er sitzt im Vorstand der Fernsehanstalt Okto und des Klangforum Wien sowie im Kuratorium der Viennale.

Thurnher wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln (2010). Seine letzten zwei Bücher sind der Roman Der Übergänger (Zsolnay, 2009) sowie das Kochbuch Thurnher auf Rezept (Falter Verlag, 2010).

  • Monatelang durch Stein und Fels gestemmt, danach fleckig zugeputzt: 
Armin Thurnher in seiner eigenhändig renovierten Wohnung in der Wiener 
Innenstadt.
(Foto: Lisi Specht)
    foto: lisi specht

    Monatelang durch Stein und Fels gestemmt, danach fleckig zugeputzt: Armin Thurnher in seiner eigenhändig renovierten Wohnung in der Wiener Innenstadt.

    (Foto: Lisi Specht)

Share if you care.